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Alarmstufe Rot

Dorothee Fricke
Mehr Akademiker braucht das Land, tönen die Bildungspolitiker. Das Gegenteil passiert. Trotz sprunghaft steigender Bewerberzahlen droht an vielen Hochschulen ein Abbau von Studienplätzen. Goodbye, Nachwuchs.
Berlin blutet aus. An der Technischen Universität müssen BWL, VWL, ein großer Teil der Geisteswissenschaften und die Lehrerausbildung dran glauben, an der Freien Universität sterben Soziologie, Musikwissenschaft und Evangelische Theologie. Die Humboldt-Uni hat zwar nur den Studiengang Ur- und Frühgeschichte gestrichen, muss aber trotzdem weitere Federn lassen.
An den drei Berliner Universitäten werden 228 Professuren abgebaut - rund ein Fünftel aller Stellen. Mit jedem gestrichenen Studiengang und jedem eingesparten Professor fallen Studienplätze weg. Wenn Mitte Oktober die Erstsemester auf den Campus strömen, wird es für sie an TU, HU und FU 2.500 Studienplätze weniger geben als noch vor drei Jahren: ein Minus von 28 Prozent. Bis 2009 soll die Zahl der Plätze für Studienanfänger weiter sinken - von 10.939 in diesem Jahr auf 9.777.

Leere Kassen, mehr Aufwand

Die besten Jobs von allen


Ursache des Kahlschlags ist der rigorose Sparkurs des Senats: 75 Millionen Euro müssen die Unis bis 2009 einsparen. Weitere Studienplätze fallen dem Bologna-Prozess zum Opfer. Die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge sind deutlich betreuungsintensiver. So sollen zwar Abbrecherquoten reduziert werden, doch für die Abiturienten, die bei der Vergabe der Studienplätze leer ausgehen, ist dies ein schwacher Trost.
Berlin ist nur die traurige Spitze eines allgemeinen Trends. Auch in anderen Bundesländern lassen die Einsparungen der letzten Jahre den chronisch unterfinanzierten Unis kaum Luft zum Atmen. Die Uni Potsdam wird künftig weniger Erstsemester aufnehmen können, Ähnliches droht an der Uni Köln. Schon jetzt übersteigen an vielen Hochschulen die Bewerberzahlen die zu vergebenden Studienplätze um ein Vielfaches.
Die Folge: höhere Zugangshürden. An der Uni Köln sind ab dem Wintersemester erstmals alle Fächer zulassungsbeschränkt, an der Uni Hamburg ist dies schon seit einigen Jahren der Fall. "Die Bewerberzahlen sind erneut um 40 Prozent angestiegen", berichtet Axel Schoeler, Leiter des Zentrums für Studierende. Von aktuell 24.590 Bewerbern erhalten nur etwa 5.000 einen Studienplatz. In den Fächern, die auf Bachelor umgestellt sind, stehen weniger Plätze zur Verfügung als bisher.
Unter einem Bewerberrekord ächzt auch die Uni Göttingen: Für die 40 Fächer mit interner Zulassungsbeschränkung gibt es zehnmal so viele Bewerbungen wie Studienplätze. An einen Ausbau der Kapazitäten jedoch sei gar nicht zu denken, so Uni-Sprecherin Marietta Fuhrmann-Koch: "Wir mussten nicht nur eine, sondern mehrere Sparwellen überstehen. Die Landesmittel für unsere Uni sind in den letzten zehn Jahren um etwa 15 Prozent gekürzt worden." Die Konsequenz heißt Studienplatzabbau. "Bei gleichzeitig höheren Personalkosten für die erforderliche Betreuung in den Bachelor- und Masterstudiengängen bleibt uns keine andere Möglichkeit."
Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es für die Göttinger Uni seit Anfang August: Die Landesregierung Niedersachsen hat nach herben Einschnitten im Jahr 2004 ihren Hochschulen Planungssicherheit bis 2010 gegeben. Der Haushaltsplan für das Jahr 2007 sieht darüber hinaus Mittelverstärkungen in Höhe von insgesamt rund neun Millionen Euro vor. Für die einzelnen Hochschulen aber bedeutet auch dies nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein

