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Abschiedsgruß vom Chef

Katja Stricker
Eigentlich wollte Barbara Maus* nur einen Rechtschreibfehler und die falsche Angabe des Geburtsortes in ihrem Arbeitszeugnis ändern lassen. Ihr Chef nutzte die Korrektur der Vertipper allerdings dazu, im neuen Zeugnis die Führung der Arbeitnehmerin von "stets einwandfrei" auf "einwandfrei" herabzustufen - so landete der Zeugnisstreit vor dem Bundesarbeitsgericht. Das entschied kürzlich: Der Arbeitgeber ist an den ursprünglichen Zeugnistext gebunden und darf die Korrektur nicht zur Änderung der Gesamtbeurteilung nutzen.
Arbeitszeugnisse sorgen häufig für Streit. Welche Rechte Arbeitnehmer haben und wie sie die Geheimsprache der Personaler entschlüsseln.
Arbeitszeugnisse sorgen häufig für Streit, denn nicht immer bescheinigen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern nur Gutes. Welche Rechte Arbeitnehmer haben und wie sie die Geheimsprache der Personaler entschlüsseln

Notenschlüssel
Geheimcodes der Personaler

Eigentlich wollte Barbara Maus* nur einen Rechtschreibfehler und die falsche Angabe des Geburtsortes in ihrem Arbeitszeugnis ändern lassen. Ihr Chef nutzte die Korrektur der Vertipper allerdings dazu, im neuen Zeugnis die Führung der Arbeitnehmerin von "stets einwandfrei" auf "einwandfrei" herabzustufen - so landete der Zeugnisstreit vor dem Bundesarbeitsgericht. Das entschied kürzlich: Der Arbeitgeber ist an den ursprünglichen Zeugnistext gebunden und darf die Korrektur nicht zur Änderung der Gesamtbeurteilung nutzen

Die besten Jobs von allen


Urteilsflut
Konflikte ums Arbeitszeugnis sind an der Tagesordnung. "Bei fast jedem Vergleich im Anschluss an eine Kündigung geht es um die Qualität des Zeugnisses", schätzt Doris-Maria Schuster, Arbeitsrechtsexpertin und Partnerin in der Frankfurter Kanzlei Gleiss Lutz. Vor den Arbeitsgerichten landen jährlich zig Klagen, denn das Konfliktpotenzial beim Thema Abschlussbeurteilung hat zugenommen. Der Grund: Ein gutes Zeugnis ist eine der wichtigsten Bewerbungsunterlagen bei der Jobsuche.

Da der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt härter geworden ist, machen selbst Nuancen schon einen großen Unterschied. "Deshalb sind Arbeitnehmer eher bereit, für ein gutes Zeugnis zu kämpfen", beobachtet Astrid Schultz, Zeugnisexpertin bei der Hamburger Karriere- und Vergütungsberatung Personalmarkt.

Spätestens zum Ablauf der Kündigungsfrist müssen scheidende Mitarbeiter das Zeugnis in den Händen halten. Wer mit dem Schreiben nicht zufrieden ist, hat einen Anspruch auf Korrektur, den man innerhalb eines halben Jahres geltend machen muss. Auf einen bestimmten Wortlaut kann der Arbeitnehmer allerdings nicht bestehen

Jeder Angestellte hat ein Recht auf ein "wohlwollendes" Zeugnis. Mit negativen Formulierungen gehen die Gerichte entsprechend streng um. "Beurteilungen wie ,er hat sich bemüht' oder ?im Großen und Ganzen zufriedenstellend', die vernichtenden Benotungen entsprechen, wird ein Arbeitgeber nur durchsetzen können, wenn er beweisen kann, dass der Mitarbeiter eine absolute Niete war", erläutert Arbeitsrechtlerin Schuster

Das sagen die Richter

Keine Verdächtigungen
Der Hinweis auf ein laufendes Ermittlungsverfahren wegen eines Diebstahlverdachts gehört nicht ins Arbeitszeugnis eines gekündigten Mitarbeiters. Sollte der Ex-Angestellte später tatsächlich verurteilt werden, darf sein früherer Chef das Zeugnis aber noch nachträglich ändern.
LAG Düsseldorf, 3 Sa 359/05

Fehlzeiten sind Tabu
Krankheitsbedingte Fehlzeiten dürfen nur dann in einem Arbeitszeugnis erwähnt werden, wenn sie mehr als die Hälfte der gesamten Beschäftigungszeit ausmachten. Das gilt selbst dann, wenn die Fehlzeiten zur Kündigung geführt haben.
LAG Chemnitz, 5 Sa 996/95

Knicken erlaubt
Der Arbeitgeber darf ein Zeugnis knicken oder falten, um es per Post zu verschicken, wenn die Knickstellen auf einer Kopie nicht sichtbar sind. Er ist nicht dazu verpflichtet, einen DIN-A4-Umschlag zu verwenden.
BAG, 9 AZR 893/98

