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Abgang ohne Abfindung

Von Martin W. Buchenau und Joachim Hofer
Eigentlich wollte MTU-Chef Udo Stark sein Ausscheiden erst in einigen Monaten verkünden. Nun hat er seine Meinung über Nacht geändert. Der überraschende Abgang von Stark ist mehr als der Wechsel an der Spitze eines börsennotierten Zulieferers der Luftfahrtindustrie.
So schnell kann es gehen. ?Im zweiten Quartal?, sagt Udo Stark am Dienstag im Haus der Bayerischen Wirtschaft, da werde er mehr zu seiner anstehenden Vertragsverlängerung als MTU-Chef sagen. Keine 24 Stunden nach der Bilanzpressekonferenz läuft bereits über den Ticker, dass der 59-Jährige bereits Ende des Jahres aufhören wird.Es war offensichtlich ein Artikel in der ?Süddeutschen Zeitung?, der den stämmigen Mann mit dem streng gescheitelten, weißgrauen Haar dazu brachte, sich früher als geplant aus der Deckung zu wagen. Denn in dem gestern erschienenen Beitrag heißt es, die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat von MTU forderten die Ablösung Starks. Zu wenig Branchenkenntnis habe der Norddeutsche. ?Absoluter Unsinn? sei das, konterte der Münchener Triebwerkhersteller.

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Und doch. Um eine Diskussion über seine Person gar nicht erst aufkommen zu lassen, gab Stark umgehend seinen Rückzug bekannt. ?Zu meinem in diesem Jahr anstehenden 60. Geburtstag sehe ich den richtigen Zeitpunkt gekommen, um meine Vorstandstätigkeit zu beenden und bei der MTU einen Generationswechsel einzuleiten?, teilte Stark in dürren Worten mit. Die Entscheidung stand schon länger fest, sie sei ?nicht über Nacht gefallen?, sagte ein MTU-Sprecher. Nur verkünden wollte sie Stark jetzt eigentlich noch nicht. Denn bis Jahresende ist noch viel Zeit.Der überraschende Abgang von Stark ist mehr als der Wechsel an der Spitze eines börsennotierten Zulieferers der Luftfahrtindustrie. Kaum eine Managerpersönlichkeit in Deutschland ist so umstritten wie Stark. Das liegt daran, dass es ganz wenige gibt, die so schwer zu fassen sind. Für viele ist der zweifache Vater der Firmenzerleger schlechthin. Stark, der in Deutschland und den USA Betriebswirtschaftslehre studierte und seine Karriere beim Textilfaserhersteller Enka begann, hat die Frankfurter Agiv 1999 zerschlagen und in Einzelteilen verkauft ? auf Druck des Großaktionärs BHF Bank und gegen den Willen vieler Kleinaktionäre.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Stark stieß bei MTU zunächst auf MisstrauenNach seinem Abgang bei Agiv war Stark Vorstandschef der MG Technologies, der Nachfolgefirma der Metallgesellschaft. Dorthin hatte ihn MG-Großaktionär Otto Happel geholt. Wieder filetierte er ein Unternehmen. Doch als Happel sich immer mehr ins operative Geschäft einmischte, kam es zum Streit. Ungeachtet heftiger Kritik an der unklaren Rollenverteilung zwischen Aufsichtsrat und Management ? am Ende gewann Happel, und Stark musste gehen.Bei seinem Amtsantritt bei MTU vor zwei Jahren traf Stark wegen dieser wechselvollen Vergangenheit und seines ungewöhnlich kurzen, auf nur drei Jahre befristeten Vertrags auf großes Misstrauen. Der neue Vorstandschef sah sich sogar zu vertrauensbildenden Maßnahmen gezwungen. In Hintergrundgesprächen versicherte er, dass er sich auch ein längeres Engagement bei MTU vorstellen könne. Stark trat damals freundlich auf und übte sich in Verbindlichkeit. Doch das Credo des Hauses MTU, ?Technik die begeistert? brachte er bei diesen Gesprächen nicht rüber. Serviceorientierung, Marktchancen und Kostendisziplin waren da schon eher seine Themen.Aber der Eigentümer von MTU, der Finanzinvestor KKR, wusste genau, wen er da engagiert hatte. Die Amerikaner kannten die Fähigkeiten des Wahl-Müncheners. Schließlich war es Stark, der mit dem Private-Equity-Haus hart, aber zügig verhandelt und ihm die MG-Chemietochter Dynamit-Nobel verkauft hatte.KKR war überzeugt, dass Stark genau der Richtige war, um MTU erfolgreich an die Börse zu bringen. Das Kalkül ging auf: Die Emission gelang. Und seit dem Börsengang im Juni 2005 stieg der Aktienkurs um mehr als 80 Prozent. ?Stark hat die MTU in einer entscheidenden Phase geprägt und in die Selbstständigkeit als börsennotiertes Unternehmen geführt?, lobte ihn gestern ? nicht ganz uneigennützig ? KKR?Manager Johannes Huth, der den Aufsichtsrat von MTU führt.Als Huth ihn zu MTU holte, da war Starks Image schwer angekratzt: Er galt als kühler Manager, der vor allem seinen eigenen finanziellen Vorteil im Auge hat. Die ?Frankfurter Allgemeine? bezeichnete ihn in jenen Tagen als einen ?Meister hoher Abfindungen? und als ?Abfindungskünstler vom Stamme Nimm?. Dabei ging es vor allem um den Abgang bei der Agiv, bei dem Stark 12,4 Millionen Mark erhalten haben soll, sowie um das Ausscheiden bei MG.Lesen Sie weiter auf Seite: ?Stark hat der MTU gut getan."Hohe Abfindungen und Pensionsansprüche wie bei seinen vorangegangenen Stationen werden bei MTU nicht das Thema sein. Zwar hat sich Stark seinen Job im vergangenen Jahr mit rund 3,1 Millionen Euro durchaus üppig vergüten lassen. Aber die Zahlen sprechen für ihn. Umsatz und Gewinn sind 2006 geklettert. Auch für das laufende Jahr sieht es gut aus. Gestern stuften mehrere Banken die MTU-Aktie wegen der guten Aussichten für das Unternehmen hoch.?Stark hat der MTU gut getan. Er wollte wohl mit dem Job bei MTU seinen Kritikern beweisen, dass er etwas kann und nicht nur Abfindungen kassiert?, sagte ein Unternehmenskenner. MTU sei im internationalen Vergleich gut aufgestellt, heißt es in der Luftfahrtbranche. Stark wird vor allem zugute gehalten, dass er das margenträchtige Wartungsgeschäft für Luftfahrtgesellschaften zügig ausgebaut hat.Als ?offen, fair und sauber? bezeichnen Leute, die ihn gut kennen, sein Auftreten und Wirken bei MTU. Stark habe Talent zu sehen, wo die Stärken der Einzelnen liegen, seine Mitarbeiter entsprechend einzusetzen und ihnen auch die dazu nötigen Freiheiten zu geben.So ganz will sich Stark aber auch künftig nicht seinen Hobbys Segeln und Golfspielen widmen. Der Noch-MTU-Chef stellt sich offenbar eher eine gut bezahlte Altersteilzeit vor. ?In reduziertem Umfang werde ich 2008 anderweitige Mandate übernehmen?, kündigte er gestern an. Aber bis dahin bleibt er ? nach heutigem Stand ? MTU-Chef. Seinen Nachfolger kann er sich noch selbst aussuchen. Aus Unternehmenskreisen ist zu hören, es gebe keinen Favoriten für den Posten.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.03.2007