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...und raus bist Du

Ruth Lemmer
Was vor wenigen Jahren noch die Regel war, wird jetzt zum Glücksspiel: nach Ende der Ausbildung übernommen zu werden. Stattdessen müssen junge Fachleute häufig umsatteln, noch bevor sie den Berufseinstieg geschafft haben.
Radikal wurde Christian Simon ausgebremst - just als er in den nächsthöheren Gang schalten wollte. Gerade hatte er sein Examen an der Fachhochschule für die Wirtschaft in Hannover in der Tasche; ebenfalls abgeschlossen war seine Ausbildung zum Fachinformatiker beim Berliner Beratungsunternehmen LogicaCMG, die er parallel zum Studium absolviert hatte. Doch statt des Karriereturbos kam die Vollbremsung: Sein Arbeitgeber sah keine Möglichkeit, ihn zu übernehmen. Der Grund: Die Abteilung, in die der 26-Jährige einsteigen sollte, schrieb rote Zahlen und wurde aufgelöst.

Alles getan - und arbeitslos

Christian Simon gehört zum hoch motivierten Nachwuchs, der sich beeilt hat, um - wie es Arbeitgeber und Politiker gerne fordern - frühzeitig in den Unternehmen anzukommen. Doch nun hat er den falschen Zeitpunkt erwischt und steht auf der Straße. Und da steht er nicht allein. Der Stellenmarkt für Hochqualifizierte sieht alles andere als rosig aus. Von Sommer 2001 bis Sommer 2002 haben sich 25 Prozent mehr Fachhochschul- und Uni-Absolventen arbeitslos gemeldet als im Vorjahreszeitraum. Trauriger Spitzenreiter sind die Informatiker mit einem Plus von 112 Prozent. Aber auch Betriebswirte, Diplomkaufleute, Juristen und Journalisten verzeichnen zweistellige Zuwachsraten unter den Arbeitssuchenden

Die besten Jobs von allen


Wirtschafts- und Fachinformatiker Christian Simon hat seit dem Abitur Gas gegeben: Nach zwei Semestern BWL an der Uni in Würzburg ging er im Hype-Jahr 2000 nach Hannover. Wirtschaftsinformatik hieß das Zauberwort - Praxisnähe und schneller Abschluss inklusive. Wie in einer Berufsakademie wechseln in Hannover Studium und Berufsausbildung im Vierteljahresrhythmus. In der Berliner Niederlassung der Unternehmensberatung PDV bereitete sich Christian Simon auf die IHK-Prüfung zum Fachinformatiker vor.

"Alle drei Monate bin ich umgezogen von Berlin nach Hannover und zurück", erzählt er. "Das war ziemlich stressig, aber auch spannend." Und es winkte ein lukratives Ziel: "Wer schnell fertig wird in der boomenden IT-Branche, so hieß es, könnte sich die gut bezahlten Jobs aussuchen." Doch drei Jahre sind heutzutage eine lange Zeit. Erst wurde PDV von der britischen Beratung Logica gekauft; zum Jahreswechsel fusionierte Logica mit CMG zu LogicaCMG. "Firmenlogo, Visitenkarten, Taschen wurden gewechselt, und wenn ich nicht meine Diplomarbeit hätte schreiben müssen, wäre noch eine Auslandsstation drin gewesen", erinnert sich Simon

Doch dann wurde der Geschäftsbereich Telematik aufgelöst. Statt der erwarteten Festanstellung erhielt der Fachinformatiker das Abschiedszeugnis. Als freundliche Geste wurde das Darlehen über 23.000 Euro Studiengebühren rückwirkend in ein Stipendium umgewandelt. Simon zog zurück zu seinen Eltern nach Schlitz, einem Städtchen zwischen Fulda und Kassel - und bewirbt sich seitdem

Abgesägt und abgezockt

Frischlinge, die gerade ein Trainee-Programm oder eine Fachausbildung abgeschlossen haben und nicht übernommen wurden, haben bei steigender Akademikerarbeitslosigkeit und miesen Konjunkturprognosen schlechte Karten. Rund ein Drittel von Simons Kommilitonen wurde nicht übernommen. Einige treffen ihre Ausbilder jetzt sogar vor dem Arbeitsrichter. Streitpunkt: die Rückzahlung des Darlehens für die Studiengebühren

