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Ärmel hoch ? und los!

Von Jürgen Flauger
Der Stillstand in Krümmel und die Probleme in Brunsbüttel kosten Vattenfall Europe nicht nur Geld, die Vorfälle schaden vor allem dem Image. Da trifft es sich gut, dass Vertriebschef Hans-Jürgen Cramer eine Eigenschaft besitzt, die momentan für den Konzern sehr wichtig ist: Er kann sich entschuldigen.
Hans-Jürgen Cramers Auftrag: "Ärmel hoch krempeln - und loslegen!" Foto: PR
DÜSSELDORF. ?Wir haben nicht den besten Job gemacht ? Schluss aus?, sagt der schlanke, hoch gewachsene Vattenfall-Vertriebschef Hans-Jürgen Cramer, der nach dem Abgang von Klaus Rauscher bis auf weiteres das Unternehmen leiten soll, vor den versammelten Journalisten in der Berliner Konzernzentrale.Das Zitat stammt allerdings nicht aus diesen Tagen, in denen Rauscher und Lars Göran Josefsson, oberster Chef des schwedischen Mutterkonzerns, sich in Demut ergehen. Nach der Pannenserie in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel räumt das Vattenfall-Management inzwischen ohne Wenn und Aber Fehler ein und wirbt um verlorenes Vertrauen.

Die besten Jobs von allen

Nein, Cramer hat sich bereits vor mehr als einem Monat entschuldigt. Schon damals hatte der Konzern durch schlechte Kommunikation geglänzt. Er verprellte seine Kunden in Berlin und Hamburg nicht nur mit der Ankündigung, die Preise kräftig anzuheben, sondern verwirrte in entsprechenden Anschreiben mehr, als er informierte. In großformatigen Anzeigen musste der Konzern schließlich reichlich Abbitte leisten.Keiner weiß deshalb besser als Cramer, dass die Probleme, in den das Unternehmen steckt, und die Aufgaben für das Management vielfältig sind. In der Debatte um Krümmel und Brunsbüttel ist viel Fingerspitzengefühl nötig, um die Auflagen, welche die Aufsichtsbehörden verhängen werden, möglichst in Grenzen zu halten.Vor allem aber muss der studierte Betriebswirt und Psychologe möglichst rasch plausibel darstellen, dass der Konzern die Bedenken der Bevölkerung ernst nimmt und seine Sicherheitskultur nachhaltig überdenkt.Der Stillstand in Krümmel und die Probleme in Brunsbüttel kosten schließlich nicht nur Geld. Der Imageschaden könnte Cramers Kernaufgabe, das Vertriebsgeschäft, zusätzlich belasten. Es ist ohnehin schwer genug: Rund 40 000 Kunden hat Nuon nach eigenen Angaben seinem Konkurrenten Vattenfall wegen des Preis-Flops abgenommen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Viele interne Alternativen gab es nicht.Der Auftrag, an der Unternehmensspitze einzuspringen, kam für Cramer, Jahrgang 1951, überraschend. Die Krise um die Pannenreaktoren spitzte sich am Wochenende so zu, dass Josefsson rasch entschied, seinen verdienten Statthalter Rauscher fallen zu lassen. Für eine externe Lösung war die Zeit zu knapp.Und viele interne Alternativen gab es nicht. Finanzchef Hans-Jürgen Meyer wäre in Frage gekommen, heißt es in Kreisen des Mutterkonzerns. Man habe aber niemand haben wollen, der verwaltet, sondern einen, der gestaltet ? und dafür sei Cramer als Vertriebschef besser geeignet.Der Mann aus Emden in Niedersachsen ist ?bis auf weiteres? mit der Leitung befasst. Anders als Rauscher nennt er sich aber nicht Vorstandsvorsitzender, sondern Vorstandssprecher. Wenn er sich bewährt, könne er auch längerfristig an der Spitze bleiben, heißt es. Einen Headhunter habe Josefsson nicht eingeschaltet. Cramers Auftrag sei klar umrissen: ?Ärmel hoch krempeln ? und loslegen!? Am Donnerstagabend auf der Aufsichtsratssitzung sollte jedenfalls noch keine endgültige Entscheidung über den künftigen Chef von Vattenfall Europe fallen. Oben auf der Tagesordnung stand nur die Annahme von Rauschers Rücktrittsgesuch.Cramer sitzt im Vorstand von Vattenfall Europe seit der Gründung im Jahr 2002. Damals schlossen sich der Berliner Versorger Bewag mit den Hamburgischen Electricitäts-Werken (HEW), dem ostdeutschen Stromproduzenten Veag und dem Braunkohletagebaubetreiber Laubag zusammen. Cramer war Vorstandschef der Bewag, musste aber HEW-Chef Rauscher den Vortritt lassen. Bei der Bewag arbeitete Cramer seit 1981, unter anderem als Personalvorstand. Cramer ist verheiratet und hat ein Kind.Ein Kenner des Unternehmens traut Cramer durchaus zu, sich an der Spitze zu halten. Er sei sympathisch und gewinnend, jedenfalls nicht so grummelig wie zuweilen Rauscher. ?Die Erwartungen aus Schweden sind allerdings nicht einfach zu erfüllen.? Das Fiasko mit den Preiserhöhungen etwa habe zu einem großen Teil die Zentrale zu verantworten, die auf den Gewinnbeitrag gepocht habe. Bei der Tochter habe es hitzige Debatten um die Preiserhöhung gegeben ? Cramer sei dagegen gewesen.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.07.2007