Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

20 Minuten für einen Hit

Von Georg Weishaupt
Mit Songs wie ?Gloria? wurde Jack White zum Erfolgsproduzenten. Nun, mit 65 Jahren, ordnet er sein Reichneu und will noch einmal durchstarten ? mit Heino.
KITZBÜHEL. Im Freibad würde er als Bademeister durchgehen: groß, gleichmäßig gebräunt, mit Armen, trainiert im eigenen Fitnessstudio, die stark genug scheinen, um einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen.Mit weißem Hemd, kurzer, schwarzer Sporthose und blauen Badelatschen empfängt Jack White seinen Gast in Kitzbühel. Mit Schickimicki hat er immer noch nichts am Hut, da schlagen die Wurzeln durch, als er noch armer Kölner Metzgerssohn war. Heute heißen seine Nachbarn in Kitzbühel Jürgen Schrempp und Rolf-E. Breuer.

Die besten Jobs von allen

?Kommen Sie?, sagt der Hausherr und setzt sich an die Kopfseite eines großen Massivholztisches. Er überlässt seinem Besucher den Blick von der Terrasse auf das sonnenbeschienene Bergmassiv des ?Wilden Kaisers? ? eine Kulisse wie aus einem Heimatfilm.Schnell lenkt White das Gespräch auf seinen neuesten Coup. ?Heino ist jetzt bei uns.? Mit ?uns? ist die Musikproduktion Jack White Productions AG (JWP) gemeint. Mit ?Heino? ? eben Heino. Aber der hat doch seine Karriere vergangenes Jahr beendet? ?Aber er will es noch einmal wissen.?Und er hat den Song geschrieben, mit dem Heino im September durchstarten will: ?Wir tanzen Polka, denn wir lieben Germany?. White summt den Refrain: ?Ich bin fest davon überzeugt, das wird ein Superding.?Text und Musik hat White seit 15 Jahren in der Schublade. Erst jetzt, in der Deutschland-Euphorie nach der WM, passe er. Und Heino, dessen alter Plattenvertrag gerade endete, sei der Richtige für das Lied.Das sagt einer der erfolgreichsten Musikproduzenten Deutschlands. Über 300 Schallplatten aus Gold und anderen Edelmetallen hat er eingeheimst, Hits wie ?Schöne Maid? (Tony Marshall), ?Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben? (Jürgen Marcus) geschrieben, mit ?Looking for Freedom? (David Hasselhoff) und ?Gloria? (Laura Branigan) international abgeräumt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Vermarktungsprofi Stein ins Boot geholtHeute gehört JWP mit über 100 000 Rechten zu den weltweit größten unabhängigen Inhabern von Musiklizenzrechten. Im September wird der Gründer 66 ? noch einmal will er Gas geben. Während Musikriese Sony-BMG die Entflechtung droht, die Fusion von Emi und Warner gefährdet ist, setzt White auf Wachstum.Dafür hat er einen Vermarktungsprofi geholt: Thomas M. Stein, Ex-Deutschland-Chef von BMG und berüchtigter Juror bei ?Deutschland sucht den Superstar, hat im März den Vorstandsvorsitz von JWP übernommen. ?Der hat auch die Schiene zu Heino gelegt?, verrät White. Um die Finanzen kümmert sich Whites 41-jähriger Sohn Frank Nußbaum.Steins Ziele für das Berliner Unternehmen, das letztes Jahr einen Umsatz von 23,3 Millionen Euro erzielte und seinen Jahresüberschuss um 41 Prozent auf 3,26 Millionen Euro steigerte, sind ehrgeizig: ?Wir wollen den Marktanteil in Deutschland in den nächsten zwei Jahren von 0,6 auf fünf bis sechs Prozent steigern.?Und White? Der Ex-Chef, Ex-Außenhandelskaufmann, Ex-Autoverkäufer, Ex-Diskjockey und Ex-Profifußballer konzentriert sich wieder aufs Komponieren und Produzieren. ?Es gibt einfach nichts Schöneres für mich.? Ein High-Tech-Aufnahmestudio braucht er nicht. Er geht in seinem Landhaus einen Stock tiefer, passiert einen Flur mit Dutzenden