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Akademische Aschenputtel

Britta Domke
Sie können es sich nicht leisten, wählerisch zu sein: Wenn Akademiker unter ihrem Ausbildungsniveau als Callcenter-Agent, Sekretärin oder Stewardess landen, haben sie oft eine Bewerbungs-Odyssee hinter sich. Jeder sechste Absolvent ist für seinen Job überqualifiziert.
Birgit Vogt* hat gut zu tun. Sie hütet das Telefon, arbeitet der Buchhaltung zu, macht die Reiseplanung und alles, was gerade so anfällt. Birgit Vogt ist Teamassistentin - also Mädchen für alles. Der Job füllt leidlich ihr Konto, ihren Kopf füllt er nicht. "Zettel abzulegen, fordert mich nicht", sagt die 33-Jährige. Immerhin hat sie mal Biologie studiert. Und später einen ordentlichen Job im Vertrieb gehabt. Bis das Unternehmen Stellen abbaute - und sie als einfache Bürokraft bei einem Dienstleister für Veranstaltungstechnik anheuern musste.
Seit drei Jahren sitzt Birgit Vogt auf einer Stelle, für die sie nicht hätte studieren müssen und die ihr keine Chance auf Beförderung gibt. Die im Grunde nur ein Gutes hat: Sie ist besser, als arbeitslos zu sein. Diese Sorge ist es, die jeden Morgen Zig-Tausende Akademiker ins Callcenter, an den Hotelempfang oder in die Nachhilfe-Institute treibt. Sie demonstrieren nicht gegen Hartz IV, sie schließen sich keinem Praktikantenprotest an, denn sie haben einen Job. Aber einen, für den sie zu gut sind

Tippse mit Diplom
Jeder sechste Hochschulabsolvent ist nach dem Examen "inadäquat beschäftigt", hat das Hochschul-Informations-System (HIS) herausgefunden. Soll heißen: Er ist überqualifiziert für den Job, den er macht. "Auf gehobenen Sachbearbeiterpositionen finden sich heute mehr und mehr Akademiker", berichtet Astrid Knott vom Career Center der Ruhr-Uni Bochum. Auch der öffentliche Dienst greift für simple Verwaltungsjobs zunehmend auf Studierte zurück, "weil es genug gibt, die das machen wollen", wie Carsten Dose, Referent beim Wissenschaftsrat, nüchtern feststellt. Die Bewerberflut bestimmt den Markt.
Einstellungen von Überqualifizierten sind zum personalpolitischen Normalfall geworden. So heuert die Fluggesellschaft Lufthansa gezielt Akademiker für den Getränkeausschank über den Wolken an: "Sie möchten nach Ihrem Studium noch einmal richtig etwas von der Welt sehen?", wirbt der Konzern auf seiner Bewerber-Webseite um Stewardessen und Stewards. Zehn Prozent aller Flugbegleiter im Unternehmen studieren oder haben ihr Examen in der Tasche, sogar ein promovierter Arzt und ein evangelischer Pfarrer sind darunter

Die besten Jobs von allen


Falsche Bescheidenheit
Warum junge Akademiker bei der Jobsuche zunehmend tiefstapeln, hat nicht allein mit der desolaten Lage am Arbeitsmarkt zu tun, glaubt Karriereberaterin Knott. Allzu oft stecke falsche Bescheidenheit oder mangelndes Selbstbewusstsein dahinter: Wer sich von den überkandidelten Forderungen in Stellenanzeigen einschüchtern lässt, der bewirbt sich eben eine Etage tiefer. Dass sich vornehmlich Frauen unter Wert verkaufen, wundert Astrid Knott nicht: "Ihnen fällt es viel schwerer als Männern, ihre Leistungen adäquat einzuschätzen."
Doch das Risiko der "unterwertigen Beschäftigung" ist mehr als nur ein Frauenproblem. Junge Akademiker trifft es häufiger als ältere, FH-Absolventen mehr als Uni-Abgänger, Teilzeitler öfter als Vollzeitbeschäftigte, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ermittelt. Überraschend schlecht schneiden auch Hochschulabsolventen ab, die vor ihrem Studium eine Lehre absolviert haben: Finden sie keine angemessene Stelle, kehren sie oft in ihren Ausbildungsberuf zurück

