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?Wollen wir schlafen oder gewinnen??

Von Frank Siering, Handelsblatt
Der unkonventionelle US-Staranwalt David Boies soll Leo Kirch retten. Wenn es einer schaffen kann, dann Boies, sagen die juristischen Experten in Amerika. Er gilt ein bisschen als Sonderling. In seinem Büro in Manhattan steht kein Computer.
Im Gericht trägt er nicht ? wie andere Kollegen seines Kalibers ? 1 000 Dollar teure Maßanzüge, sondern Sakkos von der Stange. Und schwarze Turnschuhe, weil sie so schön bequem sind. Gemüse verabscheut der 63-Jährige genauso wie gesundes Essen. Dafür kann er Berge von Hamburgern verdrücken und arbeiten wie ein Packesel, wie er selbst gerne über sich sagt. Und wie kaum ein Zweiter treibt er denn auch seine Angestellten an.David Boies ist ein Superstar, der ?Michael Jordan unter den Anwälten in Amerika?, schrieb die ?New York Times?. Und genau diesen Superstar hat sich jetzt Filmhändler und Pleitier Leo Kirch gesichert. In New York soll Boies das Gericht davon überzeugen, dass der Ex-Chef der Deutschen Bank Rolf Breuer gemeinsam mit dem Liberty-Media-Chef John Malone Kirch vor zwei Jahren absichtlich in den Ruin getrieben habe. Die erste Klage von Kirch wurde bereits abgeschmettert. Doch Boies interessiert das nicht. Er will zunächst einmal Revision gegen das Urteil einlegen und den Kampf erneut aufnehmen.

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Viele Insider glauben, dass Boies tatsächlich eine Chance hat. ?Er ist der Mann, der aus schier unmöglichen Situationen noch einen Sieg herausholen kann?, sagt sein Kollege Jeff Blattner über ihn. Wer aber ist dieser David Boies tatsächlich? Was für ein Verteidiger macht sich da für Leo Kirch stark? Spurensuche.Der 63-jährige ist als Weinliebhaber bekannt: Im Keller seines zehn Millionen Dollar teuren Anwesens in Westchester County in Upstate New York lagern immerhin 8 000 Flaschen. Boies? Vita ist makellos: Er ist Yale-Absolvent mit Magna-Cum-Laude-Abschluss, war Mitglied des Justizausschusses des US-Senats, und das ?Time Magazine? hatte ihn einmal in der engeren Auswahl als ?Mann des Jahres?. ?Ein brillanter Kopf mit dem Erinnerungsvermögen eines Elefanten?, sagt Robert Silver, Partner der Anwaltskanzlei Boies, Schiller & Flexner.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Boies ist nicht gut auf Bill Gates zu sprechenNicht so gut zu sprechen auf Boies ist dagegen Bill Gates. Der Microsoft-Chef schimpft über den Mann, der laut ?New York Times? so gut argumentiert wie einst Aristoteles, dass er versucht habe, Microsoft zu zerstören. Tatsächlich war es Boies, der als Vertreter der US-Regierung in der Monopolklage gegen den Software-Riesen aus Redmond im US-Bundesstaat Washington einen Kantersieg mit der phänomenalen Schadenssumme von rund 500 Milliarden Dollar herausgeholt hat. Stundenlang grillte der Staranwalt den reichsten Mann der Welt im Gericht. Solange bis Gates sich endlich nur noch einigen wollte. Ein Riesenerfolg für Boies.Der Microsoft-Fall war nur einer von vielen, der Boies international Renommee verschaffte. Er war der Anwalt, der Napster gegen die Musikindustrie verteidigte. Er war es auch, der Al Gore nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl in Florida im Jahre 2000 vertrat.?David ist eine Art Feuerwehrmann. Wenn es was zu löschen gibt, dann wird er geholt?, so seine Ex-Frau Judith. Der 63-Jährige ist mittlerweile zum dritten Mal verheiratet. Sechs Kinder hat er in die Welt gesetzt. Ein rührender Vater sei er, für ein Football-Spiel eines seiner Kinder fliegt er auch schon mal nur für einen Tag zurück nach Hause, heißt es. Denn David Boies lebt eigentlich nur noch in Hotelzimmern und in Flugzeugen.Aufgewachsen ist er als ältestes von fünf Kindern in einem kleinen Ort im US-Bundesstaat Illinois. Seine Eltern waren Lehrer, und Boies wollte eigentlich in die Fußstapfen seiner Eltern treten. Aber der Weg führte zum Jurastudium an der Northwestern University. William Kovacic, ein Jura-Professor der George Washington University, hat die Karriere von Boies aufmerksam verfolgt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Den Zwei-Millionen-Dollar Job hat er hingeschmissenEr sagt über den Anwalt, dass ?kaum jemand in der juristischen Welt komplizierte Sachverhalte so einleuchtend und einfach präsentieren kann wie Boies?. Hinzu kommt sein Gedächtnis, das schon so manchem Staatsanwalt den kalten Schweiß auf die Stirn trieb: Im Microsoft-Fall zum Beispiel musste Boies nicht ein einziges Mal in seinen Akten nachschauen, wenn er vor Gericht auftrat. Wie in Trance zitierte er Gesetze und wusste sogar die nachzuschlagende Seite auswendig, um ein Argument zu unterstützen. Seine eigene Erklärung für dieses beeindruckende Fachwissen: ?Ich merke mir halt das, was wichtig ist.? Etwas besser drückt es sein Microsoft-Kampfgefährte Blattner aus: ?Davids Fähigkeit zur Improvisation ist wie purer Jazz.?Sein größter Fehler? David Boies ist ein Spieler. Er liebt das Risiko, im Gerichtssaal wie im wirklichen Leben. Familienausflüge in die Kasinos von Las Vegas und Atlantic City sind jedes Jahr fest eingeplant. Der einst sehr erfolgreiche Bridge-Spieler ? damit verdiente er sich sein Studium ? pokert auch mit Justitia. Manchmal führt diese Taktik zu einer Niederlage.Seinen alten Job als Partner der Firma Cravath, Swaine & Moore schmiss er trotz eines Jahressalärs von zwei Millionen Dollar plus Bonus hin, als die Partner ihn kritisierten. Den Kollegen passte es nicht, dass er oft einfach auf die Unterstützung von Anwälten zurückgriff, die nicht zu ihrer Kanzlei gehörten. Doch so ist Boies eben ? unkonventionell. Er will immer ganz oben mitspielen. Oder wie er es formuliert, wenn sein Team mal wieder 48 Stunden durchgearbeitet hat und ein junger Assessor nach einer Pause fragt: ?Was willst du, schlafen oder gewinnen??
Dieser Artikel ist erschienen am 04.12.2004