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?Ohne Spaß muss Arbeit doch die Hölle sein?

Walter Pellinghausen, Wirtschaftswoche
Der Gründer des schwedischen Möbelkonzerns Ikea, Ingvar Kamprad, kommt gleich nach Bill Gates und Warren Buffett: Das Forbes-Magazin führt ihn als drittreichsten Menschen der Welt auf. Im Interview sprach er über soziale Verantwortung, Unternehmertum, Erfolg ? und warum er mit 80 Jahren noch immer überall auf der Welt Ikea-Märkte besichtigt.
Ikea-Gründer Ingvar Kamprad: "Ohne Lust und Spaß muss Arbeit doch die Hölle sein." Foto: ap/ikea
Herr Kamprad, alle Welt rätselt, wie reich Sie eigentlich sind. Manche behaupten gar, Sie seien 2006 der reichste Mann der Welt gewesen. Verraten Sie es uns? Ich habe dem US-Verleger Steve Forbes einmal einen ausführlichen Brief geschrieben. Sein Magazin führt mich als drittreichsten Menschen der Welt, hinter Microsoft-Gründer Bill Gates und Finanzguru Warren Buffett. Das ist doch ehrenvoll.

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Der Wert der Aktiendepots dieser Herren lässt sich berechnen. Ikea aber ist unverkäuflich, gehört der Stiftung Ingka Foundation und nicht Ihnen persönlich. Ihre Familie besitzt aber die Lizenzgeberin Inter Ikea Systems und die Ikano-Gruppe, die sicher ein respektables Vermögen repräsentieren. Das nenne ich immer unsere Reserve für die Zukunft. Auch wir tun Gutes, reden aber nicht darüber. Wenn Gates und Buffett Lärm machen wollen, dann sollen sie das tun. Ich nicht.Sie meinen damit deren Milliardenstiftungen? Ja, ich sehe für uns als Unternehmer ursächlich den Auftrag, soziale Verantwortung zu übernehmen.Wie meinen Sie das? Wir werden in diesem Geschäftsjahr 10 000 neue Arbeitsplätze schaffen. Wir investieren zum Beispiel massiv in China, verbessern mit unseren Waren die Lebensqualität der dortigen Bevölkerung, ohne zu wissen, wann wir die ersten Gewinne realisieren werden. Das ist Unternehmertum. Es funktioniert aber nur, weil wir kein börsennotiertes Unternehmen sind und nicht unter dem Druck von Anlegern und Analysten solche schwer kalkulierbaren Risiken vermeiden müssen.
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Und das alles finanzieren Sie aus Ihrer "Reserve für die Zukunft"? Ja. Was wir gerade in China wagen, haben wir in den Neunzigerjahren in Russland gemacht. Das war mein Traum. Als ich mit meiner Frau im Auto von Moskau nach Jekaterinburg gefahren bin, habe ich viel Armut gesehen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Rubel rollt: Ikea profitiert vom russischen AufschwungJekaterinburg liegt östlich des Ural, fast 2 000 Kilometer entfernt von Moskau. Solche Strecken fahren Sie selber im Auto? Das kommt einem sogar noch weiter vor, bei diesen Straßen. Aber da sieht man auf dem Land, was der Bevölkerung fehlt. Wir haben uns zu Investitionen entschieden und sind auch 1998 nicht geflüchtet, als es in Russland eine große Wirtschaftskrise gab. Es gab Panik. Fast alle Investoren haben sich blitzartig über Nacht zurückgezogen. Wir haben beschlossen: Rückzug? Niemals, wir müssen kämpfen! Das hat viel gekostet. Aber die Russen werden uns das nie vergessen. Meine Frau hat eben erst unser drittes Shoppingcenter in Moskau und den zweiten Ikea-Markt in St. Petersburg eröffnet.Nun rollt der Rubel im wahrsten Wortsinn? Natürlich profitiert Ikea vom russischen Aufschwung. Ich sehe es allerdings wirklich als unsere soziale Mission, so viele Menschen wie möglich zu bedienen. Ob Sie es glauben oder nicht: Wenn wir ein neues Land erschließen, steht für mich die Frage, was gut für unser Gastgeberland sein kann, im Vordergrund.Ohne Gewinnabsicht? Auf längere Sicht sollte es auch für uns gut sein. Aber eben ohne jeden Zeitdruck.Und das funktioniert, weil