Alles in die Forschung

Von Finanzspritzen, wie klein auch immer, können die Bremer Hochschulen nur träumen. Knapp 100 Millionen Euro weniger als im Wissenschaftsplan 2010 vorgesehen, werden sie wohl in Zukunft erhalten. "Wenn unsere Mittel weiter sinken, müssen wir entweder in der Forschung sparen oder Studienkapazitäten abbauen", kündigt Eberhard Scholz von der Uni Bremen an. Was Ersteres angeht, darf die Uni immerhin auf Gelder aus der Exzellenzinitiative zur Förderung der Spitzenforschung hoffen. Also ist jetzt schon klar, zu wessen Lasten die Mittelkürzung geht.
Für den akademischen Nachwuchs sind solche Entwicklungen fatal: Gibt es heute knapp 400.000 Schulabgänger mit Hochschulzugangsberechtigung, klettert ihre Zahl bis zum Jahr 2011 auf 445.000 (siehe Grafik). Erst ab 2014 wird sie wieder unter das heutige Niveau sinken. Grund für den Anstieg sind geburtenstarke Jahrgänge und der vermehrte Ausstoß von Abiturienten durch die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre. Und die drängen zunehmend an die Uni: Bei einer Umfrage des ?karriere-Schwesterblattes karriere abi unter 736 Oberstufenschülern gaben 79 Prozent an, ein Hochschulstudium absolvieren zu wollen, neun Prozent mehr als noch im Jahr 2004.

Ein Drittel mehr Studenten

Die Zahl der Studierenden wird nach Berechnungen des Wissenschaftsrates von jetzt knapp zwei auf 2,7 Millionen im Jahr 2014 ansteigen. Um der anrollenden Studentenflut Herr zu werden, muss endlich gehandelt werden - und zwar schnell. "Wir dürfen die zusätzlichen Studenten nicht als Belastung, wir sollten sie als Chance sehen", fordert Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. "Die Hochschulen sind bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Aber jetzt müssen auch entsprechende Maßnahmen folgen." Konkret heißt das mehr Mittel und mehr Studienplätze. Der Wissenschaftsrat geht davon aus, dass der finanzielle Mehrbedarf der Hochschulen im kommenden Jahr 400 Millionen Euro beträgt und bis zum Jahr 2012 auf 2,2 Milliarden ansteigen wird.

Exzellenzwettbewerb in der Lehre

Doch wer soll das bezahlen? Viele hoffen auf den Hochschulpakt, den Bund und Länder derzeit verhandeln. Die Bundesregierung hat hierin für die nächsten Jahre eine Milliarde Euro zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt. Das Geld soll es jedoch nur ?geben, wenn sich auch die Länder in ähnlichem Umfang beteiligen, so Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Doch die Länder blocken. Lediglich das reiche Baden-Württemberg hat angekündigt, 16.000 neue Studienplätze zu schaffen und dafür Geld in die Hand zu nehmen. Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt hingegen droht, dass sein Land ohne einen neuen Länderfinanzausgleich massiv Studienplätze werde streichen müssen.
Eine praktikablere Lösung könnte in einem neuen Hochschulwettbewerb liegen: Ähnlich wie die derzeitige Exzellenzinitiative, die Unis mit den besten Forschungskonzepten belohnt, könnten Hochschulen gefördert werden, die die besten Ideen zum Ausbau von Studienplätzen vorlegen. Die Universität Göttingen wäre bei einem solchen Exzellenzwettbewerb in der Lehre sofort dabei: "Wir haben die Pläne für attraktive Studienangebote in der Schublade", sagt Sprecherin Marietta Fuhrmann-Koch, "die könnten wir sofort rausholen, wenn wir Mittel hätten."
Dieser Artikel ist erschienen am 06.10.2006