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Albrecht Schmidt: Vom Abschied eines Widerständlers

Von Christoph Hardt
Wenn er in letzter Zeit lächelte, dann unter Vorbehalt. Zwölf Jahre hat er in seiner Bank den Ton angegeben, umso schlimmer müssen die Monate der Tatenlosigkeit gewesen sein. Jetzt hat Albrecht Schmidt, 67, die Konsequenzen gezogen.
HB MÜNCHEN. Noch bevor der neue Herr der Hypo-Vereinsbank, Alessandro Profumo aus Mailand, gestern die Übernahme der bayerischen Großbank verkünden konnte, hat Schmidt seinen Rücktritt als Vorsitzender des Aufsichtsrats erklärt.Rein formal ist das ein ganz normaler Vorgang, entsprechend emotionslos sei die Erklärung ausgefallen, erzählen Leute aus dem Aufsichtsrat. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass mit diesem Rücktritt mehr zu Ende geht als eine Ära.

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Denn die HVB, die älteste deutsche Aktienbank, wird unter dem Dach der Unicredito eine andere sein. Albrecht Schmidt hat das anfangs mit aller ihm verbliebenen Macht zu verhindern gesucht, wohl auch deshalb, weil es sein Nachfolger Dieter Rampl war, der das Geschäft angebahnt hatte ? ohne ihn. Von Rampl an den Rand gedrängt zu werden, das hat Schmidt nicht verwunden. Am Ende hat er sich gefügt, wenn auch nicht ganz. Dass Rampl die Bank viel zu billig nach Mailand verkauft hat, daran hält Schmidt bis heute fest.Wäre es zum Schluss anders gekommen, diese Karriere hätte Lehrbuchformat. Als Trainee steigt der promovierte Jurist Schmidt 1967 in die Hypothekenabteilung der Bayerischen Vereinsbank ein. Damals ist das Haus eine feine, aber vor allem ziemlich bayerische Adresse. Schmidt wird es sein, der aus dem Haus in den 90er-Jahren eine ?focussierte Universalbank? baut.Die Laufbahn des in Leipzig geborenen Architektensohns ist wie der Mensch, relativ unauffällig, aber im-mer konsequent. Schmidt denkt in großen Dimensionen, ohne den Sinn fürs Detail zu verlieren. Das zeigt er, musisch stets hoch interessiert und literarisch immer auf dem Laufenden, schon als Repetitor an der Universität ? aber das ist eine andere Geschichte. Schon sechs Jahre nach seinem Berufseinstieg zieht er in die Führungsetage der Tochtergesellschaft in Nürnberg ein, 1979 ist er im Vorstand der Konzernmutter angekommen. Im Mai 1990 hat es Schmidt geschafft, er wird Vorstandssprecher; und schon wird es spannend.Mit dem neuen Chef beginnt eine Phase kräftigen Wachstums. Ob Schanghai oder Schwechat, die Bank wird im Ausland aktiv, übernimmt die Norisbank, wird zum Vorreiter im Online-Banking. Im Gegensatz zur Frankfurter Konkurrenz aber gibt er keine Milliarden fürs Investment-Banking aus. Auch deshalb wird er bald Süddeutschlands mächtigster Banker ? und nicht nur das.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bis heute ist die Frage, was Schmidt gewusst hatDie Finanzmärkte sind überrascht, als 1996 bekannt wird, dass die Deutsche Bank ein Paket von mehr als fünf Prozent an der Vereinsbank gekauft hat. Schmidt, um seine Unabhängigkeit besorgt, ersinnt eine Abwehrstrategie. Die heißt: Bayerische Hypotheken- und Wechselbank. Die Experten sprechen von einem Coup, als Schmidt im Juli 1997 die Fusion verkündet. Niemand scheint damals zu ahnen, welche Altlasten vor allem in den Büchern der Hypobank schlummern.Bis heute ist die Frage, was Schmidt gewusst hat. Hartnäckig hält sich die Geschichte, Schmidt und sein damaliger Partner, der Chef der Hypobank, Eberhard Martini, hätten die Bücher binnen weniger Stunden in einem Münchener Hotel überprüft und für würdig befunden. Als Martini wenige Monate nach der Fusion dazu gezwungen wird, eine Wertberichtigung von 3,5 Milliarden D-Mark anzukündigen, beginnt die Zeit der Wirren, deren Endergebnis bekannt ist.Als Martini 1999 im Streit geht, hat der Visionär Schmidt längst neue Pläne. Weil er im Osteuropageschäft die Zukunft sieht, verhandelt er mit der größten Bank Österreichs, die bestens aufgestellt ist im ehemaligen KuK-Reich, über eine Fusion. Angefeindet von vielen Österreichern, die ?Landesverrat? wittern, zieht Schmidt mit seinem späteren Kollegen Gerhard Randa die Übernahme der Bank Austria durch, die erste grenzüberschreitende Bankenfusion in Europa.Dann aber holt den Visionär die Vergangenheit ein: Der Zusammenbruch der Internetwirtschaft und der lange Niedergang der Immobilienmärkte bedrohen die Existenz der Bank. 2002 rutscht die HVB erstmals in ihrer Geschichte in die roten Zahlen, Schmidt sieht jetzt ? vielleicht zu spät ? ein, dass ein Sanierer gebraucht wird und entscheidet sich für Dieter Rampl als Nachfolger. Kürzlich hat Schmidt gesagt: ?Ich habe Fehler gemacht bei der Auswahl des Managements.? Nicht wenige sagen, er habe Rampl damit gemeint.Ende November wird sich der alte Aufsichtsrat noch einmal treffen, Albrecht Schmidt hat zum Abschiedsessen geladen. Gut möglich, dass er dann schon froh ist, es hinter sich zu haben. Bekannte erzählen, er selbst empfinde die letzten zwölf Monate als bedrückend. Für Albrecht Schmidt sei es eine bleierne Zeit gewesen.
Albrecht Schmidt1938 wird er am 13. März in Leipzig geboren. Später studiert er Rechtswissenschaften in Tübingen und München und promoviert.1967 startet er seine Karriere bei der Bayerischen Vereinsbank. 1973 wird er stellvertretendes und 1976 ordentliches Vorstandsmitglied der Tochtergesellschaft Vereinsbank in Nürnberg (heute Nürnberger Hypothekenbank).1979 rückt er in den Vorstand der Konzernmutter auf.1990 wird er Vorstandssprecher der Bayerischen Vereinsbank.1997 verkündet er die Fusion der Vereinsbank mit der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank an und steigt später zum Vorstandssprecher der neuen Hypo-Vereinsbank auf.2003 wechselt er an die Spitze des Aufsichtsrats.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.10.2005