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?Schnell ist wichtig?

Von Martin Buchenau
Der Chef von Heidelberg-Cement, Bernd Scheifele, setzt seine Einkaufstour munter fort: Jetzt bietet er fast zwölf Milliarden Euro für den britischen Konkurrenten Hanson. Und sein Tempo bleibt hoch.
Bern Scheifele ist der neue Vorstand von Heidelberg-Cement. Foto: dpa
HB STUTTGART. Bernd Scheifele hat die Rückendeckung eines der reichsten Männer in Deutschland. ?Wer etwas leistet, darf auch etwas verdienen?, sagt Großaktionär und Aufsichtsrat Adolf Merckle am Rand der Hauptversammlung von Heidelberg Cement vor wenigen Tagen. Kleinaktionäre hatten moniert, dass sich das Gehalt des fünf Personen zählenden Vorstands des weltweit viertgrößten Zementherstellers auf 20 Mill. Euro im Jahr 2006 verdoppelt hat.Scheifele ist Merckles Mann für die wichtigen Dinge. Der gebürtige Freiburger liebt Tempo und das Überraschungsmoment. Gerade einmal gut zwei Jahre im Amt hat der 49-Jährige das Unternehmen im ersten Jahr saniert und im zweiten bereits für über eine halbe Milliarde Euro Zementwerke in Osteuropa, Asien und Afrika hinzugekauft.

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Jetzt führt er mit dem Übernahmeangebot für den britischen Baustoffproduzenten Hanson das Heidelberger Traditionsunternehmen in eine völlig neue Dimension: Heidelberg Cement will für umgerechnet 11,7 Milliarden Euro den Konkurrenten übernehmen und hat sich das Einverständnis von dessen Management gesichert. Hanson verfügt vor allem über eine starke Marktposition in Großbritannien und den USA. Gelingt die Übernahme, wird der Konzern weltweit die Nummer drei auf dem Weltmarkt.Schon einmal hatte sich Scheifele mit Großakquisitionen auf dem britischen Markt einen Namen gemacht?damals noch als Chef des Pharmahändlers Phoenix. Auf die dort gesammelten Erfahrungen wird er nun zurückgreifen können. Schließlich seien die Unterschiede zwischen den beiden Branchen ? Pharma und Zement ? ?so groß nicht?. Jeweils sei das Produkt ?me too? und von den Konkurrenten leicht ersetzbar. In beiden Fällen gehe es deshalb um Kostenführerschaft. Transportlogistik sei jeweils der Schlüssel zum Erfolg.Für Adolf Merckle, zu dessen Imperium neben den 77 Prozent der Heidelberg-Aktien auch noch der Generika-Hersteller Ratiopharm und der Pistenfahrzeug-Produzent Kässbohrer gehören, formte Scheifele schon aus mehreren Pharmahändlern den Phoenix-Konzern. Sein heutiger Managementstil bei Heidelberg weist erstaunliche Parallelen zu seiner damaligen Vorgehensweise auf.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Temporeiches WachstumSo hatte Scheifele vor elf Jahren den Mannheimer Phoenix-Konzern nicht nur erschaffen, sondern durch organisches Wachstum und zahlreiche Zukäufe zur Nummer eins in Deutschland und zur Nummer zwei in Europa gemacht. Das temporeiche Wachstum ging zugleich mit steigenden Ergebnissen einher ? wie jetzt bei Heidelberg.Obwohl Scheifele die gleiche Sparsamkeit wie Merckle nachgesagt wird, hat er nach den harten Anfangsarbeiten inzwischen auch etwas für das Ambiente der Zentrale getan. Helle, weiße Wände, moderne Gemälde ? das ist der Anblick, der sich Besuchern neuerdings bietet. Unweigerlich stellt sich das Gefühl: Hier hat sich einiges geändert. Vorbei das bedrückende Ambiente, als das Hauptquartier von Deutschlands größtem Baustoffkonzern einer dunklen Festung glich.Heidelberg Cement demonstriert die neu gewonnene Stärke. Der Konzern meldete für 2006 einen Gewinn von erstmals einer Milliarde Euro (Umsatz stieg auf 9,2 Milliarden Euro). Das Wachstum soll sich in diesem