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Abwerbewelle

Die europäische Luftfahrtindustrie steht vor einer Rekrutierungswelle aus Asien und Nahost, wie es sie bisher nicht gegeben hat. Hauptgrund ist, dass ab nächstem Jahr der Airbus A380 ausgeliefert wird, für dessen Betreiben und Wartung Kunden wie Singapore Airlines oder Emirates dringend hoch qualifiziertes Personal benötigen. ?Wir werden deutlich mehr Leute brauchen, um den A380 zu betreiben?, sagt Chew Choon Seng, CEO von Singapore Airlines.
Dabei locken die künftigen A380-Besitzer die Airbus-Ingenieure nicht allein mit hohen Gehältern. In Dubai etwa, dem Sitz von Emirates, bleibt jeder verdiente Dollar steuerfrei. Airbus muss nun fürchten, dass ihre gut ausgebildeten Entwicklungsingenieure von der Fahne gehen. Zwar wiegelt der Flugzeughersteller offiziell noch ab: ?Wir können uns nicht vorstellen, dass es einen großen Aderlass gibt?, so ein Airbus-Sprecher. ?Die gesuchten Leute haben derzeit gute Perspektiven in Europa, und es ist nicht jedermanns Sache, nur wegen eines höheren Gehalts alle Verbindungen in der Heimat abzubrechen.?

Die Airbus-Mutter EADS bestätigt schon heute einen erhöhten Bedarf an Ingenieuren. Weltweit hat die Unternehmensberatung CAPA, Centre of Asia Pacific Aviation, hochgerechnet, dass rund 150 000 zusätzliche Fachkräfte, darunter ein Fünftel Ingenieure und Techniker, gebraucht werden. Der stetig wachsende Passagier- und Frachtverkehr verursacht ebenso beim fliegenden Personal Engpässe: Die IFALPA, International Federation of Airline Pilots Association, sieht eine jährliche Lücke von 15 000 Pilotenstellen in den nächsten zehn Jahren. ?Der Markt für Piloten scheint sich dramatisch zu verändern?, sagt Markus Kirschneck, Sprecher der Vereinigung Cockpit. ?Nicht nur der asiatische Markt mit Indien und China, ebenso der Nahe Osten wie auch Europa melden einen immensen Bedarf.?

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Zudem suchen die deutschen Airlines neue Mitarbeiter: dba etwa, weil sie in den nächsten vier Jahren ihre Flotte um elf Flugzeuge erweitert, und Lufthansa, ?da wir in den kommenden Jahren deutlich mehr Piloten benötigen, als bislang vorhersehbar war?. Bei LTU haben sich bereits etliche Piloten entschlossen, ?ihre berufliche Zukunft in Asien zu suchen?. Cockpit-Sprecher Kirschneck mahnt jedoch, genau zu prüfen, ?unter wessen Fuchtel? man sich im Ausland begibt: ?Gerade die Luftfahrt ist ein Tummelplatz für Hasardeure und Glücksritter mit teils ausgeprägten Profilneurosen." (kog)
Dieser Artikel ist erschienen am 26.05.2006