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Abschied von drögen Zahlenklaubern

Von Hans-Peter Siebenhaar
Ob bei Karstadt-Quelle, Siemens oder Lufthansa: Die Rolle des Finanzvorstands wandelt sich so rasch wie kein anderer Managementposten. Dröge Zahlenklauber, die bestenfalls bei der Vorlage der Quartalsberichte auffällig werden, sind nicht mehr gefragt.
DÜSSELDORF/FRANKFURT/MÜNCHEN. Ganz ruhig, ganz wortkarg präsentiert Harald Pinger seinen Schachzug: den trickreichen Verkauf der Immobilien des Karstadt-Quelle-Konzerns. Auch trickreiche Nachfragen pariert der Finanzvorstand gelassen. Pinger bewahrt stets sein Pokerface.Den Glamour überlässt er lieber Vorstandschef Thomas Middelhoff. Dafür aber ist Pinger der strategische Kopf hinter der Entscheidung, er ist eine der Schlüsselfiguren im Versuch, das Schicksal des Handelskonzerns zu wenden. Und damit ist Harald Pinger ein Beispiel für eine kleine Management-Revolution.

Die besten Jobs von allen

?Kratze an der Oberfläche eines Finanzvorstands, und du entdeckst einen Buchhalter darunter?, witzeln US-Marketing-Manager. Ein trickreicher Bursche? Supersmart? Nein, so hätte früher niemand über Finanzvorstände gesprochen.Früher allerdings hätten die CFO auch nicht ihren Vornamen von Josef auf das coolere ?Joe? geändert.Dröge Zahlenklauber, die bestenfalls bei der Vorlage der Quartalsberichte auffällig werden, sind nicht mehr gefragt. Die Berufung von Josef ?Joe? Kaeser bei Siemens und Stephan Gemkow bei Lufthansa, die Vertragsverlängerung von Bodo Uebber bei Daimler-Chrysler, alle in der vergangenen Woche, künden von einer neuen Zeit in Deutschlands Konzernvorständen.Die ist bei Karstadt-Quelle schon im Oktober 2004 angebrochen, als Pinger seine Arbeit begann. Der Betriebswirt machte beim Gasehersteller Messer-Griesheim auf sich aufmerksam. Eigentlich sollte der Konzern an die Börse. Doch Pinger gelang es, zwei Drittel des Traditionsunternehmens an den französischen Weltmarktführer Air Liquide zu verkaufen. Mit dem Erlös von 2,7 Milliarden Euro zahlte er die Wagniskapitalgeber aus ? der Rest der Firma blieb in den Händen der Gründerfamilie.Das qualifiziert Pinger für den Job bei Karstadt-Quelle: Den Handelskonzern soll der Finanzvorstand ebenfalls filetieren. Was übrig bleibt, könnte Großaktionärin Madeleine Schickedanz übernehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Pinger entspricht dem Idealbild Pinger gilt als Teamplayer, das hat er in der Feldhockey-Bundesliga gelernt. Er denke selten hierarchisch, heißt es in der Zentrale, und sei sehr umgänglich. ?Auf Kritik und kritische Fragen reagiert er konstruktiv?, lobt ein Banker. Ein anderer nennt ihn gar ?supersmart?.Damit entspricht Pinger dem Idealbild, das eine Studie der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton im vergangenen Jahr entwarf: ?Mehr als je zuvor sind CFO an der strategischen Planung direkt beteiligt.?Der CFO soll künftig auf Augenhöhe diskutieren können mit seinen Vorstandskollegen. Diesen Trend spiegelt auch die Vita von Joe Kaeser wider, dem neuen Finanz-Meister bei Siemens. Kaeser durchlief die konzernübliche Schule für Führungskräfte, musste so jung, auslandserfahren und durchsetzungsfähig sein wie alle anderen. Nichts ist mehr zu spüren von der Sonderstellung des Finanzvorstands, der nur über die Zahlen zu wachen hatte und ansonsten gefälligst die Klappe hielt.Letzteres wäre auch keine Stärke von Kaeser. ?Man muss selbst dafür sorgen, dass der Erfolg kommt und bleibt?, hat er ins Goldene Buch der Stadt Bocholt geschrieben, als das dortige Siemens-Werk noch eine Zierde für die Stadt war.Seine Berufung in den Siemens-Vorstand ist nicht nur eine Personalie, sie ist eine Botschaft. Der Mann aus der oberpfälzischen Provinz, der an der FH Regensburg Betriebswirtschaft studierte, ehe er dann nur noch Siemens lernte, symbolisiert die neue Kombination aus Finanzfachmann und Kämpfer.Das hat Kaeser oft bewiesen, in seinen Anfängen bei der notleidenden Kommunikationssparte, in den USA, wo er aus Josef Joe macht, und dann auch in Bocholt. Hier handelt er als Bereichsvorstand mit den Gewerkschaften die umstrittene Arbeitszeitverlängerung für die Werke in Bocholt und Kamp-Lintfort aus. Bei den Gewerkschaften steht er seither im Ruf, ein ?harter Knochen? zu sein.