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?Verbrennen Sie Ihre Kreditkarten!?

Von Frank Siering
Amerika hat einen neuen Star: Suze Orman. Ihre Fangemeinde hat sie aber nicht mit seichter Unterhaltung gewonnen, sondern mit einem todernsten Thema: Geld. Was aber unterscheidet dieses blondierte Energiebündel von den durchschnittlichen Finanzberatern?
Sogar einen Emmy hat Suze Orman für ihre Fernsehshow schon abgeräumt. Foto: ap
LOS ANGELES. Heftiges Kopfschütteln, ein klarer Blick in die Kamera und der berühmte mahnende Zeigefinger. Suze Orman beschönigt nichts. ?Kein Mensch braucht fünf Kreditkarten. Verbrennen Sie die Karten, bauen Sie die Schulden ab?, sagt die 55-Jährige.Diese Direktheit überrascht die Anruferin. ?Äh, okay, aber dann muss ich ja sparen?, krächzt die Stimme aus dem Telefonhörer. Orman schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. ?Das ist typisch für viele Amerikaner?, klagt sie. ?Sie bauen sich einen Schuldenberg auf, wollen aber nicht wirklich etwas gegen die eigene Finanzkrise tun.?

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Trotz ihrer oftmals ungeschönten Kritik, ihrem Stich mitten ins ehrliche Schuldnerherz der Kundschaft: Amerika feiert sie als neuen medialen Finanz-Guru. Ihre Bücher ? allesamt Finanzratgeber ? stehen wochenlang auf den Bestsellerlisten der New York Times, ihr erfolgreichster Titel verkaufte sich mehr als zwei Millionen mal. Ihre Radioshow ist in jedem US-Bundesstaat zu hören, ihre Website zählt mehr als acht Millionen Besucher im Monat, und die Einschaltquoten für ihre Geld-Show auf CNBC sind so gut, dass der Fernsehsender Suze Orman jetzt sogar ins beliebte Abendprogramm aufnehmen will.
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Was aber unterscheidet dieses blondierte Energiebündel mit einem College-Abschluss in Sozialwissenschaften von den durchschnittlichen Finanzberatern, die sich in den USA so häufig finden wie Surfer am Strand von Venice Beach? Woher der überwältigende Zuspruch einer Klientel, die die meiste Zeit von der Expertin beschimpft wird?Suze Orman weiß, wovon sie spricht. Aufgewachsen in Chicago, erlebte sie hautnah, was es heißt, von der Mittelklasse in die untere soziale Schicht abzurutschen. Ihr Vater, ein Hähnchen-Händler, häufte riesige Schuldenberge an und musste die Kinder zur Arbeit schicken, damit die Familie einigermaßen über die Runde kam.Freunde der Finanz-Diva sagen, dass ihre Sparsucht vor allem auf ihren Kindheitserinnerungen basiert. Ihr ehemaliger College-Freund Clifford Citrand sagt: ?Suze versteht Kellner, Krankenschwestern und Lastwagenfahrer. Sie glaubt ganz fest, diesen Menschen mit soliden finanziellen Tipps helfen zu können.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sie hält den Finger auf die Wunde und beschönigt nichts. Sie selbst, so schwor sie sich als junge Frau, wolle es einmal besser machen. Nach der Uni übernahm Orman einen Job als Kellnerin im kalifornischen Berkeley. Dort schaffte sie es, Investoren für ein eigenes Restaurant aufzutreiben. Es wurde kein Erfolg. ?50 000 Dollar waren in kürzester Zeit weg, ich war pleite?, erzählt Orman. Anstatt aufzugeben, heuerte sie für 1 500 Dollar Gehalt im Monat bei Merrill Lynch an ? angespornt, die verlorene Summe zurückzuzahlen. ?Damals habe ich gemerkt, dass du nur mit einer konservativen und langfristigen Planung wirklich auf festen Beinen stehen kannst?, sagt Orman. Eine Haltung, die sie noch heute beibehält und öffentlich propagiert, obwohl sie mittlerweile im Jahr rund fünf Millionen Dollar verdient. ?Ich spüre eine gewisse Verantwortung für Menschen, die vor dem finanziellen Ruin stehen?, sagt sie mit ernster Stimme. Wohl auch, weil sie der festen Überzeugung ist, dass durch eine gewisse Ordnung im persönlichen Haushaltsplan jeder Mensch eine zweite finanzielle Chance bekommt. ?Das bedeutet natürlich häufig auch, dass Verzicht an die erste Stelle rückt. Für meine Landsleute ein manchmal schwieriges Unterfangen?, erläutert Orman.?Sie beschönigt nicht, sie hält den Finger auf die Wunde.? So beschreibt Sandi Mendelson von Hisinger-Mendelson, Ormans eigener PR-Firma, ihre Strategie. Das stärkt ihre Glaubwürdigkeit. Trotz oftmals harscher Kritik an den Ratsuchenden ist sie immer doch auch auf der Seite der Anrufer.
