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Abpfiff für Gerd Niebaum

Von Marcus Pfeil, Handelsblatt
Der Geschäftsführer des ersten börsennotierten Bundesligaclubs hat ausgespielt. Nicht nur das: Aktionärsschützer drohen dem Chef von Borussia Dortmund gar mit Klagen.
Gerd Niebaums Zeit an der BVB-Spitze scheint abgelaufen. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Nun also doch. Gerd Niebaum wird sein Amt als Präsident des Ballsportvereins Borussia Dortmund niederlegen. ?Spätestens im Rahmen der Neuwahl des Präsidiums im Jahr 2006?, so steht es in einem von BVB-Großaktionär Florian Homm unterzeichneten Brief, den Niebaum gelesen und akzeptiert hat. Der Geschäftsführer des ersten börsennotierten Bundesligaclubs hat ausgespielt. Nicht nur das: Aktionärsschützer drohen ihm gar mit Klagen.Zwar versuchte Niebaum bis zuletzt, sich vom Vorwurf der Lüge freizuschwimmen. Doch nachdem ?Süddeutsche Zeitung? und ?Kicker? den fraglichen Brief veröffentlichten, musste Niebaum die Rücktrittszusage gegenüber Homm zugeben. In den Tagen zuvor hatte der Doktor der Jurisprudenz noch von Fälschung gesprochen. Nun hieß es, die veröffentlichte Version habe er unter Zeitdruck vor der Bilanzpressekonferenz in der vergangenen Woche unterzeichnet. Er habe diesen Brief als ?Goodwill-Erklärung? verstanden, um die Kapitalerhöhung nicht zu gefährden und um Schaden von Borussia Dortmund abzuwenden.

Die besten Jobs von allen

Ausreden, die die Aktionärsschützer nicht gelten lassen: ?Es ist ungeheuerlich, dass Herr Niebaum geheime Absprachen mit einzelnen Aktionären trifft?, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). ?Eigentlich ist die Nachricht vom Rücktritt kursrelevant, und damit unterliegt sie der Ad-hoc-Pflicht. Wir werden deshalb prüfen, ob wir gegen Niebaum aktien- und zivilrechtlich vorgehen.? Stefan ten Doornkaat von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) bezeichnete Niebaums Verhalten als ?Besitzstandswahrung in winkeladvokatischer Art und Weise?.Niebaums Verhalten ist der letzte Akt in einer Geschichte vom Aufstieg und Fall des Advokaten und des Fußball-Bundesligaclubs Borussia Dortmund. Ihren Anfang nimmt sie im Jahr 1984. Als Niebaum dem Notvorstand des Traditionsvereins beitritt, steht der Verein kurz vor dem Konkurs. Der damalige Präsident Reinhard Rauball, ebenfalls Jurist, bat seinen Freund um Hilfe. Niebaum sagt später, er habe mit einem ?Engagement von vielleicht drei Wochen? gerechnet.Doch es sollte 20 Jahre dauern, 18 davon als Präsident. Und es sollten die erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte werden. Unter Niebaum, dessen blasse Haut und blonde Haare ihn als echten Westfalen ausweisen, gewinnt der BVB drei deutsche Meisterschaften, die Champions-League und den Weltpokal. Niebaum baut das Westfalen-Stadion mit 80 000 Plätzen zur größten Fußball-Arena Deutschlands aus. Und er bringt den BVB im Herbst 2000 als ersten deutschen Fußballverein an die Börse und wird Geschäftsführer der Borussia Dortmund KGaA.Irgendwo in dieser Zeit endet die Erfolgsgeschichte des Dr. Gerd Niebaum, und es beginnt eine andere: Die eines von Großmannssucht getriebenen Autokraten. Niebaum kauft für unglaubliche Summen Spieler aus der italienischen Serie A. Anfangs scheint sich seine Strategie noch auszuzahlen. Schließlich war das Stadion voll, TV-Gelder flossen, und über seine Kanzlei betreute Niebaum immer neue Sponsoren. Allerdings reichen die Einnahmen längst nicht aus, um die explodierenden Spielergehälter und den Stadionausbau zu bezahlen. Niebaum trieb den BVB in die Schuldenfalle.Von den 130 Millionen Euro, die Niebaum mit dem Börsengang einnimmt, fließt die Hälfte in die Tilgung der damals schon immensen Schulden. Trotzdem verpflichtet der Präsident im selben Jahr den kapriziösen Brasilianer Marcio Amoroso für 25 Millionen Euro ? bis heute Bundesligarekord. Häppchenweise verhökert Niebaum Stadion und Geschäftsstelle, um sie anschließend zu horrenden Raten zurückzuleasen. Alles nur, um die chronisch leere Kasse mit frischem Bargeld zu füllen.Im November 2003 ist die Not so groß, dass der BVB-Chef seine teuer verpflichteten Spieler fast schon anbettelt, auf 20 Prozent ihres Gehalts zu verzichten. Gerüchte, Niebaum buhle um die Dienste des Finanzinvestors Stephen Schechter, um mit einer Anleihe über 125 Millionen Euro das Westfalenstadion vorzeitig aus dem Sale-and-lease-back-Vertrag auslösen zu können, treiben den König der Schwarz-Gelben weiter in die Enge.Niebaum übernimmt sich. Auf der Bilanzpressekonferenz am vergangenen Freitag muss er Anlegern und Fans eine Horrorbilanz vorlegen: 67 Millionen Euro Verlust, 119 Millionen Euro Schulden, 363 Millionen Euro sonstige Verpflichtungen. Der drohende Lizenzentzug und damit der Rauswurf aus der Bundesliga können nur noch mit einer Kapitalerhöhung abgewendet werden, die frische 24 Millionen Euro in die Kassen spült. Die gelingt nur, weil Großaktionär Florian Homm seinen Anteil in letzter Sekunde zeichnet.Die Bedingungen für seine neuerliche Investition sind nun bekannt - und sie kosten Niebaum seinen Job. In dem Brief vom 8. Oktober akzeptiert er handschriftlich, dass frühere Vereinbarungen zwischen ihm und Homm keine Gültigkeit mehr hätten, solange dessen Anteil am BVB nicht unter zwölf Prozent sinke. Schätzungen zufolge hält Homm längst weit über 25 Prozent.Das weiß auch Niebaum. Vielleicht schließt er deshalb einen Rücktritt schon vor der BVB-Hauptversammlung am 14. November nicht mehr aus.Sein Nachfolger könnte sein Vorgänger werden: Reinhard Rauball. Schon seit Wochen wird der Sportrechtsexperte als heißester Kandidat gehandelt.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.10.2004