Gefährdete Bachelors
Eine große Rolle spielt die Wahl des Studienfaches: Geistes- und Kulturwissenschaftler haben traditionell schlechte Karten, weil Unternehmen schwer einschätzen können, was Absolventen dieser Fächer leisten. So arbeiten 34 Prozent aller Magister-Absolventen nach dem Studium in einem Simpel-Job - laut HIS-Studie einsamer Rekord unter den klassischen Hochschulabschlüssen. Überdurchschnittlich gefährdet sind aber auch Absolventen der neuen Bachelor-Studiengänge, warnt Karl-Heinz Minks, Leiter der HIS-Absolventenforschung, die die erste bundesweite Bachelorbefragung durchgeführt hat. Danach landen ein Viertel der Uni- und 37 Prozent der FH-Bachelors nach dem Studium in einer inadäquaten Beschäftigung. Der Grund: Arbeitgeber kennen ihr Qualifikationsniveau noch nicht genau. Minks: "Ein Bachelor der Ingenieurwissenschaften bewegt sich irgendwo zwischen Techniker und Diplom-Ingenieur." Im Zweifelsfall bekomme er deshalb die anspruchslosere Stelle angeboten.
Immerhin einen kleinen Trost haben die Arbeitsmarktforscher parat: Die wenigsten Akademiker bleiben ihr Leben lang auf dem niedrigen Joblevel hängen. In der Regel schafften sie innerhalb von fünf Jahren den Absprung in ein angemesseneres Arbeitsverhältnis, sagt Karl-Heinz Minks. Die Masse der Absolventen sei nicht länger als ein Jahr unterwertig beschäftigt.

In der Qualifikationsfalle
Sabine Vennemann* hat eine typische Überqualifizierten-Karriere hinter sich. Mit ihrem Abschluss in Geschichte und Germanistik gestaltete sich die Jobsuche "nicht ganz so erfreulich", untertreibt die 30-Jährige. Mit jeder Ablehnung bei Verlagen, PR-Büros und Museen schraubte sie ihre Ansprüche herunter. Doch wenn sie sich als Werbekauffrau bewarb, hieß es, sie sei überqualifiziert und deshalb unbezahlbar. "Man hätte mich ja mal fragen können, warum ich das machen will", ärgert sich Vennemann. "Aber ich wurde gleich in die Schublade ,zu teuer' gesteckt, ohne dass mit mir verhandelt wurde."
Dass sie sich während des Studiums selbst das Programmieren beigebracht hat, rettet sie heute vor der Arbeitslosigkeit: Mit zwei Programmiererjobs hält sie sich über Wasser, während sie sich nach Feierabend auf ihre Promotion vorbereitet. Eigentlich absurd - als Frau Dr. Vennemann wäre sie für die meisten Jobs in der freien Wirtschaft erst recht überqualifiziert. Doch die Bremerin träumt von der Selbstständigkeit auf akademischem Niveau: "Irgendwann möchte ich ein eigenes Geschichtsbüro gründen", verrät sie, "und dafür brauche ich den Doktortitel.

Up or Out
Sabine Vennemann macht ihre Programmiererjobs so gut wie möglich - auch wenn sie manchmal noch so öde sind. Denn wer den Überqualifizierten raushängen lässt, tut sich keinen Gefallen: Den Kollegen die Ohren vollzujammern, dass man "dafür doch nun wirklich nicht Theaterwissenschaften studiert" habe, bringt nur Ungemach. Schließlich ist jeder alteingesessene Kollege erst mal klüger als der Neue - und lässt den Jungspund mit einiger Sicherheit auflaufen, wenn der sich als Klugscheißer aufspielt. Statt durch Schimpfen sollten Überqualifizierte lieber durch Schuften auf sich aufmerksam machen. "Sei so gut in deiner Arbeit, dass die Leute es bemerken", empfiehlt die Münchener Karriereexpertin Gitte Härter. Wer regelmäßig Verbesserungsvorschläge mache und bei neuen Projekten "hier" schreie, empfehle sich womöglich für eine Beförderung: "Beweise, was du kannst, und dann suche das Gespräch mit deinem Chef." Der weiß vielleicht nicht, dass inmitten seiner Sachbearbeiter ein Jurist oder BWLer sitzt. Ein Jahr sollte man aber schon rangeklotzt haben, bevor man dem Boss mit Aufstiegswünschen kommt.
Das ist der Traum aller akademischen Aschenputtel: Vom Prinzen in der Chefetage entdeckt und auf eine Top-Position befördert zu werden. Doch der Jobmarkt ist kein Märchenbuch: So mancher Chef denkt gar nicht daran, seine zuverlässige Küchenmagd zur Prinzessin zu befördern. Wer soll denn dann die Küche fegen? Da hilft nur eins: Sich selbst das güldene Kleid schneidern und bei nächster Gelegenheit bei einem anderen Prinzen anklopfen.
Auch Birgit Vogt hübscht sich nach Feierabend auf für einen neuen, besseren Job. Denn ihr Boss zählt zu den Prinzen, die ihre Qualitäten als "Mädchen für alles" viel zu sehr schätzen, als dass er sie von ihrem Posten wegloben würde. "Die brauchen hier jemand Zuverlässigen und wollen keinen Neuen einarbeiten." Die Ex-Biologin hat ihre Konsequenzen daraus gezogen: Seit einigen Monaten bildet sie sich zur Veranstaltungskauffrau weiter, im Januar hat sie Prüfung. "Dann bin ich hier weg." Vielleicht findet sich da draußen ja doch ein Prinz, der ihr eine Chance gibt

