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?Wer für Geld kommt, geht für Geld?

Der Management-Guru und Verfasser des Buches ?Gut aufgestellt ? Fußballstrategien für Manager? Reinhard Sprenger spricht im Exklusiv-Interview über Fehlentwicklungen in Unternehmen, Missstände in den Führungsetagen. Außerdem erklärt der Bestseller-Autor, warum Manager darauf hin arbeiten sollen, dass sich die Mitarbeiter selbst vertrauen.
Handelsblatt: Herr Sprenger, Sie meinen, Manager sollten sich am Fußball orientieren, wenn sie ihre Mitarbeiter gut führen wollen. Warum müssen Sie dafür den Fußball bemühen?Reinhard Sprenger: Wirtschaftsführer sind da angekommen, wo Trainer und Fußballmanager schon lange sind: bei hohem, kurzfristigen Ergebnisdruck, bei dauernder Veränderung, stetigen Wachstumsansprüchen, globalem Wettbewerb, ständiger Verbesserung, ja Neu-Erfindung. Und bei grundsätzlicher Job-Unsicherheit. Wie im Fußball sind Unternehmen heute Wanderzirkusse, im Grund sind wir alle Zeitarbeiter. Auch die Rolle von Führungskräften in der modernen Organisation hat sich der des Fußballtrainers angenähert: Sie sind Koordinatoren, die die Talente und Energien einer unterschiedlich bezahlten und unterschiedlich talentierten Muli-Kulti-Truppe steuern. Deshalb wird der beste Fußball auch nicht mehr in den Nationalmannschaften gespielt, sondern wenn zwei europäische Spitzenteams mit Spielern aus fünf Kontinenten auflaufen.