Fotos von Musikstars wie Engelbert und setzt sich in sein Büro. Da steht sein Handwerkszeug: eine Gitarre und ein kleines Aufnahmegerät. ?Für manche Lieder von Hansi Hinterseer brauche ich nur 20 Minuten. Ein ganzes Album schaffe ich an einem Wochenende.? Ex-Ski-Profi Hansi Hinterseer ist heute sein erfolgreichster Künstler: ?Von dem verkaufen wir jedes Jahr rund 300 000 Alben: unser Bread-and-Butter-Geschäft.?Das erzählt er, trotz der vielen Jahre in Berlin, mit rheinischem Zungenschlag. Und als typischer Rheinländer gehört er nicht zu den Schweigsamen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Bei Entscheidungen hört White auf seinen BauchEr berichtet, wie er als Schüler seine allein erziehende Mutter mit Aushilfsjobs unterstützte, dass er mal Profikicker beim PSV Eindhoven war, und wie er seinen Namen Horst Nußbaum verlor: Er wollte Sänger werden ? als er 1966 seinen Vertrag unterschreibt, teilt ihm die Sekretärin seines Produzenten mit: ?Ab heute heißen Sie Jack White?. Erfolgreich wird er trotzdem nicht als Sänger. Eher schon als Produzent. 1969 geht Roberto Blancos ?Heute so ? morgen so? auf ihn. Und mit ?Schöne Maid? reicht es für die Villa in Grunewald.Ende der 70er geht er in die USA und produziert für Laura Branigan ?Gloria? in neuer Fassung. Der Song hält sich 1982 wochenlang auf Platz eins der US-Charts. ?Das ist für mich bis heute das Größte?, sagt White: ?Sehen Sie, ich kriege immer noch eine Gänsehaut.? Und Dieter Bohlen sei noch immer neidisch.Diese Begeisterung kennen auch Geschäftspartner wie Gottfried Zmeck, Inhaber des Münchener Musiksenders Goldstar TV: ?Er arbeitet sehr akribisch an seinen Produktionen, bis alles auf den Zehntelmillimeter genau stimmt.? Monti Lüftner, Ex-Chef der Musikfirma Ariola und langjähriger White-Freund, schätzt seine ?offene, geradlinige Art und seinen Mut, auch mal gegen den Strom zu schwimmen?.Bei Entscheidungen hört White auf seinen Bauch. Doch 1999 nach dem Börsengang seines Unternehmens drängen ihn Berater, eine US-Firma zu gründen. Er setzt auf die Boygroup ?First Love?. ?Dann ging die ganze Scheiße los?, sagt White. JWP schreibt rote Zahlen, der Aktienkurs bricht ein ? er steht in einer Ecke mit den Kapitalvernichtern des neuen Marktes.Aus ?steuerlichen Gründen? hat White den Großteil seiner JWP-Aktien verkauft. Inzwischen hat er wieder nachgeordert und besitzt nach eigenen Angaben momentan 120 000 der sieben Millionen Anteile. Vielleicht wird deren Wert mächtig steigen, behält White Recht in Sachen Heino: ?Die Single wird durch die Decke gehen ? ganz bestimmt.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Jack WhiteVita von Jack White1940: Er wird am 2. September in Köln als Sohn eines Metzgers geboren. Bürgerlicher Name: Horst Nußbaum. Sein Vater verlässt die Familie früh. Er absolviert eine kaufmännische Lehre, macht in Abendkursen eine Ausbildung als Dolmetscher und startet eine Karriere als Profifußballer.1967: Nach der Kick-Karriere versucht er sich mit wenig Erfolg als Schlagersänger. Dann beginnt er, als Musikproduzent zu arbeiten.1982: Er landet mit ?Gloria? und der Sängerin Laura Branigan seinen ersten Welterfolg.1999: Er bringt als Vorstandschef die Jack White Productions an die Börse.2006: Er holt Thomas Stein, den Ex-Musikmanager des Bertelsmann-Konzerns ? bekannt aus ?Deutschland sucht den Superstar? ? an die Vorstandsspitze. White bleibt Vorstandsmitglied und konzentriert sich auf die Produktion.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.07.2006