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?Was kann Howard-san??

Von Nicole Bastian
Howard Stringer, erster Ausländer an der Sony-Spitze, kündigt den Aktionären tief greifende Änderungen an. Versprechen für die einen, Drohung für die anderen : "Ich weiß, ich kann in Japan keine Axt verwenden."
Sir Howard Stringer (links). Foto: dpa
TOKIO. Der gebürtige Brite, der seit zehn Jahren auch die US-Staatsbürgerschaft hat, weiß, dass seine Benennung zum Nachfolger von Nobuyuki Idei als Chairman und CEO von Sony in diesem März für Aufruhr gesorgt hat. Und um die Ressentiments zu beseitigen, fügt er auf der gestrigen Aktionärsversammlung hinzu: ?Aber zuallererst bin ich ein Sony-Kämpfer.?Kämpfen muss Stringer allerdings, denn seit Sony die Branche 2003 mit den Ertragsproblemen seiner Elektroniksparte geschockt hat, ist das einstige Vorzeigeunternehmen Japans nicht mehr so recht auf die Überholspur gekommen. Bei LCD-Fernsehern haben Sharp und Samsung Electronics ihm den Rang abgelaufen, bei DVD-Rekordern Matsushita und bei MP3-Spielern Apple. Im Ende April abgelaufenen Geschäftsjahr machte das Elektronikgeschäft, das zwei Drittel des Umsatzes einbringt, operativ 254 Millionen Euro Verlust. Die anderen Sparten glichen das zwar aus. Doch Ideis Profitabilitätsziele für das kommende Jahr sind Makulatur.

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Jetzt soll der stämmige, weißhaarige Stringer die Kehrtwende schaffen, die ihm im US-Geschäft gelungen ist. Im September will er die neue Konzernstrategie vorstellen.Wohin die Reise geht, machte der 63-Jährige gestern in ruhigen Worten klar: Sony müsse sich im Elektronikgeschäft auf einzelne Bereiche fokussieren. ?Wir können nicht an allen Fronten kämpfen.? Und ? Versprechen für die einen, Drohung für die anderen ? er fügte hinzu: ?Ich weiß, ich kann in Japan keine Axt verwenden, aber wir müssen uns ändern.? Fast flehentlich wollte ein Aktionär von Idei wissen, was vielen durch den Kopf geht: ?Was kann Howard-san, ein Ausländer, der kein Japanisch spricht, was Sie nicht können??Stringer selbst sieht es als seine Stärke an, Leute dazu zu bringen zusammenzuarbeiten. Klug baute er aus dem fast machtlosen Papierposten des US-Sonychefs seinen Einfluss auf das Musikgeschäft aus, brachte die Sparte dazu, mit dem Elektroniksegment zu reden. Und dies hat er sich für den Sonykonzern fest vorgenommen ? was Analysten sich erhoffen ?, wo die einzelnen Geschäftsbereiche traurige Berühmtheit für ihre Animositäten, Parallelentwicklungen und Blockaden erlangt haben. Auf einer Betriebsversammlung verteilte Stringer deshalb kürzlich T-Shirts mit der Aufschrift ?Sony united?.Ob der ehemalige Vietnam-Kämpfer allerdings bis tief in den Konzern durchdringen kann, um ihn zu einen, bleibt abzuwarten. So will er sein Hauptbüro in New York belassen, ein- bis zweimal im Monat zum Firmensitz nach Tokio fliegen, die Wochenenden wiederum bei seiner Frau und den beiden Kindern in Großbritannien verbringen. ?Ich lebe im Flugzeug?, meint er. Hoch über den Wolken lauscht er klassischer Trompetenmusik, jetzt, wo er nicht mehr selbst zum Instrument greift, schaut sich Rugby-Spiele an und liest Bücher, etwa über Winston Churchill, seinen Helden, sagt er.Wie Churchill darf sich Stringer Sir nennen, seit dem Tag, an dem ihm die Queen mit auf den Weg gab, die vielen Pfeile auf Sony-Fernbedienungen würden sie verwirren. Entspannt platziert Stringer, der Medienprofi, solche Anekdoten und Witze, mischt sie mit bitterernsten Äußerungen zur Krise von Sony. Man kann sich vorstellen, wie er seinen Humor bei wichtigen Verhandlungen einsetzt.Stringer sei kein reiner Kostendrücker, meinte Idei. ?Er versteht den Sony-Spirit am besten.? Im Kern teilt er Ideis Vision, dass Inhalte und Hardware-Geschäft sich im Multimedia-Zeitalter ergänzen. ?Der Unterhaltungsbereich stärkt das Elektronikgeschäft?, meint er. ?Aber er ist nicht wichtiger.?Der ehemalige Medienmanager, dem die Sony-Unterhaltungssparte weiter direkt unterstellt bleibt, weiß, dass er als Vertreter des Musik- und Filmgeschäfts gilt, der kaum Interesse an der Hardware hat. Deshalb ist ihm mit dem 57-jährigen Ryoji Chubachi ein Sony-Ingenieur zur Seite gestellt worden, der als Nummer zwei im Konzern das Elektronikgeschäft verantwortet.Am Zusammenspiel des Japaners mit Stringer dürfte sich Sonys Erfolg entscheiden. Bisher garantiert Stringer nur eines: dass sich ?Sony auf viele bemerkenswerte Arten ändern wird. Ich hoffe, ohne seine Integrität zu verlieren.?
Dieser Artikel ist erschienen am 23.06.2005