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Abschied von einem großen Schlitzohr

Von Christoph Moss, Handelsblatt
Er überlebte den Holocaust und feierte ausgerechnet in Deutschland seine größten Erfolge. Er bekam nie den Nobelpreis und war trotzdem auf der ganzen Welt berühmt. Am Samstag ist der große Satiriker Ephraim Kishon im Alter von 80 Jahren gestorben.
Ephraim Kishon verstarb am Samstag im Alter von 80 Jahren.
Er fürchte sich nicht vor dem Tod, hatte Kishon noch im Herbst gesagt: ?Die Tatsache, dass jeder Mensch diese Welt früher oder später verlässt, ist keine göttliche Hinrichtung, sondern eine Erlösung, Gottes schönste Gnade.?Ephraim Kishon, der Mann mit dem schneeweißen Haupthaar, galt als erfolgreichster Satiriker der Gegenwart. Weltweit verkaufte er 43 Millionen Bücher, davon allein 32 Millionen in deutscher Sprache. Seine ?Familiengeschichten? gelten als das meistverkaufte hebräische Buch der Welt ? nach der Bibel.

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Dass er gerade bei den Deutschen so beliebt war, empfand Kishon als Ironie der Geschichte. ?Ich verspüre Genugtuung darüber, dass die Enkel meiner Henker in meinen Lesungen Schlange stehen?, sagte er einmal. Ein Großteil seiner Familie war in den Gaskammern von Auschwitz, dessen 60. Jahrestag der Befreiung vergangene Woche begangen wurde, umgekommen. Aber den jungen Deutschen gegenüber empfand er keinen Hass. Es gebe keine kollektive Schuld, sondern nur kollektive Schande. Mit seinem Humor habe er zur Versöhnung beitragen wollen, sagte der Schriftsteller.Kishon war ein politischer Mensch. Am vergangenen Freitag, nur einen Tag vor seinem Tod, gab er den ?Stuttgarter Nachrichten? noch ein Interview. Darin empfiehlt er Bundespräsident Horst Köhler, seine vor dem israelischen Parlament geplante Rede teilweise auf Hebräisch zu halten. ?Ich rate Herrn Köhler, eine kleine Rede auf Hebräisch vorzubereiten, in der er seinen Respekt vor der Sprache der Bibel und Jesus Christus bekundet. Dann sollte er um Verzeihung bitten, dass er in seiner Sprache fortfährt, obwohl das Deutsch die Bestialitäten der Nazis an Juden begleitet hat.?Ephraim Kishons Lebensgeschichte beginnt am 23. August 1924 in Budapest mit der Geburt als Ferenc Hoffmann. Der Sohn eines Bankdirektors wächst in der ungarischen Hauptstadt auf. Während des Zweiten Weltkriegs wird er wegen seiner jüdischen Herkunft in das Vernichtungslager Sobibor transportiert. Er tarnt sich als Nichtjude und flieht. ?Sie machten einen Fehler, sie ließen einen Satiriker am Leben?, wird er später schreiben.Nach dem Krieg absolviert Kishon die Kunstakademie als diplomierter Bildhauer. 1949 flieht er erneut ? diesmal aus dem kommunistischen Ungarn nach Israel. Auf der Flucht gibt er sich den Namen ?Kishont?, den ein israelischer Beamter bei der Einreise zu ?Kishon? umwandelt. Den Vornamen Ferenc ersetzt der Mann mit der lakonischen Bemerkung ?Gibt es nicht? kurzerhand durch Ephraim.Lesen Sie auf Seite 2: Wie schwierig für Kishon der Start in Israel war Der Start in Israel ist schwierig. Kishon arbeitet zunächst als Schlosser. Er muss sich die Sprache aneignen und entschließt sich, ein komplettes Hebräisch-Wörterbuch auswendig zu lernen. In den 50er-Jahren zieht er nach Tel Aviv und wird dort Leiter einer Kleinkunstbühne. Mit seinen satirischen Glossen für die Tageszeitung ?Ma'ariv? wird er bekannt. Den literarischen Durchbruch schafft Kishon schließlich mit der Geschichte vom ?Blaumilchkanal?.Mit Beginn der 60er-Jahre gibt er eine Vielzahl von Satiren und Erzählbänden heraus. Am bekanntesten werden ?Drehn Sie sich um, Frau Lot?, ?Arche Noah, Touristenklasse? und ?Wie unfair, David?. Viel Beifall findet sein heiteres Trauerspiel ?Es war die Lerche?, eine groteske Fortschreibung der Shakespeare-Tragödie ?Romeo und Julia?. Während Shakespeare das junge Paar sterben lässt, schildert Kishon, wie Romeo und Julia nach dreißig Ehejahren leben.Kishon verfasst Theaterstücke und dreht Filme. Seine Werke ?Sallah oder Tausche Tochter gegen Wohnung? und ?Schlaf gut, Wachtmeister? bringen ihm zwei Golden Globes und in Hollywood zwei Oscar-Nominierungen ein.Seine Ideen schöpfte Kishon vor allem aus dem alltäglichen Leben. Freunden, Bekannten, seinen drei Kindern, aber vor allem Sara, ?der besten Ehefrau von allen?, setzte er in seinen Büchern ein literarisches Denkmal. Nach Saras Tod heiratete Kishon 2003 seine dritte Frau Lisa. In den vergangenen zwanzig Jahren lebte er abwechselnd in Israel und in seinem Haus im Schweizer Kanton Appenzell. Dort starb er am Samstag nach einer Herzattacke in den Armen seiner Frau.Über die Trauerfeier für sich selbst hatte er sich bereits vorher Gedanken gemacht. ?Ich bedauere nur, dass ich meiner Beerdigung nicht lauschen kann?, sagte er einmal. ?Man wird so schöne Sachen über mich sagen, ich werde ein großer Philosoph sein. Schade, dass ich das verpasse.? Morgen wird Ephraim Kishon in Tel Aviv beigesetzt.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.01.2005