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Abschluss mit Anschluss

Yvonne Globert
Unternehmen freuen sich über frische Forschungsergebnisse - so lange sie nichts kosten. Eine gute Gelegenheit für Diplomanden, mit ihren Meisterstücken Innovationen anzustoßen - und sich dabei elegant einen Job zu angeln.
Früher mussten Reifen schon platt sein, damit Tobias Weustenfeld sich für sie interessierte. Heute beginnt sein Tag mit einem Blick in die "Reifenzeitung", und LKW-Pneus, die durch einen neuen Anti-Splash-Effekt weniger Spritzwasser aufwirbeln, bringen den 25-Jährigen ins Schwärmen.

Das Thema seiner Diplomarbeit war es, das den jungen Wirtschaftswissenschaftler erst zu seinem Sinneswandel und dann zu den Michelin-Reifenwerken nach Karlsruhe brachte. Titel: "Evaluierung der Anwendungsmöglichkeiten und Gestaltung eines Bonussystems als Kundenbindungsinstrument im Nutzfahrzeugreifenmarkt". Was da so kryptisch klingt, traf genau den Nerv des Unternehmens, das gerade an eigenen Treueprämien bastelte. Extrabonus für Weustenfeld: Weil er sich in kurzer Zeit zum passgenauen Marketingmann mauserte, hat er nun einen Vertrag als Trainee in der Produktlinie Nutzfahrzeugreifen in der Tasche.

Die besten Jobs von allen


Abschlussarbeit mit Anschlussjob - kein Sonderfall. Michelin übernimmt rund 90 Prozent seiner jährlich rund 13 Diplomanden. Der Möbelhändler Ikea stellt immerhin jeden vierten seiner 20 Jungforscher ein. "Eine Examensarbeit bietet die Möglichkeit, sich unverbindlich kennen zu lernen", sagt Ikea-Personalbeauftragte Nina Eberlein. Nicht nur deshalb bleiben Diplomandenstellen, die meist mit ein paar Hundert Euro im Monat vergütet werden, vom allgemeinen Personalabbau verschont: "Preiswerter ist an wissenschaftliche Studien kaum heranzukommen", erklärt Britta Freis von Kobra, der Koordinierungs- und Beratungsstelle für den Berufseinstieg an der Ruhr-Universität Bochum. Wiwis im Vorteil

Nicht jedes Studienfach hat dabei den gleichen Marktwert. Bei der Diplomarbeitsbörse Examicus fahnden Unternehmen zu 60 Prozent nach wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten, danach folgen natur- und ingenieurwissenschaftliche Studien. Aber auch Sozial- und Kulturwissenschaftler haben Chancen auf eine Diplomandenstelle - selbst in Branchen, bei denen man es nicht vermutet (s. Kasten). Hauptsache, das Unternehmen profitiert vom Thema der Arbeit. Wiwi-Student Tobias Weustenfeld etwa hatte sich an der Uni Dortmund auf Marketingfragen konzentriert - eine kluge Wahl: "Bei Michelin konnte ich dann beweisen, dass ich mich schnell in neue Bereiche einarbeite und nicht nur der Theoretiker bin.

Um einzusteigen wie Weustenfeld, ist Insiderwissen vonnöten. Mit einem Blick auf die Homepage des Unternehmens und in einschlägige Branchenblätter bringen sich Diplomanden auf den aktuellen Forschungsstand. So lassen sich Themen entwickeln. Der zweite Schritt führt zu den Personalabteilungen. Wer nach einem konkreten Ansprechpartner in einer Fachabteilung sucht, wird am ehesten auf Recruiting-Messen fündig. Hier lässt sich früh antesten, ob das auserwählte Thema auf Gegenliebe stößt. Am besten über eine kurze Präsentation, die sich auch visualisieren lässt. Niemand hat in der Messehektik Zeit, 100-seitige Arbeiten durchzuackern. Weustenfeld knüpfte seine Kontakte während eines Praktikums bei Michelin. In dieser Zeit klopfte er bereits mit seinem Diplomarbeitswunsch an. Der Vorteil: "Ich kannte bereits sämtliche Abteilungen und Kollegen. Das hat mir bei der Abschlussarbeit viel Zeit erspart." Und seine Chancen, sich intern rasch als Mitarbeiter zu etablieren, zweifellos verbessert. Wissen, was trendy ist

Hilfreiche Türöffner sind auch Trendscouts: Profs, die einen guten Draht zur Wirtschaft haben, die wissen, welche Themen unter den Nägeln brennen. Weniger exklusiv, dafür breitflächiger verraten Diplomarbeitsbörsen, welche Wissenslücken Unternehmen stopfen wollen. Wer schon eigene Themenideen hat, sollte auf das Verfallsdatum achten. Während eine pädagogische Arbeit über das aggressive Verhalten von Kindern im Zuge der Pisa-Debatte bei Examicus reißenden Absatz findet, erntet die millionste Interpretation von Shakespeares "King Lear" nur Schulterzucken. Am aussichtsreichsten - auch für die spätere Übernahme - erweisen sich Themen mit betriebswirtschaftlichem Zuschnitt. Über sie lässt sich das eigene Mitarbeiterpotenzial am ehesten herausstellen

