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Ab auf den Schleudersitz

Von Oliver Stock
Alfred Ötsch will die Austrian Airlines sanieren und als selbstständige Fluglinie erhalten. Dabei sei er extrem ehrgeizig, sagt ein Sportskamerad des 52-Jährigen. Diese Qualität kann er nun bei der Aua unter Beweis stellen.
HB WIEN. Die Stellenausschreibung ist eindeutig. Sie verlangt ?bewiesene Sanierungsqualitäten?, die der künftige Chef der halb privaten Austrian Airlines (Aua) mitbringen soll. Alfred Ötsch hat sich auf diese Anzeige nicht beworben. Gestern hat er den Job trotzdem bekommen. Der Aufsichtsrat der österreichischen Fluglinie hat entscheiden, dass der bisherige Herr der Zahlen bei Siemens in Österreich bereits im Mai den Aua-Chefposten übernehmen soll. Sie haben ihn darum gebeten.Schlank steht er da, den Zweireiher zugeknöpft, den Blick mutig ins strategische Geradeaus gerichtet. Er hat auch mit 52 Jahren noch immer einen Hang zu Extremen. Seit er ein Junge ist, liebt er riskante Berg- und Skitouren und brachte es in seinen Studentenjahren auf Skiern zum zweifachen niederösterreichischen Landesmeister im Riesentorlauf. Die Marathondistanz schreckt ihn noch immer nicht. Ein Sportskamerad von damals, der heutige Generali-Immobilien-Vorstand Klaus Edelhauser, meint: ?Ötsch ist extrem ehrgeizig.? Einer, der mit ihm Tennis spielt, sagt: ?Verlieren mag der Ötsch nicht.?

