Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

?Wir haben beschlossen, Reisende zu sein.?

Interview: Katharina Kort
Rino Piazzolla, Personalvorstand von Unicredit, über dieVereinbarkeit von Familie und Karriere, seine Liebe zu den USA und das Gefühl, ein Europäer zu sein.
Herr Piazzolla, heute sind Sie als Personalchef Teil des Management Committee von Unicredit. Was wollten Sie mit 20 Jahren werden?

Ich wollte die Welt verändern, auch wenn das heute vielleicht ambitioniert klingt. Ich habe an keinen konkreten Beruf gedacht, sondern daran, Dinge zu ändern.

Die besten Jobs von allen


Und wie?

Damals gab es zu wenig Chancengleichheit. Junge Menschen sollten die Möglichkeit haben, sich eine Zukunft aufzubauen.

Wie waren Ihre Vorstellungen dann mit 30 Jahren?

Als ich 30 war, hatte ich eine Tochter und eine Ehefrau. Da suchte ich einen Posten, an dem das, was ich machen wollte, geschätzt würde. Ich wollte nicht nur ausführen, sondern mein Gehirn benutzen. Die Möglichkeit dazu habe ich zufällig bei einem US-Unternehmen gefunden. Die hatten damals einen Managementstil, in dem die Mitarbeiter Ideen einbringen konnten, während die europäischen Unternehmen deutlich hierarchischer waren.

Sie haben Philosophie studiert, nicht gerade eine Fakultät, die den Weg zum Top-Management öffnet ...

Ich habe eine Firma gefunden, die in ihrer Anzeige ?junge Menschen mit Potenzial? suchte. Das Unternehmen hat mir die Chance gegeben, nicht auf der Grundlage meiner Kompetenzen, sondern meiner Fähigkeiten, zu wachsen.

War das Ihr erster Job?

Nein, während des Studiums habe ich vier bis fünf Jahre Sport als Vertretungslehrer unterrichtet. Dann dachte ich mir, dass ich meiner Tochter damit nicht genug bieten konnte. Ich habe den Job mit der Geburt meiner Tochter geändert.

Sie sind schon bald vom Handel ins Personalwesen gewechselt. Warum?

Das war eher zufällig. Ich arbeitete damals seit einem Jahr im Bereich Handel, als die Firma das Sales-Training einführen wollte, und da haben sie mich gefragt. Als sie mich später fragten, ob ich ins Marketing will, sagte ich: Schade, ich habe mich eigentlich in der Personalentwicklung wohlgefühlt. In dem Moment war meine Karriere gezeichnet, ohne dass mir das klar war.

Was war der Schlüsselmoment?

Die Entscheidung, im Jahr 1989 in die USA zu gehen.

Und wenn Sie sich damals anders entschieden hätten?

Dann hätte ich einen Fehler gemacht. Dann wäre ich vielleicht heute ein mittelmäßiger General Manager einer kleinen Handelsgesellschaft. Und ich hätte viele persönliche, familiäre und berufliche Erfahrungen nicht gemacht, die mich um die Welt gebracht haben. Ich würde mich heute nicht so europäisch fühlen, wie ich es tue.

Haben Sie jemals erwogen, alles hinzuschmeißen?

Ja, täglich. Oft frage ich mich: Warum mache ich das? Ich kenne viele Menschen, die ein viel einfacheres Leben führen. Ich könnte einen Kiosk an der toskanischen Küste haben. Aber dann will ich wieder etwas verändern, ein Projekt haben. Und so sage ich mir abends: Machen wir noch einen Tag weiter.

Insgesamt haben Sie neun Jahre in den USA verbracht. Viele, die in die USA gehen, kehren nicht zurück. Warum war das bei Ihnen anders?

Ich weiß noch nicht, ob das Glück oder Unglück ist. Aber als ich Alessandro Profumo getroffen habe und er mir von dem Projekt einer europäischen Bank erzählt hat, da hat mich das überzeugt. Auch die Idee, wie man Führungskräfte entwickelt, passte. Da konnte ich nicht Nein sagen.

Was vermissen Sie am meisten?

Die Informalität. Ich liebe die USA ? auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin. Außerdem gibt es noch immer den amerikanischen Traum. Wer gut ist und willens, kann es in den USA schaffen.

Ihr Lieblingsbuch ist Machiavellis Il Principe. Führen Sie so Menschen?

Heute versteht man unter Machiavellismus die fast teuflische Manipulation der Menschen. In Wahrheit war Macchiavelli der erste Management-Forscher. Er hat gezeigt, wie Menschen, die Strukturen führen, Konsens für Wandel erzeugen. Es ist ein Management-Buch für Prinzen. Und heute sind die Prinzen die CEOs.

Sie haben vier Kinder. Kann man eine internationale Karriere mit einer Familie vereinbaren?

Meine Frau und ich haben das bisher getan und versuchen es weiter. Wir haben beschlossen, Reisende zu sein. Wir mussten den Kindern beibringen, dass es eine Herausforderung ist, den Ort zu wechseln. Sie haben Freunde in der ganzen Welt.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.11.2007