Die besten Jobs von allen

Was ist dann die besondere Fähigkeit von Führungskräften?Die Kunst ist es, das Individuelle des Einzelnen zur Geltung zu bringen, aber so, dass es dem Gemeinsamen nützt. Der Fußball ist dabei ein wunderbares Beispiel dafür, dass ein Entweder-Oder zu simpel ist. Er zeigt uns, dass ?Einheit schaffen? und gleichzeitig ?Vielfalt zulassen? kein Widerspruch ist. Wir brauchen beides. Und er zeigt uns, dass über eine ?Gleichschaltung? von Spielern kein erfolgreiches Miteinander möglich ist. Wenn das Dürfen zu sehr eingeschränkt ist, dann sterben langsam auch das Wollen und später auch das Können.Das klingt nach Ihrer Lieblings-These, dass Führungskräfte häufig mehr demotivieren als motivieren. Und dass Manager mehr Individualität zulassen sollten.Giovanni Trapattoni hat dazu das Nötige gesagt. Dass ein Trainer eine Mannschaft zu 10 Prozent besser machen kann, aber zu 50 Prozent schlechter. Das ist in der Wirtschaft ähnlich. Auch da beschäftigt sich das Management oft mit Problemen, die es selbst geschaffen hat. Und wer heute noch erwartet, dass ihn der Trainer motiviert, anschiebt oder bei Laune hält, wird sehr schnell auf der Ersatzbank sitzen und dann auf der Tribüne. Mitarbeiter sind gut beraten, selbst die Verantwortung für ihre Motivation zu übernehmen.Was empfehlen Sie also Unternehmenslenkern?Es gibt heute keine Erfolgsrezepte mehr. Der Fußball zeigt uns, dass es zu jedem Beispiel viele Gegenbeispiele gibt. Und was bei Werder Bremen funktioniert, scheitert beim HSV. Dennoch kann man seine Erfolgschancen verbessern. Vor allem, wenn man nicht den Management-Moden folgt. Sondern sich anschaut, welchen Spieler zur Verfügung stehen und auf welchen Gegner man sich einstellen muss. Permanente Erneuerung, im Wandel die Chancen sehen und alles Ausmisten, was sich überlebt hat, damit kann man nie einen Fehler machen. Also taugt Knowledge Management ? dem Vergleich mit dem Besten in einer Disziplin ? auch nichts? Man kann sich Beispiele anschauen, aber nicht kopieren, sonst verspielt man seine Wettbewerbsvorteile. So hat sich Volker Finke in Freiburg trotz kleinen Budgets nur deshalb über viele Jahre behaupten können, weil ein innovatives System spielen ließ. In der Wirtschaft führt die Beraterhörigkeit dazu, dass die Unternehmen zu Organisationsklonen werden. Dabei haben wir doch alle das ?Unterscheide dich oder stirb!? gelernt. Wenn aber alle dasselbe System spielen, kommt es wieder auf die Qualität der Einzelspieler an. Und dann spielt Geld doch wieder eine große Rolle.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Geld schießt keine Tore?Manager sind demnach wie Fußballer und geldgetriebene Söldner-Seelen? Nicht die Guten. Otto Rehhagel war es, der sagte ?Geld schießt keine Tore? ? und damit hat er absolut recht. Wer vom Fußball auch nur den Schatten einer Ahnung hat, weiss, dass noch niemals ein Tor gefallen ist, weil der Schütze dabei an Geld dachte. In der Dramatik des sportlichen Geschehens spielt der Gedanke an die Siegprämie einfach keine Rolle. So wie es auch keine einzige Studie weltweit gibt, die eine dauerhafte Leistungssteigerung durch finanzielle Anreize nachgewiesen hätte. Aber man kann mit Geld schaffen, dass jemand zu einem Verein kommt. Er wird aber nicht lange bleiben. Denn wer für Geld kommt, geht für Geld. In einer konkreten Situation jedoch speist sich die Erfolgschance aus einem stimulierenden Arbeitsumfeld und interessanten Kollegen, die zueinander passen und einander vertrauen. Diese Passung ist die Kunst der Führung.Welche Art Trainer können das denn besonders gut?Jene, die häufig und mit verschiedenen Mannschaften erfolgreich wurden: Sicherlich Ottmar Hitzfeld, international Arrigo Sacchi, Rafael Benítez oder Vanderlei Luxemburgo. Auffällig ist, dass langfristig erfolgreiche Trainer fast ausnahmslos schwache Spieler gewesen sind. Denn Spieler oder Trainer zu sein sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Wenn man hingegen gute Spieler zu Trainern macht, wollen die meisten genau das weiter machen, was sie am besten können: spielen. Dadurch demotivieren sie ihre Mitarbeiter, weil sie meinen, es selbst immer noch besser zu können. Was man in Unternehmen leider immer noch oft beobachten kann. Dort wird immer noch der beste Schraubendreher zum Chef aller Schraubendreher gemacht. Und das Unternehmen hat dann oft einen guten Schraubendreher weniger und eine schlechte Führungskraft mehr.Und dieser beste Sachbearbeiter auf dem Chef-Sessel mischt sich dann überall ein und führt die Mitarbeiter an der kurzen Leine - weil er ihnen nicht vertraut?Otto Rehhagel wurde mit der griechischen Nationalmannschaft 2004 Europameister. Die Spieler waren oft Ersatzspieler in ihren Vereinen und als Mannschaft ohne Leistungsausweis. Nun kann Rehhagel als Trainer vieles, aber eines konnte er nicht: Griechisch. Kein Wort. Nicht sprechen, nicht lesen, nicht schreiben. Europameister wurde er dennoch. Warum? Eben weil er nicht Griechisch konnte! Ein Spieler, der seinen Trainer nicht versteht, stellt um von Außensteuerung auf Innensteuerung. Er muss das tun, was sein Instinkt ihm sagt, er muss auf die eigene innere Stimme hören und sich auf seine Stärken verlassen. Und dass er eigene Ressourcen der Problemlösung hat, das weiss er, sonst stünde er nicht auf dem Platz. So bauten die Griechen von Spiel zu Spiel Selbstvertrauen auf, das schließlich unbezwingbar wurde. Und genau darum muss es auch guter Führung im Unternehmen gehen. Das einzig legitime Ziel von Führung ist Selbstführung. Und auch wenn es viele Führungskräfte schaffen, dass Mitarbeiter ihnen vertrauen, wichtiger ist, dass sie es schaffen, dass Mitarbeiter sich selbst vertrauen.Und wer wird die EM gewinnen?Italien hat die globalisierteste Liga und die Qualität offener Ligen ist höher. Davon profitieren letztlich auch die heimischen Spieler. Deshalb ist Italien mein Favorit. Aber der Fußball zeigt uns immer wieder: Auch die stärkste Mannschaft ist in einem bestimmten Moment zu schlagen. Wie? Keine Hochachtung vor dem Gegner und mit Herz zur Sache gegen. Mit dieser Einstellung kann man nicht nur ein paar Spiele gewinnen.Das Gespräch führte Claudia Tödtmann.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.03.2008