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Ackermann - Bankchef mit zwei Jobs

Von Michael Maisch und Philipp Otto
Die Deutsche Bank braucht angesichts des Mannesmann-Prozesses einen Plan B. Das Kreditwesengesetz fordert Vorkehrungen für den Fall, dass ein Vorstand ausfällt. Und so könnte plötzlich ein Mann an die Spitze gespült werden, der mit seiner Karriereplanung eigentlich schon abgeschlossen hatte.
Doch bald wird der Stundenplan des smarten Schweizers aller Voraussicht nach anders aussehen. Dann wird Ackermann, Chef des einzigen global bedeutenden deutschen Geldhauses, ganz lokal für einige Monate auf der Anklagebank des Düsseldorfer Landgerichts sitzen. Es geht um rund 60 Millionen Euro Prämien und Abfindungen, die bei der Übernahme von Mannesmann durch den britischen Konkurrenten Vodafone flossen. Ackermann hatte den Zahlungen als Mannesmann-Aufsichtsrat zugestimmt. Es geht darum, ob das ? wie von der Staatsanwaltschaft gefordert ? als Untreue bestraft werden muss. Und es geht um die Zukunft der Deutschen Bank.Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, wie der erste Verhandlungstag im Saal L111 des Landgerichts am Rand der Düsseldorfer Altstadt aussehen wird. Die Story von der Hochfinanz auf der Anklagebank wird sich niemand entgehen lassen. ?Ein gefundenes Fressen für die Stammtische?, räumen auch Verantwortliche der Deutschen Bank ein. Hunderte von Journalisten und Fotografen werden sich um Ackermann und seine fünf Mitangeklagten drängen, und mit jedem Blitzlicht droht ein Stück des guten Rufs der Deutschen Bank zu verglühen.

