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Abschied vom Glamour

Marco Tronchetti Provera galt als Mustermanager ? bis der Telecom-Italia-Chef zum Wendehals wurde. Und so muss der eitle Manager nun mit Negativschlagzeilen leben. Nicht einfach für den fast weißhaarigen, aber stets braun gebrannten Mann. Der 58-Jährige hat die Umstrukturierung der Telecom Italia vorgestellt. Aber diesmal lässt der vom Lob verwöhnte Manager die Investoren kalt. Denn sein Vorhaben, das Unternehmen in eine Holding mit den Töchtern Mobilfunk, Festnetz und Medien aufzuteilen, ist eine komplette Wende im Hinblick auf seine bisherige Strategie.
MAILAND. Es war schon auffällig still geworden um Marco Tronchetti Provera. Kaum Interviews in den vergangenen zwölf Monaten, kaum große Auftritte vor der Presse: So mancher fragte sich bereits, was das zu bedeuten hat für die von ihm kontrollierten Unternehmen Pirelli und Telecom Italia.Jetzt wissen sie es. Am Montagabend hat der 58-Jährige die Umstrukturierung der Telecom Italia vorgestellt. Aber diesmal lässt der vom Lob verwöhnte Manager die Investoren kalt. Denn sein Vorhaben, das Unternehmen in eine Holding mit den Töchtern Mobilfunk, Festnetz und Medien aufzuteilen ? wohl mit dem Ziel, den Mobilfunker TIM zu verkaufen ?, ist eine komplette Wende im Hinblick auf seine bisherige Strategie. Erst Ende 2004 hatte Tronchetti Provera die milliardenschwere Wiedereingliederung von TIM angekündigt, um auf die Konvergenz von Mobilfunk und Festnetz zu setzen.

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Und so muss der eitle Manager nun mit Negativschlagzeilen leben. Nicht einfach für den fast weißhaarigen, aber stets braun gebrannten Mann, der es mit seiner Segelyacht, seiner Villa im ligurischen Portofino und seiner schönen Frau, dem tunesischen Fotomodell Afef Njifen, ebenso oft in die Glamour-Presse wie in den Wirtschaftsteil der Zeitungen schaffte. Im Sommer wurde noch über den Auftritt der Pop-Sängerin Shakira bei der Hochzeit seiner Tochter Ilaria berichtet. Oder über das Treffen auf der 50-Meter-Yacht des Medienzars Rupert Murdoch im griechischen Mittelmeer vergangene Woche.Jetzt gehen sogar Politiker auf die Barrikaden, weil sie den Ausverkauf des letzten italienischen Mobilfunkanbieters fürchten. ?Ich habe erst vor zehn Tagen ein sehr freundliches und tief gehendes Gespräch mit Tronchetti Provera gehabt, und er hat mir absolut nichts angedeutet über eine solch wichtige, weit reichende Restrukturierung, die so anders ist als das, was er selbst vor zwei Jahren angekündigt hat?, beschwerte sich diese Woche Italiens Regierungschef Romano Prodi.So ist Tronchetti Provera eben: Vor zwei Jahren hatte er auch die Gerüchte über eine mögliche Wiedereingliederung von TIM bis zum Schluss dementiert ? um sie wenige Tage später zu verkünden. Das Gleiche gilt für die Abspaltung der Branchenbuch-Sparte Seat Pagine Gialle. Auch die hat er Journalisten gegenüber ausgeschlossen, um später die Verkaufsabsichten öffentlich bekannt zu geben. ?Als Kommunikator ist er nicht gerade der Beste?, sagt es vorsichtig ein Analyst, der nicht genannt werden will.?Seinem Image als Manager tut dieser abrupte Richtungswechsel sicher nicht gut?, sagt ein Banker, der ihn schon lange kennt: ?Es ist das Eingeständnis, dass er vorher einen riesigen Fehler gemacht hat.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jahrelang ging es nur bergaufJahrelang ging es in seiner beruflichen und gesellschaftlichen Karriere immer nur bergauf. Als Sohn einer Mailänder Unternehmerfamilie absolvierte er die Elite-Uni Bocconi und stieg ins Familiengeschäft ein. Mit Ende 20 heiratete er Cecilia, die Tochter des Mailänder Reifenkönigs Pirelli, und krönte damit auch seinen gesellschaftlichen Aufstieg. ?Marco ist sehr gut, und ich sage euch, er wird mehr sein als nur ein neuer Chef?, soll sein Schwiegervater Leopoldo Pirelli einmal gesagt haben. Der hielt auch weiter große Stücke auf Tronchetti Provera, nachdem die Ehe mit Cecilia nach drei gemeinsamen Kindern zu Bruch gegangen war: 1992 kürte er ihn zum Pirelli-Chef.Den schrumpfenden Margen im Reifengeschäft setzt der smarte Manager Technologie und Glasfaserkabel entgegen. Erfolgreich wandelt er den Sanierungsfall Pirelli in ein rentables und international wettbewerbsfähiges Unternehmen um. Bewunderung erntet er noch heute für den Schachzug, im Jahr 2000 auf der Höhe des Börsenbooms eine kleine Geschäftssparte der Glasfasertechnik für 3,6 Milliarden Euro ? das Zehnfache des Umsatzes ? in die USA zu verkaufen.Doch im Sommer 2001 übernimmt er mit Hilfe einer komplizierten Holding-Konstruktion und mit finanzieller Hilfe der Benetton-Familie und anderer Investoren den Ex-Staatskonzern Telecom Italia, der sich in einer finanziellen Schieflage befindet. Vielleicht der größte Fehler seiner Karriere und gleichzeitig ein für Finanzfachleute sensationeller Coup: Mit nur 100 Millionen Euro eigenem Kapital übernimmt er ein mit 55 Milliarden bewertetes Unternehmen.Das Risiko zahlt sich nicht aus: Telecom Italia kann sich nur schwer in der sich rasant wandelnden Branche behaupten. Der Aktienkurs rutscht weiter und zieht auch die Bewertung von Pirelli nach unten. Erst vor wenigen Monaten bejahte Tronchetti Provera die Frage, ob er rückblickend Telecom Italia noch einmal kaufen würde. Vielleicht sieht er das heute anders.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.09.2006