Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Änderung im Werbe-System

Von Jan Keuchel und Katja Wilke
Die deutsche Anwaltschaft will ihr Werbe-System reformieren. Geplant sind unter anderem vier bis sechs neue Fachwaltstitel und damit die Abkehr von den Interessen- und Tätigkeitsschwerpunkten.
HB DÜSSELDORF. ?Die Tätigkeits- und Interessenschwerpunkte werden wir aufgeben und es werden wohl vier bis sechs neue Fachanwaltstitel dazukommen?, sagte Peter Ströbel, Präsident der Rechtsanwaltskammer Stuttgart, dem Handelsblatt.Ähnlich äußerte sich auch der Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), Bernhard Dombek. Es gebe ?in der Tat einen Trend, sich von den Interessen- und Tätigkeitsschwerpunkte zu verabschieden. In diesem Bereich sollen dann die Werbemöglichkeiten offen bleiben, sie dürfen nur nicht täuschend oder irreführend sein?, sagte er dieser Zeitung. Dombek wie Ströbel sind Delegierte der Satzungsversammlung.

Die besten Jobs von allen

Auslöser für diesen Reformeifer ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Das hatte vor wenigen Wochen erstmals einem Anwalt erlaubt, sich als ?Spezialist? zu bezeichnen und damit das derzeitige System durcheinander gewirbelt, wonach Advokaten bisher nur Fachanwaltstitel (derzeit acht) sowie Arbeits- und Interessenschwerpunkte auf ihre Briefköpfe drucken dürfen.Einer der Auswege aus diesem Dilemma, den die Satzungsversammlung nun diskutieren wird, ist eine Beschränkung auf zwei Werbemöglichkeiten: zum einen auf den Fachanwaltstitel, zum anderen auf die neue Spezialistenbezeichnung. Dazu werden sowohl die Fachanwaltstitel ausgebaut: Geplant sind zusätzlich Fachanwälte für Baurecht, Medizinrecht, Mietrecht, Verkehrsrecht und Wettbewerbsrecht. Zugleich wird diskutiert, neben dem Fachanwalt zusätzlich Spezialisten in Untergebieten zuzulassen.Das Urteil des Verfassungsgericht lässt nach Meinung von Experten diesen Weg zu: Zwar hatte Karlsruhe klargestellt, dass die Spezialistenbezeichnung nicht zu einer Verwechselung mit einem Fachanwaltstitel führen darf. Das Gericht sieht in dem Begriff ?Spezialist? aber zugleich eine ?Einengung des Berufsbildes?, die mit ?der Fachanwaltsbezeichnung nicht ausgedrückt werden kann?. Damit sind Unterspezialisierungen in einem Fachgebiet durchaus denkbar.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Noch ist völlig unklar, welche Voraussetzungen an die Erlangung des Spezialistentitels geknüpft sind.So könnte etwa neben den Fachanwalt für Steuerrecht künftig der Spezialist für Steuerstrafrecht treten, vermutet BRAK-Präsident Dombek: ?Ähnliches könnte es auch im Verwaltungsrecht geben. Etwa neben dem Fachanwalt den Spezialisten für Beamten- oder Umweltrecht?.Manch einer in der Satzungsversammlung plädiert allerdings auch für eine völlige Freigabe der Werbemöglichkeiten. Als einzige Instanz soll dann nur noch das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) bleiben. Anwaltliche Werbung könnte danach nur noch unterbunden werden, wenn sie täuschend oder irreführend ist. In Delegiertenkreisen werden dieser weiten Öffnung aber wenig Erfolgsaussichten eingeräumt.Nicht passen dürfte ein zweistufiges System aus Fachanwalt und Spezialist den Fortbildungsinstituten. Denn die verdienen gut daran, dass der Fachanwaltstitel eine theoretische Ausbildung verlangt ? während die Qualitätsanforderungen an den Spezialisten noch offen sind.Aus Kostengründen könnten Anwälte daher geneigt sein, auf den Fachtitel zugunsten der Spezialistenbezeichnung verzichten. ?Das kann sein, dass das so geschehen wird?, sieht Sven Walentowski vom Deutschen Anwaltverein (DAV) die Gefahr. ?Wir glauben allerdings, dass der Fachanwalt weiter seinen Markt findet.?Walentowski verweist darauf, dass der Ausbau der Fachanwaltschaften zudem etwaige Umsatzeinbußen ausgleichen könnte. Auch Eva Isabel Spilker, Geschäftsführerin der Deutschen Anwaltakademie (DAA), und ihre Kollegin Katja Mihm vom Deutschen Anwaltsinstitut (DAI) geben sich gelassen: ?Wir glauben nicht, dass uns das Einbrüche beschert?, sagte Spilker. Außerdem könnten rückläufige Fachanwaltslehrgänge dann durch Spezialistenkurse ausgeglichen werden.Ob die Spezialisten überhaupt Kurse belegen müssen, ist allerdings nicht gesagt: Noch ist völlig unklar, welche Voraussetzungen an die Erlangung des Spezialistentitels geknüpft sind. Zwar fordert Kammerpräsident Ströbel klare Standards. ?Nicht jeder wird sich Spezialist nennen können. Er muss nachweisen, dass er auf einem, maximal zwei Gebieten ganz überwiegend tätig ist?, so Ströbel. Wie dieser Nachweis erfolgen muss, hat das Karlsruher Urteil jedoch offen gelassen. Damit ist es durchaus möglich, dass die Vorlage von einer bestimmten Anzahl bearbeiteter Fälle auf dem Spezialgebiet ausreicht ? und Schulungen unnötig werden.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die ersten Spezialisten sind bereits auf dem Markt - und werben für sich auch ohne Fachwaltstitel.Die Sorglosigkeit der Institute klingt auch deshalb aufgesetzt, weil sie dafür bekannt sind, schon kleinste Ansätze von Fortbildungs- Konkurrenz argwöhnisch zu beäugen. Das bekam erst kürzlich der Deutsche Juristentag (DJT) zu spüren: Wie aus DJT-Kreisen verlautete, waren die Anwaltsverbände - die mit DAA und DAI verbandelt sind - überhaupt nicht erbaut von der Idee, die bloße Teilnahme am Juristentag als Fortbildung für den Fachanwaltstitel anzuerkennen. Schließlich setzte sich der Juristentag durch. Die Rechtsanwaltskammer Köln erkennt seitdem dass DJT-Teilnahmezertifikat als Fortbildungsnachweis an ? und erspart den Anwälten damit eine teure Weiterbildung.Die ersten Spezialisten sind bereits auf dem Markt. Theo Schmidt, Fachanwalt für Familienrecht, nennt sich auf seiner Homepage schon seit längerem ?Spezialist für Ehe- und Familienrecht, Erbrecht und Verkehrsrecht? - und will damit nun auch offensiv in seinen Kanzleibroschüren werben, und zwar im Erbrecht. Als Qualifikationsnachweis will er auf seine praktischen Erfahrungen verweisen. ?Im Erbrecht fehlt ein Fachanwaltstitel?, sagt Schmidt. ?Und mit der Bezeichnung Spezialist kann jeder etwas anfangen.?Ob er den Titel wirklich führen darf, hängt nicht zuletzt davon ab, wie die Satzungsversammlung im November entscheidet. Bange machen wollen sich die Spezialisten- Anwärter aber nicht. ?Wenn man mir diesen Titel nicht gestattet?, sagt ein junger Anwalt aus Düsseldorf, ?dann nenne ich mich eben Experte?.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.10.2004