Jahr fortsetzen.?Schnell ist wichtig?, sagt der Heidelberg-Cement-Chef. Folgerichtig diskutiert er nicht lange, fordert von seinen Mitarbeitern konkrete Lösungsvorschläge. Was da eigentlich nicht so recht ins Bild passen will, ist sein Hang zu genauester Kontrolle. ?Er ist sehr präzise und detailversessen?, sagt ein Manager, der unter ihm arbeitete. Das ginge so weit, dass Wiedervorlagen bei Scheifele nicht nur mit einem Datum, sondern auch mit einer Uhrzeit versehen seien.Vielleicht war es auch diese Detailversessenheit, die Merckle Anfang der 90er-Jahre auf Scheifele aufmerksam werden lässt, als er den Pharmahandel größer aufziehen will. Scheifele ist damals als Jurist bei der angesehenen Wirtschaftskanzlei Gleiss Lutz beschäftigt und soll die fünf regionalen Pharmahändler zur Phoenix Pharmahandel zusammenführen.Noch in der Kanzlei tätig, arbeitet sich Scheifele so schnell in die Materie ein, dass Merckle ihm den Chefposten anbietet. In zehn Jahren macht er Phoenix groß und gilt inzwischen in der Branche als Merckles engster Berater. So lässt der Firmenpatriarch seinen Sohn Philipp Daniel erst einmal bei Scheifele die Tricks des Geschäfts lernen, bevor er ihm die Führung des Generika-Herstellers Ratiopharm anvertraut.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Noten haben nicht für Medizin gereichtEs ist vor allem eine Fähigkeit, die Juristen häufig zugeschrieben wird, die auch Scheifele auszeichnet. Er analysiert Fälle von hinten: Zunächst geht er vom schlimmsten Fall aus, von der Höchststrafe sozusagen, und sucht dann nach Lösungen, diese zu vermeiden. Sein Vorgehen ist strukturiert. Selbst Arbeitnehmervertreter loben seinen ?klaren Führungsstil und seine offene Kommunikation?. Wie sein Mentor Merckle glaubt er an kleine, schlagkräftige Einheiten. Hierarchien sind ihm ein Graus.Zu seiner analytischen Herangehensweise passt es, dass sich Scheifele stark an messbaren Kriterien orientiert. ?Wenn ich den Auslastungsgrad eines Werkes erhöhen will, dann richtet sich der flexible Teil des Gehaltes am Erreichen dieses Zieles aus?, sagt Scheifele. Diese Sprache verstehe jeder Werksleiter der Welt. Flops verzeiht er dagegen nicht. Bei Headhuntern ist er für seine harte Schule bekannt. Wer bei ihm gearbeitet habe, könne überall hin, heißt es.Kein Wunder, dass nicht alle Mitarbeiter von der ?harten Schule? begeistert sind. Was sie ihm dagegen anrechnen, ist, dass ihr Chef kein Werk in unsicheren Ländern wie Afghanistan oder Nigeria bauen lässt. Auch seine häufige Präsenz vor Ort werten seine Mitarbeiter positiv.Ursprünglich wollte Scheifele Medizin studieren. Doch dafür hätten seine Noten nicht gereicht, erzählt er freimütig. Jura habe er studiert, weil er sich viele Optionen offen halten wollte. Eine davon ist heute, als Ratgeber gefragt und in zahlreichen Kontrollgremien Mitglied zu sein. So sitzt er auch im Aufsichtsrat der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, die auch das Handelsblatt herausgibt.Bei seinem aktuellen Kaufangebot gibt sich Scheifele siegessicher. Auf die Frage, ob er denn eine Gegenofferte eines Konkurrenten erwarte, antwortete er erst kürzlich: ?Nicht wirklich.?Der Spitzenjurist hätte sich sonst wohl nicht auf das schwierige Unterfangen eingelassen. Die größte Bewährungsprobe für ihn steht an, wenn sein Coup gelingt. Mit sechs Mrd. Euro Umsatz ist Hanson nur wenig kleiner als Heidelberg Cement ? ein gewaltiger Brocken für ein mittelständisches Unternehmen. Scheifele wird seine Eigenschaften als Tempomacher wohl mehr denn je brauchen.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.05.2007