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Albert Frère: Verschwiegen und unberechenbar

Von H.-P. Siebenhaar
Der belgische Milliardär Albert Frère zwingt den Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann an die Börse. Das Porträt eines Mannes, der gerne gut isst und trinkt, der als geizig gilt - und als unberechenbar.
DÜSSELDORF. Die Häuserzeilen in Charleroi sind grau-schwarz vom Kohlebergbau und der Stahlindustrie. Rote Gewerkschaftsfahnen hängen an den Gebäuden. Wenn in Belgien gestreikt wird, dann hier. Meistens regnet es. Einst blühendes Wirtschaftszentrum, ist die südbelgische Stadt in den vergangenen zwei Jahrzehnten verarmt.Nur ein paar Kilometer entfernt liegt ?Blanche Borne?, das Reich von Albert Frère, einem der mächtigsten und verschwiegensten Männer Belgiens. Inmitten eines 250 Hektar großen Waldes hat er sich Büroräume für seine Holding bauen lassen. Das kunstvoll geschwungene Gebäude strahlt in Weiß. In der Eingangshalle stehen unzählige Skulpturen. Kostbare Gemälde zieren die Wände.

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Von hier aus steuert der große, untersetzte Belgier mit den spärlichen grauen Haaren seine Firmengruppe, deren Wert das Wirtschaftsmagazin ?Forbes? 2002 auf über elf Milliarden Euro schätzte. Hier gab er am vergangenen Freitag auch eine wirkungsvolle, aber kurze Anweisung: In einer dürren Pressemitteilung kündigte er an, er werde ab Mai den Börsengang von Europas größtem Medienriesen Bertelsmann verlangen.Das Recht dazu hatte er erworben, als er im Jahr 2001 seine Anteile am Luxemburger Fernseh- und Radiokonzern RTL Group gegen 25,1 Prozent an Bertelsmann eintauschte. Die Sperrfrist für einen Verkauf des Pakets an der Börse läuft nun im Mai dieses Jahres aus. Im nächsten Jahr könnte ein Börsengang erfolgen.Frères Ankündigung sorgte in der Gütersloher Bertelsmann-Zentrale für Aufregung. Denn bislang hatten die Mehrheitseigentümer, die Familie Mohn, andere Signale vom belgischen Partner erhalten. Den Kontakt zu Frère hält in der Regel Bertelsmann-Chef Gunter Thielen. Der trifft regelmäßig Frère und seinen Vertrauten Gilles Samyn, der im Bertelsmann-Aufsichtsrat sitzt. Dann gehen die drei ins Pariser Luxusrestaurant Georges V, unweit der Champs-Elysées, und sprechen bei Gänseleber und Steinbutt übers Geschäft.Für den Belgier ist das Investment in Ostwestfalen sehr lukrativ. Jedes Jahr überweisen die Deutschen die garantierte Rendite von 120 Millionen Euro. Auch ansonsten hat sich das Engagement Frères, der an diesem Samstag seinen 80. Geburtstag feiert, prächtig entwickelt. Branchenexperten gehen davon aus, dass der Verkauf seines Bertelsmann-Pakets über die Börse vier bis fünf Milliarden Euro bringen könnte.Kenner Frères warnen aber davor, voreilig Schlüsse aus seiner Ankündigung zu ziehen. ?Solange nichts unterschrieben ist, weiß man nicht, wie das Geschäft ausgeht. Frère liebt es, sein Gegenüber auf falsche Pisten zu locken?, sagt der Journalist José-Alain Fralon, der vor einigen Jahren eine Biografie über Frère verfasst hat. ?Kaum einer kann einschätzen, was in seinem Kopf vorgeht.?Der Sohn eines einfachen Nagelhändlers lebt zurückgezogen. Zu Journalisten hält er stets Distanz, gibt kaum Interviews. Er inszeniert sich gerne als Finanz-Aristokrat. Auf Fotos posiert er schon mal in einem seiner Sessel aus der Zeit Ludwigs des XVI. Er ist eine imposante Erscheinung: groß gewachsen, mit einer Vorliebe für elegante Anzüge.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Macht das Licht aus ? wir sind nicht die Familie Rothschild!?Frère gilt als geizig. Er selbst erzählt gerne, dass er noch immer systematisch das Licht ausschaltet, sobald er einen Raum verlässt. ?Meine Mutter schimpfte immer: ,Macht das Licht aus ? wir sind nicht die Familie Rothschild!?? Deren Reichtum hat Frère längst eingeholt ? dank seines Gespürs für die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit.Innerhalb weniger Jahre machte der junge Frère aus dem Laden seines Vaters einen florierenden Eisenwarenhandel. In den 50er-Jahren steigt er in die Stahlindustrie ein, die ihn innerhalb kurzer Zeit reich macht. Kurz bevor der Abstieg der Branche beginnt, verkauft Frère Ende der 70er-Jahre seine Anteile an den belgischen Staat und wendet sich anderen Sparten zu. Er kauft und verkauft, gründet mehrere Firmen und steht seit 1987 an der Spitze der Brüsseler Bank Groupe Bruxelles Lambert (GBL).Mit ihrer Hilfe erwirbt er nicht nur die Bertelsmann-Anteile. Er ist auch einer der Haupteigner an Konzernen wie Suez, Total und der kanadischen Gruppe Imerys. Im vergangenen Jahr wurde der Wert der GBL-Aktien an der Brüsseler Börse auf 10,7 Milliarden Euro geschätzt. Nach seiner Ankündigung, Bertelsmann an die Börse zu bringen, stieg die Aktie am Freitag um fast fünf Prozent.Albert Frère ist unberechenbar. ?Er folgt seiner Spürnase, die ihn noch nie im Stich gelassen hat?, sagt sein Mitarbeiter. Am liebsten verhandelt Frère, der vom belgischen König zum Baron ernannt wurde, auf dem Golfplatz oder bei einem guten Glas Wein. Denn der Belgier isst und trinkt gerne gut.In sein Portfolio gehören auch der Emmentaler Käse Entremont, die französische Hotel- und Champagner-Firma Taittinger sowie das bekannte Chateau Cheval Blanc im französischen Bordelais. Dort hat Frère sogar schon den russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Weinprobe empfangen.Er selbst pendelt zwischen seinen zahlreichen Häusern und Wohnungen. Erst kürzlich hat er sich ein Domizil in Marrakesch bauen lassen. Wenn er einlädt, kommt alles, was Rang und Namen hat. Zur Hochzeit seiner Tochter Ségolène reisten im September 2003 die älteste Tochter des Königs von Spanien, die Frau des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und zahlreiche Industrie-Chefs, etwa von Vivendi und Total, an.Die Geschäfte in Belgien übernimmt nach und nach sein Sohn Gérald, der das Familienunternehmen einmal führen soll. Zieht sich sein bald 80-jähriger Vater also ganz von der Finanzbühne zurück? Das glaubt ein Mitarbeiter des Vaters nicht. ?Albert hat seine Energie nicht verloren. Er hat immer gearbeitet, um Geld zu verdienen. Das ist seine Leidenschaft. Die wird er so schnell nicht aufgeben.?
Dieser Artikel ist erschienen am 30.01.2006