Sie Milliardenreserven haben? Wir sind sparsam. Nehmen Sie den chinesischen Markt. Da können Sie Baugelände nur pachten, wobei die Pacht höher ist als der Kaufpreis für Grundstücke in der Schweiz. Entsprechend unkalkulierbar ist es, wann sich das Investment rentiert.Warum machen Sie keinen Bogen um solche Länder? Für mich ist diese Herausforderung reizvoller als die Markterschließung in Japan. Vielleicht, weil wir von jeher hart kämpfen mussten. Nachdem Ikea in Skandinavien erste Verkaufserfolge hatte, verabredete die Möbelindustrie einen Boykott gegen uns. Ich hatte schlaflose Nächte...Dann entdeckten Sie Polen als Produktionsort, was Ikea Vorwürfe eintrug, das damals kommunistische System zu fördern. Der polnische Außenminister besuchte Schweden und warb um Aufträge. Wir hatten Aufträge en masse, aber eben wegen des Boykotts der Möbelfabrikanten keine Auftragnehmer. Ich erinnerte mich daran, dass die Gebrüder Thonet ihre legendären Kaffeehausstühle in Polen fabriziert hatten. Also musste in Polen Wissen vorhanden sein für die Möbelherstellung.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Ich bin nicht als Verschwendungs-Athlet bekannt...?Und Sie haben sich entschlossen, in Polen zu ordern. Im Nachhinein sieht vieles einfach aus. In Wahrheit haben wir wochenlang auf eine erste Antwort des Handelsministeriums gewartet und dann in einem Hotel in Warschau gesessen. Die Bürokraten verweigerten uns das Visum, um die Möbelfabrik in Radomsko zu besichtigen. Erst als wir unsere Koffer gepackt hatten und wieder abreisen wollten, durften wir dann doch noch Warschau verlassen und 200 Kilometer entfernt das Werk inspizieren. Und dann hat uns die Möbelherstellung in Polen in der Tat geholfen, unsere Kunden trotz Boykott zu bedienen.Heute würde man das eine Win-win-Situation nennen, bei der beide Seiten gewinnen. Rückblickend betrachtet, ja. Ich darf aber gar nicht daran denken, wie zäh das anlief. Vielleicht ist ein anderes Beispiel plastischer. Gerade hat Ikea in der nordschwedischen Kleinstadt Haparanda mit nur 10 000 Einwohnern einen 24 000 Quadratmeter großen Markt eröffnet.In Ihrer Heimat Lappland. Zwischen Nordnorwegen und Russland lebt das Volk der Samen. Seit Jahrzehnten wandern die Jungen ab. Es war ein Traum von mir, dort Arbeitsplätze zu schaffen, die Jungen zum Bleiben zu animieren.Nicht eine verlorene Investition? Erbsenzähler werden das so sehen. Kurzfristig vielleicht, anderseits gibt es ein großes Umland um Haparanda. Aber das, was ich unsere soziale Verantwortung nenne, ist eben mein Hobby und gehört dazu.Persönlich, als Steuerzahler, entziehen Sie sich dieser sozialen Verantwortung aber. Das ist eines dieser Märchen. Für mich und meine Familie ist das doch unbedeutend. Ich bin nicht als Verschwendungs-Athlet bekannt......Sie gelten als außerordentlich sparsam, sollen Seniorenrabatte der Bahn in Anspruch nehmen und die Cumulus- Rabattkarte der Migros-Warenhauskette in der Schweiz bei sich tragen. Mit 80 bin ich doch eindeutig Senior! Und bei Migros kaufen wir ein, wir leben seit 30 Jahren im Kanton Waadt in der Schweiz. Glauben Sie mir: Ikea zahlt in jedem Gastland streng nach den Landesgesetzen Steuern. Aber jedes international ausgerichtete Unternehmen, das die Steuern nicht optimiert, hat im Wettbewerb keine Chance. