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Abgang eines Börsenlieblings

Von Oliver Stock, Handelsblatt
Am Donnerstag präsentiert Jürgen Dormann zum letzten Mal die ABB-Zahlen. Potenzielle Nachfolger laufen sich warm.
Jürgen Dormann Foto: dpa
ZÜRICH. Morgen Abend wird er vielleicht wieder bis in die Nacht im Glasbau sitzen. In jenem transparentem Büro, das er schon um der lieben Symbolik willen gegen die verschlossene ABB-Trutzburg aus roten Backsteinen eingetauscht hat. Die immer noch sportliche Figur gebeugt, schweigsam und konzentriert wird Jürgen Dormann dann jene Zahlen wiederholen, die er anderntags der Meute aus Analysten und Journalisten, vor allem aber den mehr als 100 000 Mitarbeitern erklären muss. ABB, so lautet die Botschaft, die er trotz mäßiger Ergebnisse rüberbringen will, ist über den Berg.Doch seine Zuhörer werden sich nicht nur fürs Zahlenwerk interessieren. Dass der Schweizer Investitionsgüterhersteller wieder eine Zukunft hat ? das nehmen sie dem hageren Deutschen inzwischen ab. Aber wer wird sie gestalten? Der 64-Jährige hat angekündigt, den Chefsessel noch dieses Jahr zu räumen. Seither ist der Wettlauf eröffnet. Finanzchef Peter Voser wird gehandelt. Auch die Spartenchefs Peter Smits und Dinesh Paliwal werden genannt. Andere winken jedoch ab und sagen: alles Quatsch. Einer von außerhalb wird es werden.

Die besten Jobs von allen

Vor anderthalb Jahren, als Dormann den Posten übernahm, fragten sich Kollegen, warum ein Pharmaboss wie er, der gerade mit Hoechst und Rhône-Poulenc eine Fusion erfolgreich über die Bühne gebracht hat, noch den Feuerwehrmann spielen muss. ABB hatte zuvor innerhalb von sechs Jahren drei Chefs erlebt, die den Sturz des Konzerns zu bremsen versuchten, ihn aber letztlich nur beschleunigten.Der Konzern, der 2002 bei einem Umsatz von 18,2 Milliarden Dollar einen Verlust von 787 Millionen Dollar einfuhr, hatte sich in der unübersichtlichen Zahl seiner Tätigkeiten verheddert. Dazu kamen ein unkalkulierbares Risiko wegen schwebender Asbestklagen und ein Skandal um Millionenpensionen. Warum klemmte sich Dormann, der bislang ABB nur aus Sicht eines Verwaltungsratschefs erlebt hatte, hinters Steuer dieses sinkenden Dampfers? Sehnte er, den Kritiker in seiner Hoechst-Phase als ?Rambo der deutschen Industrie? beschimpft hatten, sich so sehr nach der Rolle des Helden, der entweder rettet oder glanzvoll untergeht? Es sei ein ?Gefühl der Verantwortung? gewesen, sagt er selbst. Und beinahe entschuldigt er sich: ?Ich bin so erzogen oder so strukturiert, dass ich mich in einer solchen Situation gefordert fühle.? Die, die ihn kennen, nehmen ihm das ab. Der gebürtige Heidelberger habe einen ?preußischen Charakter?, sagen sie.Preußisch planvoll machte sich Dormann ans Werk: Die Asbestverhandlungen sind nach seinen eigenen Worten ?zu 95 Prozent erledigt?. Die Liquidität wurde sichergestellt. Anschließend widmete er sich den Inhalten. Von fünf ABB-Sparten sollen die Energie- und Automationstechnik übrig bleiben. Für den Rest sucht Dormann mehr oder weniger erfolgreich nach Käufern.Die Börse honoriert seinen Job: Seit Herbst 2002 ist der Kurs um etwa 300 Prozent gestiegen. ?Wohl noch nie von Magic Dormann gehört?? juxt der ABB-Chef. ?Wer schaffen will, muss fröhlich sein?, lautet die Devise, die eine lebenslustige Seite im disziplinierten Preußen hervorscheinen lässt. Erhard Schmitt, Analyst bei der Hessischen Landesbank, sieht das so: ?Dormann hat ein Gespür für die Märkte.? Er wisse, wann die Börse schlechte Nachrichten verdauen könne, ohne überzureagieren.Und so einer geht jetzt. Der Kapitän verlässt das Schiff, nachdem er es auf Kurs gebracht hat. So möchte er seinen Rückzug gerne verstanden wissen. Tatsächlich verlässt er zwar das Steuer, bleibt aber an Bord. Als machtvoller Verwaltungsratspräsident will er für Stabilität sorgen.Er ist es auch, der entscheiden wird, wer unter ihm künftig das Steuer führt. Zwar gibt es offiziell ein so genanntes ?Nominierungs- und Entlöhnungskomitee?, das, von IBM-Europachef Hans Ulrich Märki geleitet, bis zum Mai einen neuen Steuermann suchen soll. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass diese Herrenrunde nur einen Kandidaten durchsetzen kann, dem Dormann seinen Segen gibt.Kommt ein Kandidat von außen? In der Vorstandsetage schüttelt man dazu den Kopf. Wenn es nach uns ginge, so sagt ein Mitarbeiter, würde ein Interner das Rennen machen: Als Erstes fällt auch ihm Finanzchef Voser ein. Der 45-Jährige hat den Konzern wieder flottgemacht. Als Schweizer verfügt er über das Vertrauen der ABBler. Als Manager, der bis 2001 beim Ölmulti Shell Finanzchef für das Europageschäft war, besitzt er auch das, was Dormann so schätzt: Erfahrung außerhalb des Konzerns.Doch Voser ist nicht der einzige interne Kandidat. ?Wir haben eigentlich schon jetzt zwei Chief Executive Officer?, sagt ABB-Sprecher Wolfram Eberhardt. Während Dormann weiter leise, aber bestimmt seine Strategie durchsetze, seien der Inder Dinesh Paliwal bei der Automationstechnik und Dormanns Landsmann Peter Smits als Chef der Sparte Energietechnik die eigentlichen Macher. Auch sie gäben veritable Steuermänner ab. Und zumindest Paliwal hat seine Ambitionen auf den Chefposten bereits angemeldet.Wenn Dormann morgen in seinem gläsernem Büro noch einmal das durchgeht, was er anderntags zu sagen hat, wird er sich auch auf die Frage nach seinem Nachfolger eine Sprachregelung ausdenken. Vielleicht ist es der Satz, den seine Mitarbeiter in den vergangenen Monaten immer dann zu hören bekamen, wenn eine schnelle Entscheidung unmittelbar bevorstand: ?Wir überlegen uns das in Ruhe.?
Dieser Artikel ist erschienen am 17.02.2004