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...und tschüss.

Katja Stricker
Auto geleast, Wohnung gekauft, Dispo bis zum Anschlag ausgereizt - und plötzlich ist der Job weg. Gut drei Millionen Haushalte in Deutschland sitzen in der Schuldenfalle, oft trifft es junge Akademiker. Gut drei Millionen Haushalte sind nach Schätzungen der Bundesregierung überschuldet, können ihre laufenden Ausgaben mit den monatlichen Einnahmen nicht mehr bezahlen.
Auto geleast, Wohnung gekauft, Dispo bis zum Anschlag ausgereizt - und plötzlich ist der Job weg. Gut drei Millionen Haushalte in Deutschland sitzen in der Schuldenfalle, oft trifft es junge Akademiker

Schulden machen war für Frank Schuster (Name geändert) nie ein Problem. Für die Eigentumswohnung, neue Möbel oder den fahrbaren Untersatz nahm der junge Architekt Kredite auf - warum auch nicht? "Schließlich hatte ich einen gut bezahlten Job." Selbst als er Ende 2003 seine Stelle bei einer Baufirma verlor, machte sich der damals 34-Jährige keine Sorgen

Die besten Jobs von allen


Um mit dem Arbeitslosengeld über die Runden zu kommen, ging der Familienvater erst mal an die Ersparnisse. "Die waren erschreckend schnell aufgebraucht", erinnert sich Schuster heute. Nach einem knappen Jahr ohne Job kriegte er es mit der Angst zu tun. "Die Rechnungen und Mahnungen stapelten sich, der Dispokredit war dauernd am Limit, und mit den Raten für Auto und Wohnung waren wir auch im Rückstand."

Frank Schuster zog die Notbremse und ging zur Schuldnerberatung. "Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, habe immer nur hin und her gerechnet, wie ich das nächste Loch stopfen kann." Sein Schuldenberg war inzwischen auf 200 000 Euro angewachsen. Selbst mit dem neuen Job, den der Architekt einige Zeit später fand, war klar, dass er die Raten auf Dauer nicht zahlen konnte. Vor wenigen Monaten hat Frank Schuster Privatinsolvenz angemeldet. Ein brutaler Schritt, aber der einzige Weg aus der Schuldenfalle. Die Eigentumswohnung ist er los, genauso wie das neue Auto. Die Restschulden versucht er nun in den kommenden sechs Jahren so gut es geht abzustottern

Insolvente Ärzte und Juristen
Vom gut verdienenden Akademiker zum Pleitier - keine Seltenheit mehr in Zeiten von Massenentlassungen und Konjunkturkrise. "Heute kommen alle Einkommensschichten zu uns", erzählt Frank Wiedenhaupt, Schuldnerberater beim Arbeitskreis Neue Armut in Berlin: Ärzte, Juristen, Ingenieure, Naturwissenschaftler und viele gescheiterte Freiberufler sind dabei. Gut drei Millionen Haushalte sind nach Schätzungen der Bundesregierung überschuldet, können ihre laufenden Ausgaben mit den monatlichen Einnahmen nicht mehr bezahlen

Vom Kauf auf Pump bis zur Überschuldung ist es oft nur ein kleiner Schritt. Rund 27 000 Euro Schulden hat jeder Haushalt nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Schnitt, über ein Drittel mehr als noch 1998. Rund 2,6 Millionen Deutsche haben bereits Privatinsolvenz angemeldet oder einen Offenbarungseid geleistet. Weitere 2,7 Millionen sind bei der Schufa registriert, weil sie zumindest einmal Rechnungen im Handel, bei Versand- oder Handyfirmen nicht bezahlt oder Bankforderungen nicht beglichen haben. Tendenz steigend

Die Gründe für Privatpleiten sind vielfältig. In den Internetforen der Schuldnerberatungen outen sich insolvente Zahnärzte, die durch Aktienverluste in die Miesen geraten sind, Ingenieure, die sich mit Schrottimmobilien verzockt haben, und leitende Angestellte, die durch Scheidung und Unterhaltszahlungen für die Kinder in die Verschuldung gerutscht sind

Doch nicht nur Börsencrashs und Scheidungsdramen lösen Schuldenspiralen aus. Durch die Einführung von Studiengebühren und -krediten werden immer mehr Absolventen bereits verschuldet ihr Studium abschließen. Wer nach dem Examen zunächst einen gut bezahlten Job findet, rechnet damit, dass es so weiterläuft. "Also nehmen Berufseinsteiger Kredite auf, für ein neues Auto, Designerstühle, eine teure Musikanlage oder Immobilien", beobachtet Birgit Höltgen von der Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale NRW.