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich in die Schweiz gekommen bin? Mit Steuern hatte das nichts zu tun.Womit dann? Ikea war Anfang der Siebzigerjahre schon recht erfolgreich in Skandinavien. Jan Aulin, mein damals bester Mitstreiter, und ich waren der Meinung, es vielleicht auch auf dem europäischen Kontinent zu probieren.Es sollte allerdings nur ein kleines Land sein. Ich bin nach Wien gereist, um den österreichischen Markt zu erkunden. Jan Aulin ging in die Schweiz.Wir waren unentschieden, bis Jan mich anrief und sagte, er habe da ein tolles Grundstück ganz in der Nähe von Zürich entdeckt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Der erste Ikea-Markt außerhalb SkandinaviensUnd dann haben Sie 1973 den ersten Ikea-Markt außerhalb Skandinaviens in Spreitenbach in der Schweiz eröffnet. Das hört sich heute so leicht an. In Wahrheit war es verdammt schwer, diese Investition zu stemmen. Es gab damals in Schweden eine extrem restriktive Geldpolitik. Wir brauchten 15 Millionen schwedische Kronen - umgerechnet etwas mehr als drei Millionen Euro. Die Reichsbank hat uns verboten, Geld zu exportieren. Unsere Hausbank, die Svenska Handelsbanken, war mit 20 Prozent an der Nordfinanz Bank in Zürich beteiligt.Die haben das dann finanziert? Die Handelsbanken durfte auch nicht. Der Chef der Nordfinanz wollte nicht. Da habe ich Arthur Wiederkehr in Zürich kennengelernt, einen Rechtsanwalt und Teilhaber der Bank. Und Wiederkehr hat den Durchbruch geschafft mit seiner Erklärung: Ich garantiere für Herrn Kamprad.Die Schweiz diente Ihnen tatsächlich als Sprungbrett nach Europa? Über die Schweizer Gesellschaften haben wir nach Deutschland, Österreich, in die Niederlande expandiert. Und da war es sinnvoll, selber vor Ort zu sein. Deshalb zogen meine Frau und unsere drei kleinen Söhne in die Schweiz.Ihre Kinder sind also in der Schweiz aufgewachsen? Sie sind inzwischen alle Bürger der Schweiz. Wobei Mathias, der Jüngste, bei der Einbürgerungsprüfung Kummer hatte: Er kannte ein Mineral aus dem Jura nicht.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Wer beerbt die Spitze?Es wird immer wieder spekuliert, wer Sie mal an der Spitze von Ikea beerben wird. Ich stehe schon lange nicht mehr an der Spitze, seit 20 Jahren nicht mehr. Die Aufgabe als Konzernchef ist eine harte Arbeit. Das hält man höchstens acht bis zehn Jahre aus. Deshalb glaube ich - oder sollte ich sagen, hoffe ich -, dass keiner meiner Söhne Konzernchef wird. Sie haben alle drei ihre Aufgaben innerhalb der Ikea-Gruppe. Sie wechseln sich alle drei Jahre im Vorsitz der Geschäftsführung bei Ikano ab. Erst war Peter, der Älteste, dort, dann Mathias, der Jüngste. Und jetzt ist im Rahmen der Drei-Jahres-Rotation Jonas Vorsitzender.Also wird keiner der drei Konzernchef? Wir diskutieren oft darüber. Ich bin davon überzeugt, dass es nicht gesund wäre, wenn meine Söhne dasselbe machten wie ich. Sie haben doch schöne Aufgaben innerhalb der Ikea-Familie. Jonas hat Architektur studiert und die beste Kunstfachschule besucht. Er kümmert sich um Design und Weiterentwicklung der Produkte. Mathias war in Großbritannien und leitet jetzt die Landesgesellschaft in Dänemark. Peter überwacht die Finanzen.Ihr erstgeborener Sohn Peter gehört auch dem Aufsichtsrat der Ingka Holding an. Bei dieser Dachgesellschaft hat Ihr Schwager Hans-Göran Stennert den Vorsitz. Sie werden bei der Ingka Holding bescheiden geführt als "Senior Advisor"??wenn mein Rat gefragt ist. Aber glauben Sie mir: Ich werde manchmal auch überstimmt und akzeptiere das. Ich bin unzufrieden mit der Entwicklung von Habitat. Diese Filialkette verkauft, höherpreisig als Ikea, Einrichtungsgegenstände und Accessoires in England, Frankreich und Deutschland. Sie entwickelt sich aber nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte, als wir sie 1992 übernahmen. Meine Söhne sind anderer Meinung als ich. Also bemühen wir uns weiter um Habitat.Lesen Sie weiter auf Seite 6: Warum der Stress mit 80 Jahren?Weshalb tun Sie sich den Stress noch an mit 80 Jahren? Es ist positiver Stress. An 25 bis 30 Tagen des Jahres besichtige ich einen Ikea-Markt irgendwo auf der Welt. Das macht unverändert Spaß. Und