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Advokaten-Angler

Barbara Geier | Katja Wilke
Die großen deutschen Kanzleien für Wirtschaftsrecht wachsen weiter und ködern mit knackigen Gehältern. Rosige Aussichten für Juristen - sofern sie sich von ihrem klassischen Berufsbild verabschieden und die passende Qualifikation mitbringen.
"Wir stellen alle ein, die wir kriegen können. Wenn ich morgen 50 Leute bekommen könnte, würde ich sie nehmen", bekennt Martin Diller. Das klingt gut. Da der Managing Partner der Großkanzlei Gleiss Lutz Hootz Hirsch aber nun mal Jurist ist, hat das Wörtchen "alle" einen Haken: Es meint im Grunde das Gegenteil. Statt "alle" nehmen große Wirtschaftsrechtskanzleien nur die "Crème" der deutschen Jura-Absolventen: möglichst zwei vollbefriedigende Prädikatsexamina, Auslandserfahrung, Zusatzqualifikationen wie eine Promotion und/oder der Master of Laws, kurz LL.M.

"Wer das mitbringt, dazu ein einnehmendes Wesen hat und nicht völlig introvertiert ist, kann sich die Jobs aussuchen", sagt Jack Schiffer, Partner bei BBLP Beiten Burkhardt Mittl & Wegener.

Die besten Jobs von allen


Ein Auge zudrücken

Doch nur zehn bis 15 Prozent der Jura-Absolventen erfüllen diese Ansprüche. Da ein Großteil dieser Top-Absolventen wiederum eine Karriere in der Justiz oder als Justiziar in einem Unternehmen wählt, bleiben für die wirtschaftsberatende Branche nur um 500 Kandidaten jährlich übrig. In der Praxis werden deshalb kleinere Abstriche gemacht: Es bleibt auch mal ein Kandidat mit "nur" einem Prädikatsexamen im Sieb hängen.

Angesichts dieser mauen Zahl sind Rangeleien um die Jungjuristen programmiert, denn im Wirtschaftsleben geht kaum noch etwas ohne juristischen Beistand. Die Globalisierung und das Entstehen neuer Geschäftszweige, beispielsweise in der Informationstechnik, im E-Commerce oder in der Telekommunikation, sorgen für einen wachsenden Bedarf an Rechtsberatung. "Das Angebot auf Arbeitnehmerseite hat sich nicht wesentlich vergrößert, dafür aber auf Arbeitgeberseite", erklärt Uwe Hornung, Recruitment-Partner bei Clifford Chance Pünder in Frankfurt.

Anwaltsfabriken

Vor diesem Hintergrund hat sich der bis vor zehn Jahren noch behäbige Markt der wirtschaftsberatenden Kanzleien völlig verändert: Aus Zehn-Mann-Kanzleien wurden durch nationale und internationale Fusionen "Anwaltsfabriken" mit weltweit bis zu 3.000 und in Deutschland mit bis zu 500 Juristen.

Fusionierte Großkanzleien locken mit internationalen Mandaten, Einstiegsgehältern um 150.000 Mark und guten Weiterbildungsmöglichkeiten. Dagegen bieten deutsche Kanzleien bessere Chancen, Partner zu werden. Neben den Fusionen haben auch die Büroeröffnungen amerikanischer und englischer Kanzleien in Deutschland den Wettbewerb um die Absolventen härter gemacht. "Während sich die Bewerber, die früher zu uns kamen, bei einer überschaubaren Gruppe von Kanzleien beworben haben, nämlich bei Hengeler Müller, Oppenhoff & Rädler, Bruckhaus und uns, sind dazu heute, vor allem hier in Frankfurt, US-amerikanische Kanzleien getreten", sagt Hornung.

Die wachsen schnell und sind genauso auf der Suche nach dem international parkettfähigen und serviceorientierten Wirtschaftsjuristen. Während dieser in mittelgroßen und kleineren Wirtschaftsrechtskanzleien gern noch eine breitere juristische Ausbildung mitbringen darf, fördern Großsozietäten einen hohen Spezialisierungsgrad in einzelnen Fachbereichen.

Selten vor Gericht

Nur 5.000 der deutschlandweit 120.000 Rechtsanwälte sind Wirtschaftsrechtsanwälte in Kanzleien mit über 40 Anwälten. Da sich die Juristen in kleineren Kanzleien teilweise mit mehreren Rechtsgebieten beschäftigen, ist kaum zu beziffern, wie viele sich insgesamt mit Wirtschaftsrecht befassen.

Der Wirtschaftsjurist lernt sein Metier typischerweise durch "training on the job". Auf Kenntnisse in der Prozessführung können Anwälte in Großkanzleien verzichten: Da im Arbeitsalltag die rechtliche Begleitung von Transaktionen im Vordergrund steht, geh| es selten vor Gericht. Kommt es doch zum Streit, treten Anwälte aus den Prozessabteilungen der Kanzleien vor Gericht auf.

mba trifft m&a

Ein wichtiges Wachstumssegment in den auf lukrative internationale Transaktionsgeschäfte ausgerichteten Wirtschaftsrechtskanzleien ist das Gesellschaftsrecht, das unter anderem Unternehmensfusionen und -käufe - neudeutsch Mergers and Acquisitions (M&A) - einschließt. Neben den LL.M. als einschlägige Qualifikation ist hier der MBA-Abschluss in den Vordergrund getreten. Diese Weiterbildung ermöglicht dem Wirtschaftsanwalt, das nötige betriebswirtschaftliche Know-how zu erlangen.

Gerhard Picot, M&A-Partner bei Freshfields Bruckhaus Deringer in Köln, der einen Lehrstuhl für M&A an der Privatuniversität Witten-Herdecke hat, stellt eine zunehmende Verzahnung von juristischem und betriebswirtschaftlichem Wissen fest: "Auf Grund der Kapitalmarkteinflüsse ändert sich das Berufsbild: Juristen müssen mehr zu BWLern werden - und umgekehrt."
Dieser Artikel ist erschienen am 18.10.2001