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Abschied bei Nacht und Nebel

Von Christoph Schlautmann
Nebelkerzen, Geheimniskrämerei, Maulkörbe für hochrangige Genossenschaftler ? seinen Abgang als Edeka-Chef hat Alfons Frenk genau so inszeniert, wie es ohnehin jeder von dem eigenwilligen Niedersachsen erwartet hätte. Allein der Zeitpunkt überrascht.
Abschied zu einem unerwarteten Zeitpunkt: Edeka-Chef Alfons Frenk. Foto: ap
DÜSSELDORF. Mitten in der schwierigen Integration der SB-Warenhaustochter Marktkauf und kurz nach der Übernahme der Discountkette Plus wirft der 57-Jährige Frenk die Brocken hin ? wegen der ?familiären Situation?, wie es nichtssagend aus der Hamburger Zentrale heißt. Nachfolger wird Finanzchef Markus Mosa.Um den Wirbel gering zu halten, wählte Edekas Pressestelle für die Rücktrittsrede ihres Vorstandsvorsitzenden kurzfristig exakt den Zeitpunkt aus, an dem sie nahezu die komplette Branchenpresse 425 Kilometer weiter südlich wusste. In Köln nämlich hatte Rewes Vorstandschef Alain Caparros gleichzeitig am späten Dienstagabend zur Präsentation seiner vorläufigen Jahresergebnisse geladen. Am Morgen darauf folgte eine Pressemeldung aus Hamburg, deren Brisanz sich nur dem geduldigen Leser offenbarte: Erst auf Seite drei, weit unten, stand etwas von Frenks überraschendem Rücktritt.

Die besten Jobs von allen

?Frenks Frau ist sehr krank?, heißt es dazu scheinbar vertraulich in Edekas Pressestelle ? Alfons Frenk, ein ähnlicher Fall wie bei Franz Müntefering? Wie schon beim Rücktritt des SPD-Parteichefs bleiben an Frenks Begründung erhebliche Zweifel. ?Der Edeka-Chef hat sich zu sehr in seinem Erfolg gesonnt?, glaubt Volker Dölle, Unternehmensberater und Kenner des größten deutschen Lebensmittelhändlers. ?Nun haben ihn die Genossenschaftler ausgebremst.?Für Dölles Einschätzung gibt es stichhaltige Indizien. Die Bestellung Frenks zum Vorstandsvorsitzenden, die er am 1. Mai 2003 erhielt, läuft zum 30. April 2008 aus. Eine Wiederbestellung, die üblicherweise vom Aufsichtsrat bereits ein Jahr im Voraus beschlossen wird, liegt aber bis heute nicht vor. Allein Frenks Anstellungsvertrag, der Gehaltshöhe, Dienstwagen und Urlaubstage regelt, hat Edekas Personalausschuss im Vorgriff notdürftig um ein Jahr verlängert ? was der Grund dafür sein dürfte, dass der in Osnabrück wohnende Hobby-Radsportler laut Pressemeldung dem Unternehmen zunächst als ?Berater? erhalten bleibt.Während sich Frenk am Dienstagabend noch damit brüstete, das Jubiläumsjahr 2007 sei ?das beste Jahr in der Unternehmensgeschichte? gewesen, kreiden Kritiker dem examierten Wirtschaftsprüfer eine wenig solide Unternehmensführung an. So prahlte Frenk im vergangenen Sommer mit einem Betriebsergebnis von 1,09 Milliarden Euro und einer respektablen Umsatzrendite von 3,5 Prozent. In Wirklichkeit aber sah die Lage zu diesem Zeitpunkt in Hamburg völlig anders aus. Frenk hatte kurzerhand zum Betriebsgewinn der von ihm geführten Edeka Zentrale AG die Ergebnisse der Edeka-Regionalgesellschaften hinzugerechnet. Die aber gehören zur Hälfte selbstständigen Kaufleuten. Und auch deren Gewinne addierte sich Frenk ins Ergebnis.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Verschleiernde RechenakrobatikWas die Rechenakrobatik verschleierte: Frenks Edeka-Zentrale kam 2006 auf gerade einmal 109 Millionen Euro Betriebsgewinn. Ohne die Neubewertung von Grundstücken, den Verkauf der Russland-Aktivitäten und der Optikerkette Krane hätte er ein Minus von 160 Millionen Euro melden müssen.Grund für die Schieflage waren hohe Sanierungskosten und Verluste der Edeka-Tochter Marktkauf. Das Sorgenkind, das im ersten Halbjahr 2007 nach Insiderinformationen immer noch einen Betriebsverlust von 4,3 Millionen Euro schrieb und im Gesamtjahr über drei Prozent des Umsatzes einbüßte, soll nach dem Willen Frenks im kommenden Monat an die Regionalgesellschaften weitergereicht werden. Sie müssen für die 186 Häuser zusammen nicht nur einen Kaufpreis von gemunkelten 310 Millionen Euro nach Hamburg überweisen, sondern sind als traditionelle Supermarktbetreiber mit dieser erheblich größeren Betriebsform womöglich auch überfordert. Das Geld aber braucht die Zentrale dringend, um die von Frenk durch den Zukauf von Marktkauf und Plus aufgerissenen Löcher zu stopfen.Die Genossen zahlten es Frenk heim ? und gaben damit womöglich den Anlass für den Rücktritt. Am 4. Februar ließen sie ihn im Aufsichtsrat bei seinem Vorhaben abblitzen, Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub und Globus-Hauptgesellschafter Thomas Bruch in den Verwaltungsrat aufzunehmen. Das aber hatte der Konzernchef seinen beiden Geschäftspartnern bei den jüngsten Vertragsabschlüssen versprochen. Eine Konzernsprecherin dementiert nur halbherzig: ?Es gab zu diesem Thema noch keine offizielle Abstimmung.?Entsprechend schwer fällt das Erbe aus, das Frenk seinem Nachfolger Markus Mosa hinterlässt. Handelsexperten halten den 40-jährigen Rheinländer, der erst seit April 2007 als Finanzchef in den Edeka-Vorstand aufstieg, ohnehin für eine Fehlbesetzung. Mosa, dem der Ruf als unscheinbarer Buchhalter vorauseilt, kenne das Innenleben der Edeka kaum. Er habe kein Netzwerk in dem komplizierten Konzern und keine einschlägigen Erfahrungen mit dem Genossenschaftswesen. Mosa kam erst durch die Übernahme von Spar Mitte 2005 zur Edeka.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.02.2008