Lange Elternzeit nennen
Arbeitgeber dürfen in einem Arbeitszeugnis auf die Inanspruchnahme von Elternzeit hinweisen, wenn der Angestellte deswegen am Ende des Arbeitsverhältnisses überwiegend nicht gearbeitet hat. Im konkreten Fall war ein Koch in den letzten drei Jahren seiner Tätigkeit mehr als 80 Prozent der Zeit in Elternzeit gewesen.
BAG, 9 AZR 261/04
Häufiger Streitpunkt bei der Bewertung der Arbeitsleistung sind zwei kleine Buchstaben: Denn, ob ein Mitarbeiter zur "vollen" oder zur "vollsten" Zufriedenheit gearbeitet hat, macht den Unterschied zwischen einem guten oder sehr guten Zeugnis. Wer die Bestnote einfordert, braucht im Streitfall Beweise für seine außerordentliche Leistung im Job. "Das können Ergebnisse aus Personalgesprächen oder die erreichte Quote bei leistungsabhängigen Zielvereinbarungen sein", sagt Expertin Schuster.

Versteckte Lücken
Doch nicht nur was in Zeugnissen steht, führt zu Streit. Auch durch Weglassen können Chefs ihre Mitarbeiter negativ bewerten. "Lücken im Arbeitszeugnis sind sehr problematisch, weil sie viel Spielraum für Interpretationen lassen", sagt Zeugnisexpertin Schultz. So darf etwa der Hinweis auf ein "stets einwandfreies Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden" nicht fehlen, sonst lässt das auf schlechte Umgangsformen und erhebliche zwischenmenschliche Probleme schließen

Ein gutes Zeugnis endet mit der Formulierung, dass dem Mitarbeiter für seine Leistungen gedankt und ihm für seinen weiteren Berufsweg alles Gute gewünscht wird. "Fehlt diese Schlussformel, kann beim Leser der Eindruck entstehen, der alte Arbeitgeber sei froh, den Mitarbeiter loszuwerden", erklärt Schultz

Wer selbst kündigt, sollte auf der Formulierung "verlässt unser Unternehmen auf eigenen Wunsch" bestehen. Bei einer betriebsbedingten Kündigung raten Experten zur Offenheit: "Eine solche Kündigung ist heutzutage kein Makel mehr", sagt Schultz von Personalmarkt. Schlimmer sei es, gar keinen Grund für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses anzugeben, denn das lässt Raum für Spekulationen.

Zwischenbilanz Ziehen
Wechselt der Vorgesetzte oder übernimmt man selbst neue Aufgaben, ist es sinnvoll, nach einem Zwischenzeugnis zu fragen. Denn in der Regel muss das spätere Endzeugnis den gleichen Grundtenor haben wie die Zwischenbewertung. Große Abweichungen sind nur mit Begründung möglich. Ohne einen entsprechenden Anlass sollte man allerdings vorsichtig sein. Denn die Frage nach einem Zwischenzeugnis kann signalisieren, dass der Mitarbeiter innerlich bereits gekündigt hat und auf Jobsuche ist.
* Name geändert Notenschlüssel

Note Er/Sie hat alle Arbeiten...
sehr gut stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt. war stets vorbildlich.
gut stets zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt. war vorbildlich.
voll befriedigend zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt. war stets einwandfrei.
befriedigend stets zu unserer Zufriedenheit erledigt. war einwandfrei.
ausreichend zu unserer Zufriedenheit erledigt. war ohne Tadel.
mangelhaft im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit erledigt. gab zu keiner Klage Anlass.
ungenügend ungenügend zu unserer Zufriedenheit zu erledigen versucht. Über... ist uns nichts Nachteiliges bekannt geworden.
Geheimcodes der Personaler und was sie wirklich bedeuten

So steht's drin Das ist gemeint
Sie erledigte ihre Aufgaben immer ordnungsgemäß. Sie ist eine Bürokratin und zeigt kaum Kreativität und Eigeninitiative.
Er war stets mit Interesse bei der Sache. Er hat auf ganzer Linie versagt.
Sie bewältigte die ihr gemäßen Aufgaben schnell und sicher. Die anspruchslosen Aufgaben bewältigt sie sicher. Mit schwierigen Aufgaben hat sie dagegen Probleme.
Die ihr übertragenen Aufgaben hat sie zu unserer Zufriedenheit erledigt. Sonst hat sie allerdings keine Aufgaben zu unserer Zufriedenheit erledigt. Ihr fehlt zudem die Eigeninitiative.
Er ist ein zuverlässiger/gewissenhafter Mitarbeiter. Er ist stets zur Stelle, wenn er gebraucht wird - allerdings ist er nicht immer brauchbar.
Er war tüchtig und wusste sich gut zu verkaufen. Er ist ein unangenehmer, rechthaberischer Wichtigtuer.
Sie verfügt über Fachwissen und hat ein gesundes Selbstvertrauen. Ihr rudimentäres Fachwissen versucht sie mit großer Klappe zu übertünchen
Bei unseren Kunden war er schnell beliebt. Bei Verhandlungen mit Kunden machte er allzu schnell Zugeständnisse.
Innerhalb und außerhalb des Unternehmens trat sie engagiert für die Interessen der Kollegen ein. Sie war Mitglied des Betriebsrates.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2005