Darum ficht auch Stefan Schmitt. Mit Pleissner Guss in Herzberg im Harz schloss er 1999 einen studienbegleitenden Praktikantenvertrag über 600 Euro monatlich ab - plus Studiengebühren. Während der Abschlussklausuren kam dann die Rückzahlungsforderung - entgegen einer mündlichen Aussage seines Abteilungsleiters

Nach der IHK-Prüfung und dem Diplom erhält der 24-Jährige nun nicht einmal Arbeitslosengeld. Denn im Praktikum zahlte sein Arbeitgeber keine Beiträge zur Sozialversicherung. Bei Schmitt ist Ebbe in der Kasse, die Eltern in Bad Gandersheim greifen ihm unter die Arme.

Mit der Absage kommt die Rechnung

Deshalb zieht Schmitt jetzt sogar vor Gericht. Der Hannoveraner Rechtsanwalt Klaus Rottmann vertritt mehrere Studenten der Fachhochschule für die Wirtschaft und argumentiert lebensnah: "Die jungen Leute wollten ja die Summe abarbeiten, sie wären liebend gerne übernommen worden." Jetzt kommt mit der Absage gleich die Abrechnung.

Bei den Betroffenen machen sich Wut und Frust breit. "Da nutzt das viele Lob von vorher auch nichts", erfährt Harald Butzko immer wieder. Der Inhaber der Unternehmensberatung Butzko Consult in Pulheim bei Köln trifft in seinen Seminaren auf verunsicherte Teilnehmer. Manche fühlen sich belogen und betrogen, anderen kommen Zweifel an ihrer Berufswahl und ihren Fähigkeiten. "Der Affront, nicht übernommen zu werden, trifft Leistungsstarke noch brutaler als Leute, die damit rechnen müssen, weil sie faul sind oder schlechte Leistungen zeigen", meint Butzko. "Alle Entlassenen fallen in ein Loch, fühlen sich minderwertig.

Der Supervisor greift deshalb auf Parallelen in der Kindheit zurück: "Nehmen Sie Schicksalsschläge nicht hin. Machen Sie es wie Kinder, die laufen lernen. Die fallen, hauen sich die Knie kaputt, schreien wütend - und stehen wieder auf, um es erneut zu probieren." Zweiflern hält er entgegen: "In ein paar Wochen kann das Kind gehen." Erwachsene sollten analysieren: Was kann ich, was mache ich, was will ich machen? "Wen es trifft, der darf sich nicht verkriechen," fordert Butzko. "Der muss über seine Scham reden."

Keine Stelle? Weiter lernen!

Auch der Kontakt zu Leidensgenossen kann nutzen, wenn er sich nicht in Jammer-Arien erschöpft. Feilen mehrere zusammen an ihren Profilen, kann das originelle Ideen bringen - für die Bewerbung, aber auch für die Lebensplanung. Konkurrenz zu fürchten, wäre da kurzsichtig. Marcel Sareyka, arbeitsloser Fachinformatiker aus Hamburg, musste feststellen, dass die IBM-kompatible Programmiersprache, die er bei seiner Ausbildungsfirma SoftM lernte, zu exotisch für den Arbeitsmarkt ist. Nach der Millennium- und der Euro-Umstellung, die er in der Finanzbuchhaltung mitmachte, wird er nun nicht mehr gebraucht

Sareyka jobbt jetzt als Akquisiteur bei einer Versicherung. Und bewirbt sich. Er hat sich ein Limit gesetzt. Wenn in den nächsten Wochen nicht doch noch ein Bewerbungsgespräch zum Erfolg führt, wird der 24-Jährige sein Wissen an der Hochschule ergänzen und verbreitern: "Bibliotheks- und Informationsmanagement an der FH in Hamburg reizt mich, da kann ich Software anwenden und verbessern.

