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Achtung, Fettnapf!

Der Besprechungsraum ist keine Kleinkunstbühne, warnt Managementautor Alexander Ross. Denn was nützt der Applaus von der Seite, wenn von oben die Abmahnung kommt? Gedanken zum schmalen Grat zwischen kerniger Replik, Fettnapf und geistreichem Konter.
?Du bist schuld, dass ich Hartz IV bin.? ? ?Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job.? Die Antwort von SPD-Chef Kurt Beck auf die Bemerkung eines Arbeitslosen war heiß umstritten, aber in jedem Fall schlagfertig.
Auch in der Berufswelt stören Sticheleien, Provokationen und verbale Angriffe aller Art die kommunikative Geschäftsgrundlage. Hier hilft Schlagfertigkeit, nicht das Gesicht zu verlieren. Viele Ratgeber übersehen allerdings: Im Beruf ist Kommunikation nie hierarchiefrei, und sie verläuft nach eigenen Regeln. Vor allem nicht so locker-flockig wie im Fernsehen. Wer den Besprechungsraum mit einer Kleinkunstbühne verwechselt, riskiert schließlich mehr als nur einen Lacher

Risiko und Nebenwirkung > Denn provokative Kommunikationssituationen im Beruf haben immer ein Vorher und ein Nachher. Dass jemand gerade gegen Sie jetzt stichelt, hat meist einen Grund. Und der liegt nicht nur beim anderen, sondern vielmehr in der Beziehung. Auch die schlagfertigste Antwort ist hier nur weiße Salbe für die Symptome.
Vor allem das Nachher wird gerne unterschätzt. Ein treffender Konter auf eine unangemessene Äußerung einer Person bekommt vielleicht sogar zustimmende Blicke. Doch Ihre kernige Replik wird zum Problem, wenn Sie um die Krümel streiten und dabei den Kuchen verlieren. Verzichten Sie daher besonders auf jene vermeintlich schlagfertigen Antworten, die vor allem die Beziehung berühren.
Sonst kann es Ihnen wie König Pyrrhus ergehen, der zwar die Römer in der Schlacht bei Asculum besiegte, doch danach sagte: ?Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!? Seitdem gilt als Pyrrhus-Sieg, was zu teuer erkauft wurde. Es wäre doch schade, wenn Sie dafür zwar Beifall von der Seite erhalten ? aber auch die Abmahnung von oben

Die besten Jobs von allen


Konsens oder clinch > Müssen Sie sich nun alles gefallen lassen im Job? Keineswegs, auch nicht von hierarchisch höher gestellten Personen oder Kunden. Doch Sie müssen lernen, wie man anderen Menschen gekonnt und elegant widerspricht. Denn viele Ratschläge sind problematisch, etwa Rückfragen wie ?Was genau meinen Sie mit Totalversager??. Sie wiederholen nicht nur den Vorwurf, sondern stacheln auch zum konkreten Nachlegen an: ?Na, wie beim Controllingprojekt, das Sie auch schon vergeigt haben.? Wer jetzt mit der vermeintlichen Universalantwort ?Sie sind ein guter Beobachter? kontert, an dessen Realitätssinn wird schnell gezweifelt.
Schlagfertigkeit sollte daher stets angemessen sein, und zwar der Situation wie Ihrer Rolle, aber immer auch der Person, gegen die Sie in den verbalen Sparring treten. Eine schnelle, schlagfertige Antwort verknüpft dabei Standards der Rhetorik, Elemente der Didaktik sowie Bilder und Basiswissen. Entscheidend ist, ob Sie letztlich wieder einen Konsens benötigen oder mit jemandem auch länger im Clinch liegen können.

Geist macht Geschichte > Am souveränsten wirken daher immer noch all jene Konter, bei denen man neben Geistesgegenwart vor allem Esprit und Humor beweisen kann. Es ist doch kein Zufall, dass viele Beispiele wirklich schlagfertiger Bemerkungen meist Zitate von Menschen sind, die auch als herausragende Persönlichkeiten bekannt wurden. Etwa François Mitterrand: Der frühere französische Staatspräsident wurde einmal von einem Störer fortlaufend unterbrochen mit dem Ruf ?Aufhören!?. Mitterrand gab elegant zurück: ?Ich würde uns beiden den Gefallen ja gerne tun, aber wir sollten in dieser Situation nicht nur an uns selbst denken.?

?Schlagfertigkeit sollte stets angemessen sein.? Alexander Ross ist Wirtschaftsjournalist und Kommunikationswissenschaftler. Sein neues Buch ?Fettnapf-Slalom für Manager? ist im F.A.Z.-Verlag erschienen.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.06.2007