Im Teufelskreis
Mit der Kündigung kommt die finanzielle Krise. "Wenn ein Einkommen wegfällt, können auch Gutverdiener-Haushalte oft ihre laufenden Verpflichtungen nicht mehr erfüllen", so Höltgen. Ohne Kinder bekommen Arbeitslose nur noch 60 Prozent des letzten Nettogehalts. Wer bisher monatlich 2 500 Euro zur Verfügung hatte, muss beispielsweise schon im ersten Jahr seiner Arbeitslosigkeit mit rund 1 000 Euro weniger auskommen.

"Viele können sich zwar einige Monate mit Erspartem über Wasser halten, junge Berufstätige haben solche Reserven jedoch kaum", weiß Schuldnerberater Wiedenhaupt. Schon nach einem Jahr erfolgloser Jobsuche landen auch Akademiker bei Hartz IV und damit auf Sozialhilfe-Niveau - und der Teufelskreis beginnt: Rechnungen und Mahnungen, Anrufe von Gläubigern, immer neue Löcher, die es zu stopfen gilt.

"Der soziale Druck ist gerade für Akademiker extrem groß", erzählt Wiedenhaupt. "Die zahlen lieber ihre Krankenkasse nicht mehr oder verzichten aufs Heizen, weil sie sich kein neues Öl leisten können. Aber das Auto behalten sie, damit die Nachbarn nichts mitkriegen.

Frühwarnsignale erkennen
Pleite zu sein, ist vor allem Akademikern peinlich. Sie versuchen zunächst aus eigenen Kräften aus der Misere zu kommen und warten oft zu lange damit, sich Hilfe von außen zu holen. "Die meisten kommen erst, wenn es akut brennt: wenn die Kontopfändung ansteht, der Strom abgestellt wird oder der Vermieter mit Räumungsklage droht", erzählt Schuldnerberaterin Höltgen. Alarmsignale für drohende Überschuldung sind bereits ein chronisch überzogenes Konto und das Begleichen überfälliger Rechnungen mit Geld, das eigentlich für andere Ausgaben gedacht war. Suchen die Verschuldeten frühzeitig Hilfe, reichen häufig schon ein paar Beratungsstunden, um sie wieder in die richtige Spur zu bringen.

Wichtig ist dabei, einen Überblick über seine Schulden zu bekommen, Ordnung in die Flut offener Forderungen zu bringen und zu entscheiden, welche Rechnungen Priorität haben. Schuldnerberatungen helfen dabei, mit Gläubigern über Zahlungsaufschub und niedrigere Rückzahlungsraten zu verhandeln

Bei Akademikern sind die Einsparmöglichkeiten erfahrungsgemäß groß: Teure Verträge im Fitness-Studio, Theaterabonnements und überflüssige Versicherungen stehen ganz oben auf der Streichliste. "Mit solchen Erste-Hilfe-Maßnahmen schafft es jeder zweite stark verschuldete Akademiker auch ohne Insolvenzverfahren, seine Finanzen wieder in den Griff zu bekommen", weiß Berater Wiedenhaupt

Erst sparen, dann shoppen
Befristete Arbeitsverträge, eine auf zwei Jahre verlängerte Probezeit, Entlassungswellen in vielen Branchen - vor allem Berufseinsteiger und junge Familien mit nur einem Ernährer sollten sich größere Einkaufstouren auf Pump verkneifen, raten die Schuldnerberater einhellig. Ihr Tipp: Erst sparen, dann shoppen. Das gilt für die tolle Einbauküche, den neuen Fernseher und die teure Musikanlage genauso wie für den Traumurlaub in Australien

Geht es nicht ohne Kredit, etwa bei einem neuen Auto oder einer Immobilie, sollte man nur so viel Schulden machen, dass die monatlichen Raten einem noch Luft lassen. "Eine Reserve für Unvorhergesehenes sollte jeder haben, etwa wenn plötzlich eine größere Autoreparatur nötig ist oder die Waschmaschine den Geist aufgibt", rät Marius Stark, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. Wer eine Wohnung oder ein Haus kaufen oder bauen will, sollte zudem mindestens 25 Prozent Eigenkapital mitbringen, sonst sind die Darlehen zu hoch und binden einen zu langfristig.

Hätte Architekt Frank Schuster und seine Familie diese Tipps beherzigt, wäre ihm vielleicht die Privatinsolvenz erspart geblieben. Doch der 34-Jährige schaut nach vorn. "Wenn wir das Insolvenzverfahren in sechs Jahren hinter uns haben, können wir ein neues Leben anfangen - ohne schlaflose Nächte."?