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Suze Orman ist ? für amerikanische Investoren eigentlich eher ungewöhnlich ? ein großer Fan von Kosten-Konsolidierung und diversifizierten Portfolios. Im boomenden Immobilienmarkt mit kreativen Finanzierungstricks ? etwa 30-jähriger Tilgungsaussetzung ? predigt sie das Gegenteil: ?Zahlen Sie Ihre Schulden so schnell wie möglich ab, das betrifft vor allem die Summen, die eine Hypothek auf ein Haus mit sich bringen?, sagt sie.Der durchschnittliche Amerikaner, das wird Orman niemals müde zu erwähnen, steckt mit rund 8 000 Dollar pro Kopf im Kreditkartensumpf. ?Ein Dilemma?, sagt sie. ?Es ist mittlerweile fast schon ein fester Bestandteil unserer Finanzkultur, dass ein kleiner Schuldenberg dazugehört.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hält sie sich an die eigenen Grundregeln?Hält sie sich selbst denn wirklich an ihre eigenen Grundregeln? ?Zum Großteil schon?, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Sie könnte sich derzeit locker ein zehn Millionen Dollar teures Apartment im besten Stadtteil von New York City leisten, erhält sie doch als Vorschuss für ein neues Buch mittlerweile eine Million Dollar. Aber Orman lebt noch immer recht bescheiden in einer spärlich eingerichteten Zweizimmerwohnung in Manhattan.Ihre Immobilien, die New Yorker Wohnung, ein Haus in Florida und eines in Südafrika, sind natürlich abbezahlt. Nur mit dem diversifizierten Aktien-Portfolio, das sie ihrer Klientel anpreist, hält sie es selbst nicht so genau. 75 Prozent ihrer Investitionen ? Orman schätzt ihre Gesamtvermögen auf rund 25 Millionen Dollar ? hat sie in Zero-Coupon Municipal Bonds angelegt, also kommunalen Titeln, deren Zins erst am Ende der Laufzeit ausgezahlt wird. Keine aufregenden Papiere, wie sie selbst zugibt, aber sie bieten immerhin eine gesicherte Rendite von 4,5 Prozent im Jahr. Ein ganz kleiner Teil ihres Geldes ist in einem Aktienpaket angelegt. Zu den Wertpapieren, die Orman derzeit favorisiert, zählen: Motorola, Pfizer und Vasogen. Dazu kommen dann auch noch vier Third-Avenue-Investmentfonds. ?Es ist mir sehr wichtig, finanziellen Stress zu vermeiden?, sagt Orman. Und genau dieses Paradigma möchte sie auf all ihre Fans übertragen.
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Überraschenderweise spielt Geld im privaten Leben von Suze Orman mittlerweile nur noch eine untergeordnete Rolle. ?Alle denken, dass der Dollar mein Gott ist, aber das ist falsch?, sagt sie. ?Vielmehr sind es die Menschen und ihre Finanzprobleme, die mich faszinieren?, beschreibt Orman ihre Leidenschaft.Und Amerikas Schuldner haben dank des blonden Finanzgurus und allen Verlockungen der Kreditkartenunternehmen zum Trotz wohl endlich auch ihre Liebe zum Sparen entdeckt. Jedenfalls ein Teil von ihnen.Die ErfolgsfrauGeboren: wurde Suze Orman am 5.Juni 1951 in Chicago . Vater Morry Orman arbeitet eher schlecht denn recht als Händler, Mutter Ann ist Hausfrau. Orman schafft es trotzdem, ihr Studium der Sozialwissenschaften an der University of Chicago abzuschließen.Ihr Geld: verdiente sie zunächst bei Merrill Lynch und Prudential. Heute ist sie Autorin von vier Bestsellern mit den Titeln: ?The Laws of Money?, ?The Road to Wealth?, ?The Courage to be rich? und ?The 9 Steps to Financial Freedom.? Ihr Buch ?You have Earned it, Don?t Loose it? gilt als der meistverkaufte Finanzberater aller Zeiten.Im Fernsehen: ist sie in ihrer eigenen Show auf PBS zu sehen. Außerdem tritt sie an jedem Wochenende auf CNBC auf. Sie schreibt für Yahoo und das O-Magazin (von Oprah Winfrey) eine Kolumne. Auf dem Verkaufssender QVC hält sie ihre ?Financial Freedom?- Stunde ab.In Seminaren: tritt sie öffentlich auf und bekommt dafür jeweils rund 350 000 Dollar. Sie hält Vorlesungen in den USA, Asien und Südafrika.Ihr Vermögen: wird auf rund 25 Millionen Dollar geschätzt. Als Vorschuss für ein neues Buch erhält sie mittlerweile rund eine Million Dollar. Orman selbst steckt ihr Geld gerne in Immobilien. Sie besitzt eine Wohnung in New York, ein Haus in Florida und ein Haus in Südafrika. Alle Immobilien sind abbezahlt.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.05.2006