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Abteilung Ausland

Hunderttausende von Euro können gespart werden, wenn die Forschung oder der Kundendienst in Indien stattfinden und die Kodierung in Polen. Natürlich hat ein solches Outsourcing auch seine Risiken.
Hunderttausende von Euro können gespart werden, wenn die Forschung oder der Kundendienst in Indien stattfinden und die Kodierung in Polen. Natürlich hat ein solches Outsourcing auch seine Risiken.

Bereits in den 80er Jahren haben die Industriestaaten begonnen, Arbeiten mit geringen Anforderungen in Entwicklungsländer auszulagern. Viele Regierungen schlossen sich diesem Trend bereitwillig an. Ihr Argument: Der Export von Arbeitsplätzen, für die nur eine geringe Ausbildung nötig ist, ermögliche es den Volkswirtschaften, sich auf ausbildungsintensive Bereiche und damit Sektoren mit hohem Mehrwert zu konzentrieren - die Basis dessen, was viele als Wissensgesellschaft bezeichnen.

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Heute sind wir Zeugen eines neuen Exodus. Jetzt geht es nicht um einfache Arbeitsvorgänge, sondern um die Entwicklung, das Verschlüsseln und sogar das Design von Software - Arbeiten, die eine hohe Ausbildungsqualität verlangen. Die makroökonomische Debatte darüber ist wichtig, aber was wird aus diesen Themen auf der mikroökonomischen Ebene? Sollten sich Startups heute die Vorteile einer kostengünstigen Auslandsfertigung sichern? Und wenn ja, was sind die Fallstricke und Gefahren dieser strategischen Möglichkeit?

Im derzeitigen Umfeld bleibt jungen und kostenbewussten Unternehmen kaum etwas anderes übrig, als für ihre hochspezialisierten Fertigungen nach billigen Standorten zu suchen. Am weitesten verbreitet ist das Outsourcing der Software-Entwicklung. Während die strategischen Aufgaben, also der Entwurf, die Architektur und das Kunden-Interface gewöhnlich in der Hand und Verantwortung der europäischen Mitarbeiter bleiben, verlegen viele Firmen die Verschlüsselung der Software ins Ausland. Eine große Rolle spielen dabei die Arbeitsmärkte in Indien und in vielen Teilen Osteuropas.

Natürlich spielen Angebot und Nachfrage bei diesem Phänomen eine wesentliche Rolle. Angesichts des massiven Wachstums der Hochtechnologiebranche in den vergangenen zehn Jahren wurden in Europa die einheimischen Talente schnell knapp - die Ausbildungskluft in Europa ist in diesem Sektor am deutlichsten. Viele Regierungen haben deswegen die Einwanderungshürden für hochqualifizierte Software-Ingenieure gesenkt.

Dass es dieses Angebot an Ingenieuren überhaupt gibt, hat ganz unterschiedliche Gründe: In Osteuropa hängt es mit der Entwicklung während des kalten Krieges zusammen. Während sich die Volkswirtschaften im kapitalistischen System vorwärts entwickelten, reagierten die Regierungen Osteuropas, indem sie durch die Entwicklung ähnlicher Technologien mit dem Westen konkurrierten und ihre Arbeitnehmer in den entsprechenden Fähigkeiten schulten. Nachdem sich Osteuropa dem Kapitalismus zugewandt hat, profitiert der Westen von dieser Bildungspolitik.

In Indien sieht die Sache anders aus: Obwohl Indien ein Entwicklungsland mit weit verbreitetem Analphabetentum ist, hat das Land das Bildungssystem Großbritanniens aus der Kolonialzeit geerbt. Dieses System, mit seiner Betonung hoher Standards für die Spitze der Gesellschaft, und geringem oder fehlendem Standard für die breite Masse, hat viele hochqualifizierte Kräfte hervorgebracht.

Auch wenn diese gebildete Klasse nur einen geringen Prozentsatz der indischen Bevölkerung mit insgesamt über einer Milliarde Menschen ausmacht, ist sie doch ein großes und exportfähiges "Produkt". Anders als Osteuropa hat Indien zusätzlich noch einen Sprachvorteil, denn Englisch ist die bevorzugte Sprache der Geschäftswelt. Damit können indische Fachkräfte in sämtlichen Gebieten arbeiten - vom Kundendienst bis zur Forschung. Da MBA-Absolventen in Indien derzeit etwa ein Zehntel des Gehalts erhalten, das ihre Kollegen in Europa oder den USA verdienen, setzen viele Forschungsunternehmen diese hochqualifizierten Fachkräfte bereits ein.

Wie weit genau ein Startup gehen kann, um diese Kostenunterschiede für sich arbeiten zu lassen, zeigt das Beispiel einer Entwicklungsfirma für drahtlose Software. Das Design-Zentrum und die Software-Entwicklung befinden sich in Russland, wo die Ingenieure etwa ein Viertel des in den USA üblichen Gehalts beziehen. Die Hardware wird in Taiwan gefertigt, womit der Trend der 80er Jahre im verarbeitenden Gewerbe kopiert wird. Und kürzlich wurde der Hotline-Dienst für US- Kunden nach Indien ausgelagert.

Aber während dieses Unternehmen als Beispiel für die Vorteile des Outsourcing gelten kann, ist es wichtig, auch die Nachteile eines solchen Prozesses zu betrachten.

Das vorrangigste Problem: Komplexe Betriebsvorgänge stellen kleine Unternehmen vor große Herausforderungen. Wenn solch ein Unternehmen in der Frühphase, in der es auf Kommunikation, Tempo und einen reibungslosen Ablauf ankommt, die Betriebsteile weltweit aufsplittet, ist das eine Gefahr für den oerativen Fortschritt und die strategische Entwicklung.

Da das Unternehmen ja auch noch mit den üblichen Problemen einer Neugründung - von der Finanzierung bis zur Produktentwicklung - zu kämpfen hat, gerät die Verwaltung multinationaler Vorgänge leicht zur unnötigen und gefährlichen Ablenkung. Der Chef eines Startup muss in der Lage sein, über den Gang zu gehen und persönlich mit seinen Entwicklungs- oder Betriebsleitern zu sprechen, statt nur am Telefon oder via E-Mail mit ihnen zu konferieren.

Das Outsourcing an Dritte hat auch negative Auswirkungen auf Produktentwicklung und Strategie. Wenn viele Vorgänge außerhalb der Firma oder weit entfernt von ihr erledigt werden, fehlt allzu oft das Feedback und das Wissens-Management wird unterbrochen. Gleichzeitig bewegen sich Neugründungen häufig in einem sich schnell verändernden Umfeld. Deswegen müssen sie in der Lage sein, Entscheidungen schnell zu treffen, und ihre Strategien so ausgelegen, dass sie sich den neuen Marktbedingungen leicht anpassen können. Sind die globalen Betriebsvorgänge vielschichtig und komplex, gerät das immer mehr zur Herausforderung mit sinkendem Erfolg - zum langfristigen Schaden des Unternehmens.

Allerdings zählen Liquidität und der Überlebenskampf zu den vorrangigsten Maximen für die meisten Startups. Hunderttausende von Euro können eingespart werden, wenn die Forschung oder der Kundendienst in Indien oder die Kodierung in Polen oder Russland stattfinden. Junge Unternehmen in diesem Markt müssen diese Chancen ergreifen. Eine sorgfältige Abwägung der Risiken des Outsourcing wird in diese Entscheidung einfließen. Aber mehr und mehr Unternehmen gehen diesen Schritt und profitieren von den Vorteilen.

Jamie Mitchell
Dieser Artikel ist erschienen am 17.12.2001