"Eine Arbeit sollte immer einen klaren Nutzen bringen", betont Nina Eberlein. Sinn macht es daher, sich auf unternehmensrelevante Kernkompetenzen zu konzentrieren. So können Germanisten etwa Ursachen für Kommunikationsprobleme unter Mitarbeitern ausloten oder Formulare auf Kundenfreundlichkeit checken. Marketingabteilungen greifen bei Präsentationen gern auf spannende Firmenbiografien von Historikern zurück. Vorsicht aber vor dunklen Kapiteln: Wer Verbindungen zum Nationalsozialismus ausgräbt, wird schnell zum Nestbeschmutzer. Keine brotlose Kunst

Unternehmen lieben es, ihr Image aufzupolieren. Hier können Absolventen künstlerischer Studiengänge punkten. "Sie arbeiten praxisnah und können mit ihren Abschlussarbeiten gleich zeigen, was sie können", sagt Berufsberaterin Britta Freis. Mit einer Modernisierung des Firmenlogos, einer Unternehmens-Doku im Videoclip-Format oder einer selbst organisierten Kunstausstellung bekommen sie den Fuß in die Tür.

Nicht immer sind es Auftragsarbeiten, die Diplomanden den Eintritt ins Business verschaffen. Beispiel Markus Herzer. "Ich schreibe nicht für die Schublade", entschied er nach dem Musikstudium an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Und schrieb seine Arbeit über den "new astronautic sound" in der 60er-Jahre-Serie "Raumpatrouille Orion". Kaum war sie ausgedruckt, feierte eine eingefleischte Fangemeinde im Kino das Remake der alten Science-Fiction-Streifen.

Besser konnte das Timing nicht sein. In kurzer Zeit lernte Herzer Musikjournalisten und Filmproduzenten kennen. "Orion"-Komponist Peter Thomas lud ihn in sein Winterdomizil nach Lugano ein. Mit seiner Hilfe sucht Herzer jetzt nach einem Verleger für sein Abschlusswerk und will sich als Filmmusiker etablieren. Herzers Erfolgsformel: "Ein vergessenes Thema mit Trendfaktor ausgraben." So geht's also auch. Diplomanden willkommen

EADS

Diplomandenstellen: ca. 200 ständig im Angebot
Gesuchte Studienrichtungen: Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik, Naturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien
Kontakt: European Aeronautic Defence and Space Company, Postfach 80 11 09, 81663 München, 0 89.6 07-0, www.eads.net

Daimler Chrysler

Diplom-/Promotionsstellen: 5.700 p.a. (weltweit)
Gesuchte Studienrichtungen: Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, vereinzelt auch Geistes- und Sozialwissenschaften
Kontakt: DaimlerChrysler AG, Epplestr. 225, 70567 Stuttgart, 07 11.17-0, www.career.daimlerchrysler.com

Hewlett-Packard
Diplomandenstellen: 100 p.a.
Gesuchte Studienrichtungen: Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik, BWL, Ökonomie
Kontakt:
Hewlett-Packard GmbH, Herrenberger Str. 140, 71034 Böblingen, 0 70 31.1 42-8 05, www.jobs.hp.com

MTU Aero Engines
Diplomandenstellen: 80 p.a.
Gesuchte Studienrichtungen:Ingenieurwesen, Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik Kontakt:
MTU Aero Engines GmbH, Dachauer Str. 665, 80995 München, 0 89.14 89-0, www.mtu.de

Philips

Diplomandenstellen: 75 p.a.
Gesuchte Studienrichtungen: Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik, Naturwissenschaften
Kontakt: Philips GmbH, Steindamm 94, 20099 Hamburg, 0 40.28 99-21 69, www.philips.de Die größten Marktplätze

www.jungekarriere.com: Top-Unternehmen stellen regelmäßig ihre Angebote ins Netz.

www.akademiker-online.de veröffentlicht Diplomandenplätze von 106 Unternehmen

www.Diplommarbeiten.ihk.de : Industrie- und Handelskammern tragen bundesweit Stellen für Examenskandidaten zusammen

www.jobpilot.de: Diplom-Offerten von rund 250 Firmen werden laufend aktualisiert

www.examicus.de: Die Forschungsbörse vermarktet rund 3.000 Examensarbeiten, Dissertationen und Studien aus 550 Fachbereichen. Diplomandenstellen vermittelt sie nicht.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.12.2003