Britta Domke

* Name geändert

Fall 1: Zwischen allen Stühlen
Sie lachen ihn aus, die Fotografen, bei denen sich Christoforos Mechanezidis bewirbt. "Wofür brauchen Sie denn ein Praktikum?", staunen sie ins Telefon. "Sie können es doch. Machen Sie sich einfach selbstständig." Christoforos Mechanezidis findet das gar nicht komisch. Seit einem Jahr ist der Deutsch-Grieche nun schon auf Jobsuche. Und erlebt immer wieder, dass ihm sein Fotografie-Studium die Karriere versperrt, statt sie zu erleichtern. Dabei hatte sich der 28-Jährige die Zukunft nach seinem Examen an der Kunstakademie Maastricht so schön ausgemalt: Erst eine feste Assistentenstelle bei einem Fotografen - Erfahrungen sammeln. Und dann ab in die Selbstständigkeit. Schön gedacht, doch leider tickt der Markt anders: Wer Fotografen-Assi werden will, braucht kein Studium, sondern jede Menge Berufspraxis. Und die fehlt Mechanezidis. Ein, zwei Jahre Praktikum, die für eine Assi-Stelle notwendig wären, kann er nicht vorweisen. "Klar geworden ist mir das erst, nachdem ich monatelang Absagen kassiert hatte." Also beugte er sich zähneknirschend den Regeln der Branche, bewarb sich fortan um Praktika. Und erntet seitdem Hohn. Hoffnungslos überqualifiziert sei er, heißt es unisono. "Das ist doch absurd", ärgert sich Mechanezidis. "Warum freuen die sich denn nicht, wenn einer schon mehr kann?" Schließlich sei er durchaus bereit, auch mal das Studio zu putzen oder fürs Team zu kochen. Momentan hält sich der Gießener mit Jobben über Wasser, greift hier und da einen Fotoauftrag ab; zurzeit hilft er im Restaurant seines Vaters aus. Sich einfach selbstständig zu machen, wie ihm die Profis raten - das wäre ein Ausweg. Aber dazu fehlt Mechanezidis der Mut - und das Wissen. An der Kunstakademie waren Akquise, Buchhaltung und Steuern kein Thema. "Ich weiß ja noch gar nicht, wie das alles abläuft als freier Fotograf. Deswegen möchte ich ja gerade ein Praktikum machen." Ein Teufelskreis. Noch hat er die Hoffnung auf ein Praktikum nicht aufgegeben. Doch er weiß, dass er bald handeln muss

Britta Domke

Christoforos Mechanezidis, 28
Studium: Visuelle Kommunikation, Fachrichtung Fotografie
Ziel: Assistentenstelle bei einem Fotografen
Aktueller Job: Aushilfe im elterlichen Restaurant

Das sagt die Expertin:
Weg mit der unnötigen Hürde Praktikum! Herr Mechanezidis sollte erst mal für sich aufschreiben, welche Fähigkeiten und Erfahrungen er mitbringt - und diese dann ordentlich vermitteln, wenn er sich auf eine Foto-Assistenz bewirbt. Zunächst muss er sich in den Fotografen hineinversetzen. Der fragt sich: Wird ein "Bachelor of Design" mir wirklich assistieren? Oder hält er mich nur auf, indem er mir dauernd dreinredet? Kann ich dem überhaupt noch was beibringen? Hier helfen nur gute Argumente: "Sie haben diesen und jenen Vorteil, gerade weil ich studiert habe und seit Jahren fotografiere. Ja, Sie haben Recht, dass ich mich selbstständig machen könnte. Aber mir ist es wichtig, mir erst meine Sporen zu verdienen. Und das möchte ich gern bei Ihnen tun!" Gleichzeitig sollte er bereits an seinem Fernziel Selbstständigkeit arbeiten. Dafür kann er kostenfreie Kurse für Existenzgründer besuchen, mit Branchenkennern sprechen und durch kleinere Jobs Praxiserfahrung sammeln.
Gitte Härter ist Mitinhaberin der Münchener Karriereberatung Objektiv Coaching & Training