Privatinsolvenz: Schuldenfrei in sechs Jahren
Letzter Ausweg für Überschuldete ist die Verbraucherinsolvenz. Knapp 70 000 neue Verfahren registriert das Statistische Bundesamt für 2005 - rund 43 Prozent mehr als im Vorjahr. Gut 1 000 kostenlose Beratungsstellen von Kommunen, Wohlfahrtsverbänden oder Verbraucherzentralen kümmern sich um die Privatinsolventen. Ist klar, dass der Schuldner dauerhaft seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen kann, versuchen die Schuldnerberater, zunächst mit den Gläubigern eine außergerichtliche Einigung zu erzielen. Meist sagt der Schuldner zu, einen Teil der Verbindlichkeiten zu zahlen, damit ihm der Rest erlassen wird. Lehnt nur ein Gläubiger ab, ist der Vergleich gescheitert.

Erst nach einem Einigungsversuch kann der Schuldner beim Amtsgericht das Insolvenzverfahren beantragen. Sechs Jahre lang müssen Überschuldete dann die pfändbaren Beträge ihres Einkommens an einen Treuhänder abführen, der sie anteilig an die Gläubiger verteilt. Die Höhe des pfändbaren Betrages richtet sich nach dem Nettoeinkommen und der Zahl unterhaltsberechtigter Personen. Einkommen unter 990 Euro sind generell nicht pfändbar, aber auch bei höheren Einkünften bleibt ein Teil geschützt. Ein Single mit 2 000 Euro netto im Monat muss maximal 710 Euro an den Treuhänder abgeben. Bei einem Familienvater mit gleichem Einkommen, der ein Kind und eine unterhaltspflichtige Ehefrau zu versorgen hat, sind höchstens 175 Euro im Monat pfändbar. Wer Privatinsolvenz angemeldet hat und arbeitslos ist, muss jeden Job annehmen, der pfändbares Einkommen bringt

Auch Wertgegenstände wie teure Musikanlagen, DVD-Player und Schmuck werden in der Regel gepfändet. Wer noch Aktien oder andere Wertpapiere hat, muss sie verkaufen. Das gilt auch für Lebensversicherungen. Nur Riesterprodukte sind zurzeit geschützt. Kommt der Verschuldete sechs Jahre lang all seinen Verpflichtungen nach, wird er vom Gericht für schuldenfrei erklärt und ist damit alle Restschulden los

kas

Infos und Adressen unter www.meine-schulden.de

Versicherungen gegen Jobverlust: Trügerische Sicherheit
Volkswagen, Neckermann, R+V-Versicherung, Barclaycard, Citibank - zahlreiche Unternehmen und Finanzinstitute bieten mittlerweile bei größeren Anschaffungen auf Pump eine zusätzliche Versicherung gegen Arbeitslosigkeit an. Verliert der Kreditnehmer später seinen Job, übernimmt die Versicherung die Zahlung der fälligen Raten. Der vermeintliche Rundum-Schutz hat allerdings seine Tücken: "Die Versicherungsprämien verteuern die Darlehen unnötig und bieten dafür nur sehr begrenzten Schutz", sagt Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin bei der Verbraucherzentrale NRW.

Meist übernehmen die Versicherer die Raten bei Arbeitslosigkeit nur für maximal zwölf bis 18 Monate am Stück. Auch zahlt die Versicherung nur, wenn die Arbeitslosigkeit unverschuldet eintritt. Wer selbst kündigt oder wegen Fehlverhaltens gefeuert wird, bekommt keinen Cent. Außerdem müssen die Arbeitnehmer vor Versicherungsbeginn meist einen unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche haben und bereits mindestens sechs bis zwölf Monate beim selben Unternehmen beschäftigt sein. Selbstständige und Freiberufler bleiben häufig außen vor. Schnell eine Versicherung abschließen, wenn der Arbeitsplatz bereits gefährdet ist, bringt nichts. Denn die Versicherungen greifen erst nach Wartezeiten zwischen vier und 24 Monaten

Den Extraschutz lassen sich die Anbieter zudem gut bezahlen. Bei Neckermann etwa verteuert sich der Einkauf um 7,9 Prozent. Wer also eine Waschmaschine zum Katalogpreis von 800 Euro bestellt, zahlt zusätzlich 63,20 Euro nur für den Versicherungsschutz. Wer bei Volkswagen einen neuen Golf kauft, zahlt zehn bis 15 Euro im Monat für die Restschuldversicherung. Bei einer durchschnittlichen Kreditlaufzeit von 36 Monaten kommen so satte 540 Euro zusammen

Auch Immobilienkäufer können sich privat gegen Arbeitslosigkeit versichern. Der Immobilienverband Deutschland bietet zusammen mit der Versicherung Cardif eine "Verdienstausfallversicherung" an. Bei einer Laufzeit von fünf Jahren kostet die Absicherung einer monatlichen Hypothekenrate von beispielsweise 600 Euro insgesamt 1 860 Euro, das sind umgerechnet 30 Euro im Monat. Die Versicherung zahlt bei Arbeitslosigkeit maximal 24 Monate am Stück, allerdings auch bei erneutem Jobverlust.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.03.2006