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?Wer das Gold hat, macht die Regeln?

Von Gerd Braune und Oliver Stock
Magna-Steyr-Chef Frank Stronach wollte bei Chrysler einsteigen und ließ sich von Finanzinvestor Cerberus ausbooten. Dann verlor er auch noch die Auftragsfertigung des BMW-Geländewagens X3. Jetzt tickt die Uhr: Stronach muss sich etwas einfallen lassen.
Magna-Chef Frank Stronach. Foto: ap
OTTAWA/GRAZ. Sie nennen ihn hier oben ?den Frank?. Hier oben in Graz, in Österreichs südöstlichstem Zipfel, wo Frank Stronachs Magna-Steyr-Werke Luxusautos produzieren, die so teuer sind, das sie die meisten Arbeiter aus der Fabrik ihr Leben lang nicht bezahlen können.Magna Steyr ist mit Abstand der größte Arbeitgeber in dieser Region, die nicht zu den reichsten in Österreich gehört. ?Der Frank?, jener Steiermärker, der in Kanada sein Glück gefunden hat und seine Heimat daran teilhaben lässt, steht hier oben in einer Ahnengalerie mit Berühmtheiten wie vielleicht ?dem Arnold? Schwarzenegger oder ?dem Ferdinand? Piëch, der es zumindest aus der Perspektive des Nachbarstaates jüngst geschafft hat, Volkswagen zu einer österreichischen Firma zu machen.

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Das Bild von Frank Stronach allerdings hat neuerdings einen Kratzer. Vielleicht einen, der sich aufpolieren lässt, aber immerhin. Dazu trägt nicht so sehr bei, dass sich der Mann mit der gesunden Gesichtsfarbe und den elegant ergrauten Schläfen den umtriebigen russischen Oligarchen Oleg Deripaska an Bord geholt hat. So etwas geht vielleicht noch als genialer Schachzug durch. Die Österreicher halten es da etwa mit dem ehemaligen Magna-Chef John Doddridge, der den Einstieg des Russen mit den Worten kommentierte: ?Ich weiß nicht, was zum Teufel er mit diesem Geschäft bezweckt.? Aber er könne einiges von Stronachs ?nicht eingängiger Brillanz? darin erkennen.Dass sich ihr Held jedoch bei Chrysler offensichtlich verhoben hat, erst den Einstieg plante und sich dann vom Finanzinvestor Cerberus ausbooten ließ, verstehen sie in Graz nicht. Es könnte hier oben Spuren hinterlassen. 90 000 fix und fertige Autos haben sie hier im vergangenen Jahr für Chrysler gebaut. Wie geht es weiter?Dazu kommen noch die Nachrichten aus Bayern: Der BMW-Geländewagen X3 soll vom Jahr 2010 an nicht mehr in Graz gefertigt werden. Was kommt dann? Sollen sie etwa unter der neuen russischen Miteigentümerschaft Ladas bauen?Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Wer mit den Adlern kreisen will, darf nicht mit den Hühnern picken?Bernd Oberzaucher, Sprecher bei Magna Steyr in Graz, schüttelt den Kopf: Magna Steyr sei eher im oberen Preissegment positioniert. Bei der Frage nach der Zukunft zuckt er nur mit den Schultern. ?Wir haben ja noch drei Jahre Zeit?, sagt er.In dieser Frist muss sich Frank Stronach, der bis dahin 78 ist, also etwas einfallen lassen. Er hat sich immer etwas einfallen lassen. Als er 22 Jahre alt ist und noch ?Strohsack? heißt, fällt ihm ein, sich ein One-way-Schiffsticket nach Kanada zu kaufen. Sein hauseigener Biograf Norbert Mappes-Niedeck hat in einem voluminösen Werk Stronachs Karriere aufgeschrieben. Die Geschichte könnte klassischer nicht sein: vom Tellerwäscher zum Millionär.Strohsack benennt sich um, arbeitet in der Kantine eines Krankenhauses und als Balljunge auf Golfplätzen. Schließlich gründet er in einer Garage in Toronto sein erstes