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Aufstiegschancen steigen Dass Kaeser den hoch geachteten, aus dem Investment-Banking stammenden Heinz-Joachim Neubürger ablöste, hat auch im angelsächsischen Raum für Aufmerksamkeit gesorgt. Dort wurde auch Bodo Uebbers Aufstieg zum Finanzvorstand von Daimler- Chrysler im Dezember 2004 aufmerksam registriert: 46 Jahre alt, gute Manieren, hemdsärmelig, unkompliziert, jovial ? das Gegenteil seines eher unnahbaren Vorgängers Manfred Gentz.Schon nach kurzer Zeit hatte Uebber diesen vollwertig ersetzt, erkennen viele im Konzern an. Der Temperamentvolle mit der modischen Kurzhaarfrisur, dessen Karriereschritte immer ein wenig schneller als bei anderen ausfielen, habe mit seiner direkten Art überzeugt und mache einen soliden Job, sagt ein Analyst.Uebber selbst sieht sich nicht nur als Zahlenmensch, sondern auch als Manager mit Interesse für Technik und das Operative: ?Ich bin gerne eng am Geschäft, eng an der Entscheidung.? Der Wirtschaftsingenieur gilt als scharfer Analytiker, der Dinge auf den Punkt bringt? und Konflikten nicht aus dem Wege geht: ?Ich kann mich mit Kollegen hart in der Sache streiten und trotzdem zwei Wochen später mit ihnen essen gehen.?Als Uebber Anfang 2004 zur damals für das Desaster um das Mauterhebungssystem Toll-Collect verantwortlichen Daimler-Finanzdienstleistungstochter Financial Services wechselt, sollen die ersten Vorstandssitzungen recht turbulent verlaufen sein, erzählt man sich auf den Bürofluren. ?Er ist ein gerissener Bursche?, sagt ein Ex-Kollege.Uebber passt perfekt zu den Erkenntnissen einer in den USA stark beachteten Studie über die künftige Rolle von Finanzvorständen aus dem Jahr 2004. Das vom ?IBM Institute of Business Value? herausgebrachte Werk erträumt sich CFO, die nicht mehr nur zu Pflichtterminen wie der Jahresbilanz-Präsentation auftauchen, sondern Finanzdaten auf Abruf liefern. Statt den Zahlenpolizisten zu geben, sollten sie aktiv Themen ans Licht bringen. ?Sie müssen künftig die finanziellen Auswirkungen nicht-finanzieller Entscheidungen sofort erkennen?, ergänzt John R. Percival, Finanzprofessor an der amerikanischen Wharton-Universität.Die gewachsene Bedeutung der Finanzvorstände hat auch beträchtliche Auswirkungen auf ihre Aufstiegschancen: Die waren noch nie besser. Selbst die streng hierarchisch aufgestellte Lufthansa, die im Konzernvorstand bisher ältere Semester bevorzugte, hat vergangene Woche einen Mittvierziger auf den Posten des Finanzchefs gehoben: Stephan Gemkow, bisher Finanz- und Personalvorstand der Fracht-Tochter Lufthansa Cargo.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Kein anderer Vorstandsposten ist so wandelbar Analytisch, pragmatisch und kommunikationsstark ? so beschreiben ihn Weggefährten. Obwohl Gemkow die Karriereleiter für Lufthansa-Verhältnisse im Sprint nach oben kletterte, weist seine Vita ein breites Portfolio an Managementaufgaben aus.Und auch ein anderes, für konservative Haltung bekanntes Unternehmen besorgte sich jüngst einen Finanzchef mit Blitzkarriere: Bertelsmann.Erst vor fünf Jahren wechselte Thomas Rabe auf den Posten des Finanzvorstands bei der RTL Group. Im Januar rückte der promovierte Diplom-Kaufmann in den Bertelsmann-Vorstand auf ? und wurde zum zweitmächtigsten Mann im Konzern. Bertelsmann-Chef Gunter Thielen vertraut ihm so sehr, dass er ihn mit weit reichenden Kompetenzen ausstattete: Rabe leitet nicht nur die Konzernzentrale im ostwestfälischen Gütersloh, sondern ihm untersteht auch das Musikgeschäft.Damit besetzt Rabe eine Schlüsselrolle für die Zukunft des Gesamtkonzerns. Denn die Musiktochter BMG wird möglicherweise verkauft. Überraschen würde das nicht: Rabe gilt als eiskalt, wenn es um Beteiligungen geht.Und auch bei der Frage, was der belgische Geschäftsmann Albert Frère mit seinen 25 Prozent an Bertelsmann macht, ist Rabe eine zentrale Figur. Der in Brüssel aufgewachsene Sohn eine EU-Beamten parliert mit Frére perfekt auf Französisch. Englisch und Spanisch spricht er ebenfalls. So viel Weltmännisches war Finanzvorständen früher doch eher fern.Rabe hält es da mit seinem Vorgänger Siegfried Luther. Der sagte: ?Der Finanzvorstand sollte halb Buchhalter, halb Stratege sein und in einem wachsenden Grad auch ein effizienter Kommunikator in beiden Rollen.?Kein anderer Vorstandsposten ist eben so im Wandel wie der des Finanzvorstands. Und deshalb könnte jener amerikanische Leitspruch bald geändert werden: ?Kratze an der Oberfläche eines CFO ? und du bekommst einen künftigen Vorstandsvorsitzenden.?Unter Mitarbeit von Matthias Eberle, Carsten Herz, Christoph Hardt und Christoph Schlautmann
Dieser Artikel ist erschienen am 29.03.2006