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Abgelaufenes Aspirin

Von Katharina Kort
Sohn eines Busfahrers, Zahntechniker, Milliardär: Eine Karriere wie aus dem Kopf eines Kitschromanautors entsprungen und doch das Leben des Stefano Ricucci. Diese Woche aber folgte, was so oft die Wende bei solchen traumhaften Aufstiegen einleitet: ein Besuch der Polizei. Sie verhaftete den Finanz- und Immobilien-spekulanten, um zu verhindern, dass Ricucci Beweise verwischt und erneut die Kapitalmärkte manipuliert. Der Kitschroman scheint zum Krimi zu werden.
MAILAND. Sie verhaftete den Finanz- und Immobilienspekulanten, um zu verhindern, dass Ricucci Beweise verwischt und erneut die Kapitalmärkte manipuliert. Der Kitschroman scheint zum Krimi zu werden.Rückblick: Im Sommer 2005 steht der wohl genährte 42-Jährige mit den nackenlangen Harren und dem Doppelkinn im Rampenlicht der italienischen Übernahmeschlachten. Als der niederländische Finanzkonzern ABN Amro die italienische Banca Antonveneta übernehmen will, ist Ricucci auf Seiten eines Gegenangebots dabei. Fast gelingt es, die Offerte der Holländer zu vereiteln.

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Bei der Banca Nazionale del Lavoro (BNL), Übernahmeziel der spanischen Großbank BBVA, das gleiche Bild: Auch hier gehört Ricucci zu der Investorengruppe, die mit einem Gegenpakt den Einstieg der Ausländer verhindern will. Das Ganze passiert mit dem Segen des Präsidenten der italienischen Zentralbank, Antonio Fazio, den seine parteiische Haltung während der Übernahmeschlachten im Dezember seinen Posten kostet wird.Aber vor allem versucht Ricucci, die Mediengruppe RCS zu übernehmen, die Italiens größte Tageszeitung ?Corriere della Sera? herausgibt. Innerhalb weniger Wochen erwirbt er 21 Prozent der RCS-Anteile und kündet weitere Zukäufe an. Spekulationen über eine Übernahme durch Ricucci machen die Runde und darüber, wer die Hintermänner sein könnten. Auch der Name Silvio Berlusconi wird genannt. Der Chef der Nobelschuhfirma Tod?s, Diego della Valle, bezichtigt Ricucci des Größenwahns und sieht ihn als ?Fall für den Psychoanalytiker?.Im Sommer befindet sich Ricucci auf dem Olymp seines Erfolgs: Das Vermögen seines Unternehmens Magiste erreicht die Zwei-Milliarden-Euro-Grenze: 910 Millionen Euro in Immobilien und mehr als eine Milliarde in Aktien von RCS, Antonveneta, BNL und anderen Banken.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nach der Hochzeit mit einem Showgirl kam der AbsturzEr krönt seinen gesellschaftlichen Aufstieg mit seiner Hochzeit mit dem Showgirl Anna Falchi. Finanzpresse und Klatschzeitschriften sind voll von Bildern der Feier am 9. Juli. Glücklich erzählt die blonde Frischvermählte von der Güterteilung der beiden: ?Ein klares Zeichen der Liebe.?Dann der Absturz: Gemeinsam mit seinen Weggefährten, unter anderem dem umstrittenen Finanzier Emilio Gnutti und dem damaligen Chef der Banca Popolare Italiana, Gianpiero Fiorani, gerät Ricucci wegen Marktmanipulation ins Fadenkreuz der Staatsanwaltschaft. Seine größtenteils auf Pump finanzierten Aktienkäufe bringen seine Finanzen ins Taumeln. Die Deutsche Bank streicht ihm die Kreditlinie von einer Milliarde Euro. Die Banca Popolare, die nach der Verhaftung Fioranis unter einer neuen Führung steht, friert die Aktien ein, die Ricucci ihr als Pfand für die Finanzierung seiner Abenteuer überlassen hat. Seine Schulden werden auf mehr als 700 Millionen Euro geschätzt.Ein klarer Indikator für seine finanzielle Schieflage kommt schon im Herbst von Anna Falchi: Still und heimlich ändern die Eheleute ihren Vertrag ? aus der Güterteilung wird Gütertrennung. Angesichts der desaströsen Lage überwiegt die wirtschaftliche Vernunft des Showgirls über das ?Zeichen der Liebe?. Die Verhaftung diese Woche zerstört jede Hoffnung auf ein Comeback Ricuccis.Zu Fall gebracht haben ihn abgehörte Telefongespräche ? wieder einmal. Schon im vergangenen Sommer haben mitgeschnittene Telefonate die Verbindung zwischen Zentralbankchef Fazio, Banca-Popolare-Chef Fiorani und Ricucci offen gelegt und den Skandal ins Rollen gebracht.Diesmal beweisen Telefonate zum einen, dass Ricucci von drei Informanten über die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auf dem Laufenden gehalten wird ? alle drei sind ebenfalls festgenommen. Zum anderen zeigen sie, dass Ricucci versucht hat, die als Pfand hinterlegten RCS-Aktien zurückzukaufen. Helfen sollte ihm dabei ein Milliardenkredit der Bank of New York an eine Gesellschaft in Luxemburg, die ihm über Umwege gehört. Diese sollte das RCS-Paket kaufen und dafür einen übertriebenen Preis nennen. Das hätte den Preis am Finanzmarkt nach oben getrieben, Ricucci hätte mit Gewinn verkauft. ?So komme ich wieder ins Spiel?, sagte er wörtlich am Handy mit luxemburgischer Nummer, dass er sich extra zugelegt hatte, um nicht mehr abgehört zu werden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ricucci schaffte das belastende Material nicht rechtzeitig wegFür die Staatsanwaltschaft sind die Gespräche Beweis genug, dass die Gefahr der Wiederholungstat besteht, er also wieder versuchen will, den Markt zu manipulieren. Am Dienstag führte die Finanzpolizei Ricucci in Handschellen ab. Dabei wurde er noch kurz vorher von seinen Informanten im abgesprochenen Code gewarnt: ?Der Arzt kommt mit einigen Krankenhelfern, ich weiß nicht, ob zu dir oder zu Verwandten. Kurier dich!?Ricucci schaffte das belastende Material nicht rechtzeitig weg, wie aus einem weiteren Gespräch zwischen den Informanten hervorgeht: ?Dort waren noch abgelaufene Aspirin-Schachteln. So was muss man doch wegwerfen!?
Stefano Ricucci1962 wird er am 11. Oktober in Zangarolo vor den Toren Roms als Sohn eines Busfahrers und einer Hausfrau geboren.1980 eröffnet er sein Zahntechniklabor, das er bald wieder schließt. Mit dem Grundstück seiner Mutter, das Ricucci verkauft, beginnt seine Immobilienkarriere.1987 heiratet er Maria Linda Imperatori, eine Verwandte des einflussreichen Bankiers Gianfranco Imperatori. 2001 folgt die Scheidung, noch ist sein Vermögen gering. Wieso sein Unternehmen Magiste rasant wächst, ist ein Rätsel.2005 mischt er bei den Übernahmeschlachten um Italiens Banken mit und kauft sich bei RCS ein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Marktmanipulation.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.04.2006