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Albert Einstein und die roten Zahlen

Von Joachim Hofer, Mailand
Carlo Bozotti ist angetreten, um Europas zweitgrößten Chiphersteller ST Microelectronics aus seiner Krise zu führen. Bozotti weiß: Er muss schnell handeln. Daher kündigte er nur einen Monat nach seinem Amtsantritt einen massiven Kursschwenk an.
MAILAND. Kollegen beschreiben ihn als ausgesprochen klugen Kopf. ?Vor ein paar Jahren haben wir mal am Flughafen auf den Anschluss gewartet. Da hat er mir in wenigen, einfachen Worten die Relativitätstheorie von Albert Einstein erklärt?, erinnert sich Carlo Emanuele Ottaviani, Kollege im Vorstand der ST Microelectronics (STM), voller Bewunderung.Der kluge Kopf heißt Carlo Bozotti. Seine Intelligenz wird er als neuer Chef von STM brauchen. Denn der gebürtige Italiener muss bei Europas zweitgrößtem Chiphersteller einen Mittelweg finden: zwischen der ausgesprochen sozialen Unternehmenskultur, die sein legendärer Vorgänger Pasquale Pistorio eingeführt hat, und dem Zwang, schnell wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Ein schwieriger Spagat.

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Sein Blick ist durchdringend, fast starr, der Händedruck fest. Der groß gewachsene Mann im dunklen Anzug vermittelt im Konferenzraum der tristen Mailänder STM-Niederlassung den Eindruck, als könne ihn so schnell nichts umwerfen. Tatsächlich braucht Carlo Bozotti in diesen Tagen viel Standfestigkeit.STM steckt in der größten Krise seit seiner Gründung 1987. Im ersten Quartal lief ein operativer Verlust von 68 Millionen Dollar auf, der Umsatz brach im Vergleich zum Vorquartal um mehr als zehn Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar ein. Hilfe vom Markt ist nicht in Sicht. Die gesamte Branche klagt über weniger Aufträge. So werden wohl auch die Zahlen für das zu Ende gehende zweite Quartal schwach ausfallen. Bozotti muss deshalb schnell handeln. Und das tut er. Bereits Ende April, nur einen Monat nach seinem Amtsantritt, kündigte er einen massiven Kursschwenk an.Die Folgen werden jetzt sichtbar: Er lässt 1000 Ingenieure in diesen Tagen im Konzern versetzen. Sie sollen künftig Chips entwickeln, mit denen sich schneller Geld verdienen lässt. In Europa und Amerika trennt sich Bozotti von 3 000 Mitarbeitern und schafft dafür neue Stellen in Asien. Er schließt Niederlassungen und strafft Serviceabteilungen. Es ist wie ein Erdbeben in dem französisch-italienischen Unternehmen.?Die stehen ja noch schlechter da als wir?, ist beim Münchener Konkurrenten Infineon zu hören, der Nummer eins in Europa. Im Gegensatz zu der chronisch defizitären früheren Siemens-Tochter galt STM über Jahre hinweg als Vorzeigeunternehmen. Die französisch-italienische Firma, die sich auf eine Zentrale im neutralen schweizerischen Genf einigte, wurde gerne als Beispiel dafür gelobt, dass auch Europäer im harten Chipgeschäft mitmischen können. Selbst in der schweren Chipkrise in den Jahren 2002 und 2003 blieb STM profitabel.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Soziale AderAber das gute Image entstand nicht nur durch die ordentlichen Gewinne. Das Bild prägte vor allem einer: Pasquale Pistorio. Bozottis Vorgänger führte das Unternehmen seit der Gründung mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, bis er im Frühjahr dieses Jahres in Pension ging. Der gebürtige Sizilianer mit dem südländischen Charme rühmte sich seiner sozialen Ader.?Die anderen feuern, wir heuern an?, war einer der Sprüche, mit der er die Konkurrenz während der Chipkrise ärgerte. Doch offenbar hat der inzwischen 69-Jährige viel zu spät auf die Veränderungen in der Branche reagiert. ?Wir hängen der Konkurrenz zwei, drei Jahre hinterher?, sagt ein STM-Manager hinter vorgehaltener Hand. Der Konzern habe sich zu stark auf Europa konzentriert, heißt es. Das rächt sich jetzt. Die in Europa hergestellten Chips sind wegen des starken Euros auf dem Weltmarkt viel zu teuer.Bozotti kommt trotz der Misere kein böses Wort über seinen Vorgänger über die Lippen. Im Gegenteil, es könne keine Rede davon sein, dass Pistorio etwas verschlafen habe, verteidigt er seinen Mentor. ?Zum ersten Mal in unserer Geschichte haben wir sowohl ein schwaches Wachstum in der Chipbranche als auch einen schwachen Dollar. Das haben wir nicht vorhergesehen?, verteidigt sich Bozotti.Die Treue zum Vorgänger lässt sich leicht erklären, denn der Elektroingenieur mit dem dichten, leicht angegrauten Haar hat sein gesamtes Berufsleben bei STM verbracht. Schon nach Ende seines Studiums kam er 1977 zur Vorgängerfirma SGS. Es folgte eine steile Karriere, bei der Bozotti unter anderem für das US-Geschäft, später für Europa zuständig war. Zuletzt führte er im Vorstand die wichtige Speicherchipsparte. Neben dem Job findet Bozotti noch Zeit für anderes. Er spielt Klavier und Gitarre, früher sogar in einer Band als Vorgruppe bei größeren Popkonzerten. Mitarbeiter beschreiben ihn als guten Volleyballspieler und durchtrainierten Läufer.Ausdauer dürfte der Mann mit der ruhigen, aber bestimmten Art in diesen Tagen gut gebrauchen können ? und vor allem diplomatisches Geschick. ?Einerseits müssen wir schnell die Gewinnschwelle wieder erreichen?, sagt er und fügt hinzu, ?wir wollen aber auch langfristige Projekte erhalten, mit denen wir in Zukunft Geld verdienen können.? Ein schwieriger Spagat eben.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.07.2005