Unternehmen als Werkzeugmacher. Er stellt Halterungen für Autosonnenblenden her, zieht einen Großauftrag an Land. Stronach wird zu einem der erfolgreichsten Unternehmer Kanadas, zum Herrn eines Imperiums mit 83 000 Mitarbeitern und fast 300 Fertigungsbetrieben und Technologiezentren in 23 Ländern.Magna International zählt zu den weltweit größten Zulieferern für die Automobilindustrie. ?Wer mit den Adlern kreisen will, darf nicht mit den Hühnern picken?, lautet Stronachs Motto.Der Autoteile-Lieferant liefert Stoff für viele Geschichten. Er ist uneingeschränkter Herrscher bei Magna, weil er sich mit einer fein ausgeklügelten Aktienstruktur die Dominanz gesichert hat. Von den eine Million Aktien der Klasse B hält er rund 700 000, erläutert David Tyerman, Analyst bei der kanadischen Bank Scotia Capital, aber diese haben ein fünfhundertfaches Stimmrecht. Damit ist Stronachs Gewicht bei Abstimmungen natürlich größer als das der Inhaber der 108 Millionen Aktien der Klasse A.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Wenn ich das Restaurant nicht mag, würde ich dort nicht essen?Für Aktionäre, die die Geschäftspolitik, die Aktienstruktur oder sein Gehalt ? Gehalt und Bonus gleich 30 Millionen US-Dollar und mehr ? kritisierten, hat er eine Empfehlung bereit: Sie müssen Magna-Aktien nicht kaufen, wenn sie mit dem Unternehmen nicht einverstanden sind. Oder sie können sie verkaufen. ?Wenn ich das Restaurant nicht mag, würde ich dort nicht essen?, sagt er. ?My way? nennen Analysten Stronachs Strategie in Anlehnung an den anderen großen Frank, den es gab. Kritiker ergänzen das so: ?My way or the highway? sei Stronachs Devise: Man folge ihm oder müsse gehen. So einer lässt sich nicht unterkriegen, glauben sie in Österreich. Auch nicht von einem russischen Milliardär, den er sich selbst ins Boot geholt hat.Klar macht sich Stronach Sorgen um sein Lebenswerk. Seine größten Kunden, die US-Autohersteller General Motors, Ford und eben Chrysler, verlieren Marktanteile an Japaner und andere ?new domestics?, die zum Teil ihre eigenen Zulieferer mitbringen. Zehntausende Arbeitsplätze gehen bei den ?Big Three? verloren.Da lohnt es sich doppelt, nach neuen Wachstumsmärkten zu suchen. Stronach sieht Russland als einen solchen Markt. ?Wer das Gold hat, macht die Regeln?, zitiert er seinen Lieblingssatz, den andere mit ?Geld regiert die Welt? wiedergeben würden. Und wenn das Geld in Russland liegt, muss er es sich dort abholen, womit es ganz danach aussieht, als habe er bereits eine lohnende Alternative zu Chrysler gefunden.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Frank StronachVita von Frank Stronach1932 Er wird in der Steiermark geboren. Im Alter von 14 Jahren beginnt er eine Ausbildung als Werkzeugmacher. 1954 Frank Stronach emigriert nach Kanada. In Montreal hält er sich mit dem Einsammeln von Golfbällen und Tellerwaschen über Wasser. 1957 Er gründet mit einem Freund in einer Garage in Toronto sein erstes Unternehmen. 1969 Er übernimmt Magna Electronics und ändert den Namen seiner Firma 1973 in Magna International. 1988 Als Kandidat der Liberalen Partei unterliegt er bei der Wahl des Bundesparlaments seinem konservativen Konkurrenten. 1998 Stronach übernimmt Magna Steyr Daimler Puch und nennt das neue Unternehmen Magna Steyr. 2007 Er holt den russischen Oligarchen Oleg Deripaska an Bord.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.05.2007