Damit hat Marcel Sareyka eine Richtungsentscheidung getroffen, wie sie Beraterin und Buchautorin Renate Ibelgaufts verlangt: "Man muss sich ehrlich fragen, wovon man besser die Finger lässt." Ibelgaufts hat ein simples Schema: "Jeder Mensch hat einen Kern von Fähigkeiten. Drum herum gibt es eine Grauzone, da kann man es mit Disziplin zu guten Leistungen bringen. Doch es gibt eben auch Bereiche, da nutzt alles Erarbeiten nichts, da kann man nicht mit anderen mithalten.

Diese Erkenntnisse über sich selbst muss man nicht gleich ausplaudern. Aber aus den Fragen "Was kann ich?" und "Was will ich?" folgt zwangsläufig: "Was muss ich dazu lernen?". Renate Ibelgaufts: "Jungen Menschen fehlt es oft an Präsentationstechniken und Projektmanagement, das kann man lernen." Da gibt es Kurse, manche zahlt sogar das Arbeitsamt.

Mädchen für alles

Schwerer, meint die Beraterin, ist die Einstellung zu ändern: "Die jungen Leute sollten ihre Abneigung gegen Routine bekämpfen und sich ruhig als Mädchen für alles bewerben." Ihr Kalkül: "Wer Leistungsträger entlastet, schafft sich Fürsprecher." Auch Harald Butzko setzt auf Realitätssinn: "Entlassene sollten nicht so sehr auf den Abstieg schauen, sondern auf die Chance." Ein Branchenwechsel, der Schritt von einem renommierten Verlag in einen kleinen unbekannten oder vom Journalismus ins Lektorat könne auch bedeuten, "nicht mehr der Stift zu sein"

Die Kunsthistorikerin Kirsten Dieckerhoff, die in den Nebenfächern Archäologie und Philosophie studierte, entfernte sich schon bald von der puren Wissenschaft. Sie entdeckte ihr Interesse daran, Kunst gekonnt zu präsentieren. In Museen, Agenturen und schließlich während des Volontariats in einem Münchener Buchverlag lernte sie, Prospekte und Bücher rund um das Kunstwerk zu produzieren. "Alles stimmte. Was fehlte, war die Übernahme in die Festanstellung.

Umsteigen kann jeder

Die 29-Jährige bedauert, mit ihrem Volontariat gerade zu der Zeit fertig geworden zu sein, als es für Konjunktur und Kunst eng wurde. Jetzt versucht sie mit einer einjährigen Ausbildung zur Multimedia-News-Designerin das Netz zu erobern. Um ins Haus Busch, ein Zentrum für Journalistenweiterbildung, zu kommen, fährt sie jeden Tag von Dortmund nach Hagen - und ist ganz optimistisch: "Da kann ich mir neue Aufgabenfelder erschließen." Konkret heißt das: Medien "professionell und kreativ gestalten, und zwar optisch und inhaltlich". Der Kultur bleibt sie treu. Gerade entwirft sie das neue Design für eine Fachzeitschrift

Auch wenn das World Wide Web nicht hielt, was sich einige davon versprachen - aus Medienberufen ist es nicht mehr wegzudenken. Deshalb hat Haus Busch ab Mai einen halbjährigen Kurs initiiert, in dem Printjournalisten auf Hörfunk, TV und Internet getrimmt werden. "Damit wollen wir die Journalisten, die in den Verlagen monomedial ausgebildet wurden, marktfähiger machen", sagt der stellvertretende Institutsleiter Jürgen Dörmann. Die Arbeitsämter sehen eine Chance und fördern dieses Seminar ebenso wie ein vergleichbares an der Journalistenschule Ruhr, die zum WAZ-Konzern gehört

Umstieg gleich nach dem Berufseinstieg - darauf sollten sich heute fast alle Absolventen einstellen. Als Start ins lebenslange Lernen. Trainees rät Harald Butzko, "so früh und so viele Kontakte aufbauen wie nur möglich, denn sie wissen noch nicht, wen sie einmal brauchen." Das fordert Dynamik, Eigeninitiative und ein sympathisch-leistungsorientiertes Auftreten. Aber, so der Supervisor, "die Ausbildung ist eben ein Sprungbrett und keine Hängematte".
Dieser Artikel ist erschienen am 28.03.2003