Die besten Jobs von allen

Hochintelligent, diszipliniert, integer, weltläufig, charmant: Der ehrgeizige Ackermann gilt in der Finanzwelt als perfekte Besetzung für den Chefsessel des mächtigen Geldhauses am Main. Jetzt aber steht die Traumehe vor einer schweren Belastungsprobe. Doch Ackermann und die Bank versichern, dass sie auch in schlechten Zeiten zueinander stehen wollen. Es bleibt ihnen wenig anderes übrig. Ohne die volle Rückendeckung der Bank hätte der machtbewusste Schweizer intern keine Chance. Die Deutsche wiederum würde ohne Ackermann in eine Führungskrise schlittern.Der Schweizer hatte bereits vor seinem Amtsantritt ein neues, ganz auf ihn zugeschnittenes Führungsmodell durchgesetzt. Der Vorstand wurde quasi entmachtet, die Verantwortung für das Geschäft liegt jetzt bei den elf Managern des so genannten Group Executive Committee ? die meisten treue Gefolgsleute Ackermanns. Der charismatische Risikomanager Thomas Fischer, Ackermanns letzter ernsthafter Konkurrent, hat die Bank längst verlassen, und mit ihm verschwand auch die offene Kritik am Vorstandschef.Selbst seine Gegner räumen ein, dass es ohne ihn nicht mehr geht. ?Ackermann hat die Bank in Geiselhaft genommen?, erzählt einer, der sich früher zur Opposition zählte. ?Jetzt rächt sich, dass das ganze Führungskonzept auf eine einzige Person ausgerichtet ist.? Wenn der Aufsichtsrat Ackermann das Vertrauen ausspreche, dann sei das mehr als ein Lippenbekenntnis. ?Es fehlen einfach die glaubwürdigen Alternativen.? Also bereitet sich die Bank auf die Zeit vor, in der sie mit ?einem halben Ackermann? auskommen muss.So besprechen Ackermanns Leute derzeit mit dem Gericht den Zeitplan der Verhandlung. Die Bank möchte einen straffen Prozess, nicht länger als drei Monate; zwei Verhandlungstage in der Woche, die am besten direkt aufeinander folgen. Mit zwei Tagen wöchentlich könnten wohl auch die deutschen Finanzaufseher leben. Sie müssen prüfen, ob Ackermann vom Prozess nicht zu sehr in Anspruch genommen wird, um die Bank weiter verantwortungsvoll führen zu können. ?Alles kein Problem?, wiegelt die Deutsche Bank ab. Ackermann sei ein Meister im Delegieren. ?Unsere Maschine läuft auf Hochtouren, und sie läuft weitgehend selbstständig.?Wie will die Deutsche Bank mit Imageproblem klarkommen? Lesen Sie weiter auf Seite 2 Die wöchentlichen Vorstandssitzungen seien keine unbedingten Pflichttermine mehr. Schließlich erledige das Group Executive Committee die operative Arbeit, und das treffe sich nur einmal im Monat. Im Gerichtssaal will sich Ackermann ganz auf den Prozess konzentrieren, ?ohne Handy und Taschencomputer?, wie es heißt. Er werde auch jetzt nur äußerst selten spontan angerufen, und schließlich gebe es für Notfälle ja Verhandlungspausen. Außerdem steht ihm in der Düsseldorfer Niederlassung der Bank, zu Fuß zehn Minuten vom Gericht entfernt, ein Büro mit allen Annehmlichkeiten zur Verfügung.Doch wie will die Deutsche Bank mit dem Imageproblem klarkommen? ?Wir haben überhaupt keins?, meint ein Sprecher. ?Natürlich steht die Bank vor einer enormen Herausforderung, sobald der Prozess beginnt?, kontert ein Frankfurter Experte für Krisen-PR. Sein Rat: Das Problem versachlichen, die Integrität der Person Ackermann herausstellen und die Folgen des Prozesses für den Standort betonen.Die Strategen der Bank denken offenbar ähnlich. Auf der Investorenkonferenz in New York geht Ackermann das Thema Mannesmann offensiv an, wartet erst gar nicht, bis jemand danach fragt. Für wenige Momente verschwindet dann sein zuversichtliches Lächeln. Entschlossen und voll konzentriert sendet er die entscheidende Botschaft aus: ?Hier denkt niemand an Rücktritt, wir müssen das für den Standort Deutschland und das europäische Finanzsystem durchkämpfen.?Auch in der Frankfurter Zentrale versucht die Bank, die Reihen zu schließen. Auf der eigens im firmeneigenen Intranet eingerichteten Webseite zum Fall Mannesmann prangt ein Bild der silbernen Zwillingstürme der Deutschen Bank. Überlebensgroß ragen die Hochhäuser aus der Frankfurter Skyline heraus. Selbstbewusst wirkt das, fast ein wenig trotzig. Hier bekommen die Mitarbeiter unter Stichpunkten wie ?häufig gestellte Fragen, Antworten für Sie und Ihre Kunden? oder ?Unterstützung aus der ganzen Welt? die offizielle Sicht der Deutschen Bank zum Prozess vermittelt.Doch was passiert, wenn Ackermann verurteilt wird? Spätestens dann wäre der Schweizer wohl nicht mehr zu halten. Ganz so sorglos, wie sich die Deutsche gibt, scheinen die Verantwortlichen nicht zu sein. ?Es gibt im Haus durchaus Bedenken, ob Ackermann das alles durchstehen wird?, erzählt ein Frankfurter Personalberater. Aber auch er sieht intern keinen Ersatz für den Mann an der Spitze; und es gebe keine Anzeichen dafür, dass sich der Aufsichtsrat extern nach einem Nachfolger umsehe.Dennoch, die Bank braucht einen Plan B. Schon das Kreditwesengesetz fordert Vorkehrungen für den Fall, dass ein Vorstand ausfällt. Eine Zeit lang spukte der Plan durch die Bank, Aufsichtsratschef Rolf-E. Breuer könnte die Geschäfte führen, solange Ackermann den Prozess am Hals hat. Doch Breuer sitzt selbst auf der Anklagebank. Der Ex-Medienmogul Leo Kirch fordert von ihm Schadensersatz in Millionenhöhe ? wegen eines TV-Interviews, in dem Breuer Kirch die Kreditwürdigkeit abgesprochen haben soll.Und so könnte plötzlich ein Mann an die Spitze gespült werden, der mit seiner Karriereplanung eigentlich schon abgeschlossen hatte: Tessen von Heydebreck. Der schmale Mann mit dem schütteren Haar sitzt seit 1994 im Vorstand der Deutschen Bank. Er ist 58 Jahre alt, und als dienstältester Vorstand müsste er zunächst einmal ran, wenn Ackermann ausfiele ? Personalsuche per Aktienrecht.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.10.2003