Arbeit soll auch allen Mitarbeitern Spaß bereiten. Ein Drittel des Lebens ist Arbeit. Ohne Lust und Spaß muss Arbeit doch die Hölle sein.Sie müssen doch aber nicht schon morgens um sechs Uhr an der Rampe stehen? Doch, denn dann geht es los. Die Lkw-Fahrer sollen Ikea gerne anfahren und die Ware pünktlich und unbeschädigt anliefern. Also erkundige ich mich bei ihnen, was aus ihrer Sicht besser sein könnte. Wir bieten den Fahrern ein Frühstück an und eine Dusche, wenn sie wollen.Danach ziehen Sie durch den Ikea-Markt? Ich gebe weiter, was ich an einem anderen Ort positiv aufgenommen habe. Wenn die Sofas zum Beispiel bei Ikea in Toronto für mein Gefühl gefälliger präsentiert werden, erzähle ich das den Mitarbeitern in Spreitenbach in der Schweiz.Sie legen besonderen Wert darauf, dass auch die leitenden Angestellten regelmäßig Kontakt mit den Kunden haben.Wir nennen das Antibürokratie- oder auch Frontwoche. Jeder, auch der jeweilige Landeschef, muss eine Woche pro Jahr an der Front im direkten Kontakt mit unseren Kunden arbeiten.Zu Ihren Inspektionen reisen Sie immer noch mit Billigtickets an? Warum denn nicht? In Deutschland sollte ich einmal als Unternehmer des Jahres ausgezeichnet werden. Ich bin in Düsseldorf, wie gewohnt, mit dem Flughafenbus zur Festhalle gefahren. Die Sicherheitsleute wollten mich gar nicht hineinlassen. Der Wirtschaftsminister kam mit Eskorte.Mit Ihrer Sparsamkeit sind Sie kein Traumkunde für einen Einzelhändler wie Ikea. Ikea fördert Sparsamkeit sogar. Wenn wir Garantien von bis zu 25 Jahren für Ikea-Produkte gewähren, müssen wir damit rechnen, dass der Käufer eben erst in einem Vierteljahrhundert Ersatz braucht.Und die Möbel von Ikea halten so lang? Ich habe meinen Schreibtischstuhl seit 32 Jahren. Meine Frau meint zwar, ich solle einen neuen anschaffen, weil der Stoff inzwischen verschmutzt sei. Aber der Stuhl ist technisch wie neu.Welches Modell soll das sein? Der Schwingsessel Poäng, entworfen vom japanischen Designer Noboru Nakamura und inzwischen wohl von jedem Konkurrenten kopiert.Lesen Sie weiter auf Seite 7: Auch privat mit Ikea eingerichtetIst Ihr privates Haus komplett mit Ikea-Möbeln eingerichtet? Nein, nein, nicht ganz. Ich habe von Mutterseite her einen alten Stuhl und eine wunderschöne Standuhr. Ansonsten sind natürlich alle Möbel von Ikea.
Quiz/Umfrage Ikea-Quiz: Sind Sie ein wahrer Fan? Testen Sie Ihr Wissen über Billy und Konsorten!
Wollen Sie die nicht lieber genießen, statt Ihre Gesundheit auf anstrengenden Fernreisen zu strapazieren? Vor Jahren sollen Sie ja schon einmal schwer krank gewesen sein. Richtig. Obwohl im Kantonsspital in Lausanne eine Operation für notwendig erachtet wurde, wollte sie der zuständige Arzt nicht durchführen. Mit 75 Jahren sei ich zu alt, und mit der Krankheit könne ein alter Mann noch lange leben. Ich habe dem Arzt aber klargemacht, dass ich 75 Jahre jung sei und unbedingt operiert werden wolle. Heute bin ich wieder gesund.
Kamprad, 80, wurde als Sohn einer deutschstämmigen Bauernfamilie in Schweden geboren. 1943 gründete er im Alter von 17 Jahren den heute weltweit bekannten Ikea-Konzern, dessen Name sich aus den Initialen seines Namens sowie den Anfangsbuchstaben des elterlichen Hofes Elmtaryd und seines Heimatdorfes Agunnaryd zusammensetzt. Kamprad lebt seit den Siebzigerjahren in Lausanne am Genfe See in der Schweiz und gilt als unkonventionell. Er bekannte sich öffentlich zu seiner Lese- und Schreibschwäche, seinem Kampf gegen den ?Dämon Alkohol? sowie zu seinem Hang zu Geiz und Schnäppchenjagen. Sein Vermögen ist auf schwer durchschaubare Trusts und Holdings verteilt.Die Fragen stellte Walter Pellinghausen, WirtschaftswocheQuelle: Wirtschaftswoche
Dieser Artikel ist erschienen am 15.01.2007