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?SAP veräppelt doch seine Kunden?

Von Dirk Heilmann
Der Amerikaner Marc Benioff mischt die Software-Branche auf. Sein Unternehmen Salesforce.com ist an der Börse notiert und vier Milliarden Dollar wert. Der Erfolg des Unternehmens liegt auch daran, dass Benioff sich selbst gut verkauft.
LONDON. Der Konferenzsaal im Millennium-Hotel im Londoner Stadtteil Kensington ist überfüllt, Dutzende von Gästen müssen stehen. Der Disco-Kracher ?Right here, right now? von Fatboy Slim hämmert aus den Boxen. Da kommt er endlich, der Mann, auf den sie alle warten: Marc Benioff aus San Francisco. Statt eines schwarzen T-Shirts wie noch bei seinem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor zweieinhalb Jahren trägt er heute ein Business-Outfit: dunkler Anzug mit hellem Hemd und Krawatte.Der Mann ist aber derselbe wie damals, eine imposante Erscheinung, groß und kräftig, mit ungebändigtem Haar, auch wenn es am Hinterkopf eine größere Lücke zu überkämmen gilt. Das Thema ist auch dasselbe geblieben: Installierte Software ist tot, internetgestütztem Service gehört die Zukunft. Doch heute hören viel mehr Leute zu, denn Benioffs Unternehmen Salesforce.com ist inzwischen an der Börse notiert und vier Milliarden Dollar wert.

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Ein paar Stunden und zahlreiche Kundengespräche später hat sich Benioff in einen Sessel in der Hotelbar sinken lassen. Mit der einen Hand knetet er einen Fuß, mit der anderen spielt er am Taschencomputer herum. Doch angriffslustig ist er auch jetzt. Das Stichwort SAP ist gefallen, und er hebt zu einer seiner Tiraden an. ?SAP veräppelt doch seine Kunden?, schimpft er. ?Welche Innovationen kommen denn von SAP? Es ist doch unglaublich, wie wenig sie getan haben. Ich hätte Angst an ihrer Stelle.? Angst vor Salesforce.com sollten sie wohl haben ? auch wenn Benioff dies so direkt nicht sagt.1996, damals gehörte er zur Führungsmannschaft des Oracle-Gründers Larry Ellison, kam ihm die Idee, mit der er heute die Branche aufmischt. ?Software on demand? ? Kunden müssen Computerprogramme nicht kaufen, sondern greifen im Internet darauf zu und können sie mieten. Das ist billiger. Die Kunden müssen sich nicht um Installation, Wartung und Datenpflege kümmern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Benioff die Zukunft der Softwarebranche sieht Drei Jahre später setzt Benioff seine Erleuchtung in die Tat um ? mit einem Programm zur Steuerung des Vertriebs, im Fachjargon Customer Relationship Management (CRM) genannt. Diese Programme verknüpfen den Handelsreisenden klassischer Art und die Möglichkeiten, die das Internet bietet. Nach sieben Jahren nutzen mehr als eine halbe Million Menschen Benioffs Produkt und bescheren ihm einen Jahresumsatz von bald einer halben Milliarde Dollar.Die Zukunft der Softwarebranche sieht Benioff so: ?Viele kleine neue Anbieter, viel Veränderung, viel Innovation.? Zunächst ein fragmentierter Markt, nach und nach würden aber die neuen Branchenführer sichtbar. So wie die Softwarehersteller der Großrechner-Ära verschwunden sind, so würden die heutigen Herrscher der Computerwelt wie Microsoft, SAP und Oracle bald hinweggespült.Nicht jeder Branchenexperte stimmt ihm zu. Eher eine Evolution als eine Revolution sieht Shomik Banerjee von der Beratungsfirma Frost & Sullivan kommen. ?Software on demand? sei erst einmal ein Thema für kleine und mittlere Firmen, sagt er. ?Große Unternehmen werden warten, bis Software on demand eine vergleichbare Reichweite, Funktionalität und Zuverlässigkeit bietet?, sagt Banerjee. Langfristig sei Benioff jedoch auf der richtigen Spur. ?Ich würde jederzeit Geld auf ihn setzen.?Benioffs Sendungsbewusstsein beschränkt sich keineswegs auf die Softwarebranche. Er hat eine Stiftung eingerichtet, die Jugendlichen und armen Menschen helfen will. Ein Prozent des Firmenkapitals, ein Prozent der Produkte und ein Prozent der Arbeitszeit der Salesforce-Angestellten stehen zur Verfügung. ?Compassionate Capitalism?, mitfühlenden Kapitalismus, nennt er das ? so lautete auch sein erstes Buch, das er 2004 in Davos vorstellte. Das zweite folgt bald und heißt ?The Business of Changing the World?. 24 Manager erzählen, wie sie Wirtschaft und Wohltätigkeit vereinen.Es steht jedoch nicht zu befürchten, dass Benioff, der schon als Schüler Computerspiele verkaufte und als Wirtschaftsstudent Liberty Software gründete, bald in philanthropische Sphären abhebt und sich nach Hawaii zurückzieht, wo er seinen Zweitwohnsitz hat. ?Ich bin vollkommen auf Salesforce konzentriert?, sagt der erst 42-jährige Chairman und Chief Executive Officer: ?Wir brauchen heute starke Unternehmensführer.?
Dieser Artikel ist erschienen am 19.09.2006