Die besten Jobs von allen

Diese Qualität kann er nun bei der Aua unter Beweis stellen. Das Unternehmen ist tief in die roten Zahlen geflogen. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2005 lag der Verlust bei 96 Millionen Euro. Die Schulden summieren sich inzwischen auf bald zwei Milliarden Euro. Die neuesten Zahlen kommen nächste Woche, die Citibank rechnet schon jetzt mit 56 Millionen Euro Miesen. Ötsch hat sich auf einen Schleuderstuhl im Cockpit eingelassen.Den Irrflug hat die Fluglinie zumindest zum Teil selbst verschuldet: Sie verfügt über eine uneinheitliche Flotte. Ihre Maschinen stammen von Airbus, Boeing, Fokker, Canadair, und Bombardier, was hohe Servicekosten verursacht. Zudem hat sich der amtierende Chef Vagn Sörensen letztlich nicht gegen die mächtigen Piloten durchsetzen können. Zwar gelang ihm eine Einigung über einen neuen Kollektivvertrag. Doch besteht nach wie vor eine teure Betriebsvereinbarung, die den Langstrecken-Piloten Ruhezeiten zubilligt, die im europäischen Vergleich kaum zu übertreffen sind.Allen weiter gehenden Forderungen ist das fliegende Personal mit Streikdrohungen entgegengetreten. ?Die müssen endlich vernünftig werden?, sagt Wilhelm Schasching, Präsident des Luftfahrtverbandes in Österreich, und skizziert damit eine Hauptaufgabe des neuen Chefpiloten. Der Aufsichtsrat der Aua sieht das genauso: Er kündigte gestern an, dass man nun ?mit Hochdruck? an der Ergebnisverbesserung arbeiten werde.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Den Namen Lufthansa hört in Wien niemand besonders gernAls entscheidenden Vorteil der Aua hat Ötsch-Vorgänger Sörensen immer wieder die Osteuropa-Kompetenz der Fluglinie betont. Dabei ließ er unkommentiert, dass auch die Lufthansa, mit der die Aua über die Star-Allianz verbunden ist, ähnlich viele Ziele in Osteuropa anfliegt wie die Aua selbst. Den Namen Lufthansa hört in Wien niemand besonders gern. Argwöhnisch haben die Österreicher beobachtet, wie sich die Deutschen die Swiss einverleibt haben. Sie haben sich gefragt, ob sie das gleiche Schicksal ereilt. Gefördert wird dieser Denkprozess durch eine vom Aua-Aufsichtsrat an Roland Berger in Auftrag gegebene Strategie-Studie. Die Berater sollen ausdrücklich alle Optionen durchspielen ? also auch die, die eine unselbstständige Zukunft beinhaltet.Aber solange Berger seine Ergebnisse nicht vorgelegt hat, erteilt der österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der als Vertreter des 39,7-prozentigen Staatsanteils bei der Aua die Flugrichtung vorgibt, ein Denkverbot. ?Wir werden alles dafür tun, dass dieses Unternehmen unter rot-weiß-roter Heckflosse weiterfliegt?, lautete die jüngste Ansage des Ministers ? womit klar war, dass die Würfel zu Gunsten von Ötsch fallen mussten. Bei der Lufthansa kommentierte das gestern niemand.Kein Wunder, hat sich doch der grauhaarige Siemensianer in den Vorrunden zur Kandidatensuche immerhin klarer als andere bereit erklärt, die Aua als selbstständige Linie zu erhalten. Aus seinen bisherigen, eher zurückhaltenden Äußerungen zum neuen Job bleiben zwei Sätze hängen: ?Die Aua ist sanierbar?, lautet der eine. ?Man sollte zumindest einen Alleingang prüfen?, heißt der andere. Weil der ehrgeizige Sportler in seinem Umfeld auch als kühler Rechner bekannt ist, werden ihm solche Sätze abgenommen.Dass Ötsch, der bis auf seinen Posten im Aufsichtsrat der Aua bislang ausschließlich bei Siemens Karriere machte, vom Fliegen wenig Ahnung hat, stört nicht weiter. Frei nach dem österreichischen Motto: ?Ma muaß ka Sau sei, damit ma waaß, wia Schweinsschnitz?l schmeckt?, stellt Teresa Schinwald, Analystin bei der österreichischen Raiffeisen Centrobank fest: ?Man muss kein Flieger sein, um eine Fluglinie führen zu können.?Dass Ötsch, den seine Freunde als Anhänger der konservativen österreichischen Regierung einschätzen, nach reiflicher Überlegung und nach entsprechenden Bitten von höchster Stelle jetzt zum beruflichen Extremsport wechselt, dürfte aber auch eine Frage der Alternativen gewesen sein: Der studierte Wirtschaftswissenschaftler war vor mehr als vier Jahren ins Siemens Heimatland nach Deutschland gewechselt. Alle hatten gedacht, dass seine Rückkehr mit der Übernahme der Spitzenfunktion bei Siemens Österreich verbunden wäre, wo der bisherige Chef Albert Hochleitner Ende vergangenen Jahres seinen Posten räumte.Doch an Stelle von Ötsch machte Brigitte Ederer das Rennen. Zwar schwärmte sie: ?Ötsch hat mich mit offenen Armen empfangen, das rechne ich ihm hoch an. Er ist ein Manager von internationalem Format.?Aber aller Wiener Charme und Schmäh halfen nichts. Dem Marathon-Mann dürfte der Sinn nach einer Spitzenposition gestanden haben. Dass so ein Posten ordentlich bezahlt wird, könnte den Entscheidungsprozess vereinfacht haben. Mit einem Jahressalär von mehr als 750 000 Euro zählte Sörensen zu den österreichischen Spitzenverdienern. Ötsch dürfte sich in dieser Hinsicht nicht verschlechtern.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Vita von Alfred ÖtschDie Vita von Alfred Ötsch1953: Er wird am 10. Mai bei Wien/Österreich geboren. Später studiert er Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuni Wien.1978: Ötsch wird Assistent des Vorstands bei Siemens in Österreich. Er wechselt 1983 in die Zentralverwaltung Ausland von Siemens nach München.1986: Er wird bei Siemens Österreich kaufmännischer Leiter für Antriebs-, Schalt- und Installationstechnik.1993: Ötsch steigt in den Vorstand von Siemens Österreich auf, wechselt 2001 aber als Bereichsvorstand nach Deutschland.2005: Er geht in den Vorstand von Siemens Österreich zurück.2006: Am 1. April wird er Vorstandsmitglied der Austrian Airlines, am 1. Mai Vorstandschef.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2006