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?Uns bleibt nur die zweite Garde?

Von Barbara Gillmann
Der Ingenieurmangel schlägt auf die Hochschulen selbst zurück. Weil sie immer weniger mit der Industrie konkurrieren können, müssen sich Universitäten und Fachhochschulen zunehmend mit der zweiten und dritten Garde der Wissenschaftler begnügen. Damit droht auch die Ausbildung dieser so gefragten Spezies Ingenieur nachhaltig Schaden zu nehmen.
BERLIN. Zum Beispiel in Hamburg. An der dortigen TU Hamburg-Harburg findet sich kein Nachfolger für den seit zwei Jahren emeritierten Leiter des renommierten Instituts für Konstruktion und Festigkeit von Schiffen, Professor Eike Lehmann. Es gab neun Kandidaten, ?doch am Ende sind alle abgesprungen? berichtet Lehmann, de bis vor kurzem auch Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) war. Der Grund: Den Großteil der Ingenieur-Professoren beziehen die Hochschulen traditionell aus der Industrie, indem sie erfahrene Konstruktionsleiter oder Forschungschefs abwerben.Doch dort herrscht seit geraumer Zeit akuter Ingenieurmangel und so bleiben immer weniger gute Leute für die akademische Ausbildung. Und mitnichten nur im Schiffsbau, sondern fast überall. ?Das bringt den Standort Deutschland in Gefahr?, warnt Lehmann.

Die besten Jobs von allen

Mit dieser Sorge steht der Schiffskonstrukteur nicht allein. Selbst der Rektor der renommierten RWTH Aachen, Burkhard Rauhut diagnostiziert ein ?flächendeckendes Problem? im Ingenieurwesen und ?Gefahr im Verzug? für die Hochschulausbildung. Beamtete Ingenieurprofessoren verdienen rund 70 000 bis 90 000 Euro jährlich. ?In der Industrie verdienen sie jedoch mehr als das Doppelte, Spitzenleute noch weit mehr,? meint Rauhut. Die Kluft habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr vergrößert.Zuletzt senkte die neue W-Besoldung der Professoren das Niveau weiter ab, weil sie ein niedrigeres Grundgehalt definierte. Zwar gibt es nach dem neuen Recht auch Leistungszulagen, doch diese wurden auf Druck der Länder gedeckelt. Das Ergebnis ist selbst an einer gut ausgestatteten TU wie der RWTH Aachen zu spüren: ?Wir könnten im Einzelfall deutlich mehr ausgeben, hätten auch das Geld, dürfen es aber nicht?, klagt Rauhut.Schon heute gestalten sich daher die ?Berufungsverfahren langwieriger und wir bekommen nicht immer die ersten auf unserer Wunschliste?. Schon in naher Zukunft könne es durchaus so sein, ?dass wir nicht mehr genügend Leute bekommen und uns außerdem mit der zweiten Garde zufrieden geben müssen?.Noch schlimmer sieht es bei den Fachhochschulen aus, die in der Hackordnung hinter den Unis rangieren. ?Im Kampf um die besten Köpfe droht eine Situation, in der wir nur noch dritt- und viertklassige Leute kriegen?, sagt Andreas Geiger, Rektor der FH Magdeburg/Stendal und Sprecher der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Fehlende Aufstiegsmöglichkeit an der HochschuleUm sich dennoch genügend gute Professoren zu sichern, könnten die Hochschulen verstärkt auf den eigenen Nachwuchs setzen. Doch auch das ist kaum möglich in einer Situation, in der der ausgedörrte Arbeitsmarkt ?die Absolventen einfach aufsaugt?, sagt der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, selbst von Haus aus Ingenieur.Doch der schnöde Mammon ist es nicht allein, meint Lehmann. Dazu komme, dass auch die Ausstattung der Hochschulen im Vergleich zu Forschungsabteilungen der Industrie arg zu wünschen übrig lasse. Außerdem habe ein Professor allenfalls zwei, drei Mitarbeiter und müsse jede Menge Verwaltungskram selbst erledigen. ?Jeder Industriebetrieb wäre verrückt, würde er leitende Angestellte mit solchen Aufgaben belasten?, sagt Lehmann, bis vor wenigen Jahren selbst in einem Unternehmen tätig.Außerdem fehle jungen Leuten an der Hochschule jede Aufstiegsmöglichkeit. Abschreckend wirke auf viele auch die ?im internationalen Vergleich hohe Lehrbelastung von acht Stunden pro Woche?, so Rauhut. Da sei es wenig hilfreich, ?wenn etwa Nordrhein?Westfalen diese auch noch auf neun Stunden erhöht?.Früher glich wenigstens der ?Adelstitel Professor? manchen Nachteil aus, erinnert sich Lehmann. Doch heute, ?wo man an jeder Milchkanne einen Professortitel machen kann, ist das für viele Fachleute aus der Industrie kein erstrebenswertes Ziel mehr ? allenfalls etwas, was man so mit nimmt?.
Ingenieure verzweifelt gesuchtAbwanderung: 37 Prozent der Professoren der Ingenieurswissenschaften berichten über eine wahrnehmbare Abwanderung von Spitzenforschern aus ihrer Umgebung. Dass sie für immer gehen, glaubt jeder Dritte. Das ergab eine Umfrage des Verband der deutschen Ingenieure (VDE) unter 1100 Professoren.Industrie: Der VDE geht von 22 000 fehlenden Ingenieuren in der Industrie aus. Der damit verbundene Verlust an Wertschöpfung sei drei Mrd. Euro jährlich.Offene Stellen: Auch die Statistik der offenen Stellen auf dem deutschen Arbeitsmarkt führen die Ingenieure an: Sie machen acht Prozent aller Vakanzen aus, errechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Dieser Artikel ist erschienen am 24.05.2007