Fall 2: Aufs falsche Pferd gesetzt
Wenn sie der Job mal wieder anödet, dann versucht sich Nicole Oltsch die Bestellungen von fünf Tischen ohne Zettel zu merken. Bloß nicht abschlaffen im Kopf. Bei "Lara's Diner" nützt der 28-Jährigen ihr Geografie-Studium herzlich wenig. Hier sind ihre Muskeln gefragt und ihr Lächeln, ihre Kopfrechenkünste und wie schnell sie den Fußboden wischen kann. Für ihren Chef zählt nicht, dass sie sich mit der räumlichen Planung von Buslinien und Krankenhäusern auskennt. Er hat sie engagiert, weil sie seit der Schulzeit als Kellnerin jobbt. Dafür zahlt er 6,78 Euro pro Stunde, plus Zuschläge und Trinkgeld, erwartet aber auch, dass sie ab und zu das Klo putzt. Nicole Oltsch hat schlicht aufs falsche Pferd gesetzt: Im Studium spezialisierte sie sich auf den öffentlichen Personennahverkehr, jobbte bei einem regionalen Verkehrsverbund und hoffte, nach dem Examen übernommen zu werden. Doch seit der Regionalverkehr unter beinhartem Wettbewerbsdruck steht und für die Betreiber immer weniger zu verdienen ist, werden kaum noch Stellen ausgeschrieben. Natürlich hat sie sich seitdem dutzendfach beworben, "auf alles, was mich auch nur annähernd interessiert": Ebay-Sachbearbeiterin, Filialleiter-Anwärterin bei Tchibo, Last-Minute-Schalter am Flughafen. "Doch immer heißt es: Dafür benötigen Sie eine Ausbildung." Und mit Studium sei sie ohnehin viel zu hoch angesiedelt. Fehlqualifizierung nennt sich das Dilemma. Aber die Geografin gibt nicht auf. Um auf dem Laufenden zu bleiben, besorgt sie sich regelmäßig Fachliteratur und die neuen Gesetze aus den Verkehrsministerien. Zehn Jahre kellnern sind genug, hat sich Nicole Oltsch geschworen. Die Arbeit geht ihr nicht nur auf den Geist, sondern auch auf die Knochen: Abends schmerzt ihr oft jeder Muskel im Leib, und die Berufsunfähigkeitsversicherung verschlingt fast ein Zehntel ihres Gehalts. "In der Gastronomie hat mal ein Arbeitgeber zu mir gesagt, ich würde sowieso nicht lange bleiben." Denkste...
Britta Domke

Nicole Oltsch, 28
Studium: Geografie, Politik, Kulturwissenschaften
Ziel: Arbeit in der Verkehrswissenschaft
Aktueller Job: Kellnerin bei "Lara's Diner" in Brinkum bei Bremen

Das sagt die Expertin:
Versandshop, Kaffeeröster, Flughafenschalter ..., jetzt mal ehrlich: Sollen das die Traumjob-Alternativen sein? Indem sie ihre Ansprüche herunterschraubt, bewirbt sich Frau Oltsch auf Stellen, bei denen Absagen wegen Fehl- und Überqualifizierung programmiert sind. Wer sicher ist, dass er im gelernten Beruf nicht unterkommt, sollte sich von alten Zielen verabschieden. In diesem Fall heißt das "arrivederci Nahverkehr", keine Zeit mehr verlieren und eine neue Berufsweiche stellen. Am Anfang steht die Inventur der eigenen Kenntnisse, Fähigkeiten, Erfahrungen - und die Frage: Was will ich wirklich machen? Anstatt sich nach dem Gießkannenprinzip vom Regen in die Traufe zu bewerben, sollte Frau Oltsch das neue Ziel konsequent angehen. Und ihre Bewerbung nicht mit Details aus ihrem Fachgebiet bestücken, sondern je nach angestrebter Position individuell anpassen. Damit belegt sie ihre Qualifikation für die aktuelle Stelle und überzeugt den Personaler von ihrem aufrichtigen (!) Interesse

Dieser Artikel ist erschienen am 07.06.2006