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Abtritt eines Jetsetters

Von Oliver Stock
Drei Kinder und mehrere Hunde sind ja auch eine schöne Aufgabe. Bis zum gestrigen Dienstag war Karl-Heinz Grasser österreichischer Finanzminister. Dem privaten Familienidyll mit seiner Frau, der Tiroler Kristall-Dynastie-Erbin Fiona Svarowski, will er sich jetzt ganz und gar widmen ? zunächst. Wie lange? Das ließ er, den auf den Amtsfluren des Ministeriums alle kurz ?KHG? nennen, bislang offen.
Wie lange? Das ließ er, den auf den Amtsfluren des Ministeriums alle kurz ?KHG? nennen, bislang offen. ?Ich habe immer gesagt, ich möchte nicht Berufspolitiker werden ? sieben Jahre sind genug?, sagte Grasser und fügte hinzu: Nach einer Auszeit werde er in die Wirtschaft zurückkehren.Die Entscheidung des 38-Jährigen, der beispielsweise im Brüsseler Rat der Finanzminister als ?Feschester? in der Zunft der Geldzähler gilt, hat in Wien am gestrigen Dienstag bei den einen Erleichterungsrufe, bei den anderen beinahe Tränen der Trauer ausgelöst. Kein Regierungspolitiker hat die Alpenrepublik stärker polarisiert als Grasser. Niemand hat mehr an den Nerven der Kollegen gesägt und ihre heimliche Bewunderung genossen, als der ?Heppi-Peppi-Medien-Star?, wie Grasser noch einmal von einem Zuschauer der Abschiedsszene tituliert wurde.

Die besten Jobs von allen

Immer dann, wenn der Minister, der in seinem Dienst-Audi gern zur gut gekühlten Red-Bull-Dose griff, häufiger in den Klatschspalten auftauchte als in den politischen Rubriken der seriösen Zeitungen, wurden die Mienen im Kanzleramt am Ballhausplatz zwar etwas angespannter. Aber auch dem bisherigen Regierungschef Wolfgang Schüssel, selber alles andere als ein Showtalent, war klar, dass seine Mannschaft durchaus einen vertragen und sogar brauchen kann, der ein wenig Glamour übers dröge Regierungshandwerk verbreitet. Außerdem war Grasser mit Fiona am Strand in Badehose adretter anzusehen, als beispielsweise ein Rudolf Scharping beim Plantschen mit der Freundin im Swimmingpool.Dass Grasser dabei Grenzen übertreten hat ? etwa, als er trotz Tsunami und vermisster Österreicher in aller Seelenruhe unweit des Katastrophengebiets Urlaub machte ?, verzieh ihm der Regierungschef oft schneller als die Öffentlichkeit. Das hatte damit zu tun, dass der Minister, in dessen Vorzimmer die Werke Joseph Schumpeters unter einer Vitrine liegen, in seinem Fach erfolgreicher als andere agierte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Aus Brüssler Sicht gehörte er zu den Musterschülern Im Jahr 2005 war in Österreich die Steuerquote erstmals so niedrig wie 1995, für das vergangene Jahr dürfte ein Wert wie seit 1991 nicht mehr erreicht werden. Ob sich das unter den Bedingungen einer großen Koalition, in der der bisherige Fraktionschef der Volkspartei, Wilhelm Molterer, Grassers Nachfolger als Minister werden soll, durchhalten lässt, steht in den Sternen. Auch die Staatsverschuldung hatte Grasser im Griff.Aus Brüssler Sicht gehörte er zu den Musterschülern, weswegen er sich die Freiheit nahm, Problemfällen wie seinem ehemaligen Kollegen, dem deutschen Finanzminister Hans Eichel, genüsslich Nachhilfeunterricht zu erteilen. ?Deutschland hätte in den vergangenen Jahren stärker konsolidieren müssen. Dann hätten auch die Steuern stärker gesenkt werden können. Der internationale Weg geht zu niedrigeren Steuern, besonders für Unternehmen. Und den muss auch Deutschland mitgehen?, schrieb er Eichel einst in einem Handelsblatt-Gespräch ins Stammbuch.Politisch hat sich der Minister nie festgelegt. Ins Kabinett gehievt hatte ihn einst ausgerechnet Jörg Haider, als der vor knapp sieben Jahren mit einer starken Freiheitlichen Partei Regierungspartner wurde. Kurz vor den Wahlen im Jahr 2002 verließ Grasser die immer mehr in den rechten Sumpf abdriftenden Freiheitlichen und wandte sich der Volkspartei von Kanzler Schüssel zu, ohne jemals Parteimitglied zu werden. Dass er keine politische Organisation als Machtbasis im Rücken hatte, machte den Minister immer dann umso populärer, wenn die Österreicher vom gegenseitigen Schmäh der Parteien mal wieder die Nase besonders voll hatten.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.01.2007