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?Noch ist alles offen?

Von Ingo Reich
Die Oetker-Tochter Rosely Schweizer sucht einen Nachfolger für Unternehmenschef August Oetker. Zwei Jahre hat sie dafür Zeit.
August Oetker will noch bis 2011 das operative Geschäft leiten.
MURRHARDT. Es traf sie unerwartet, als die Unternehmerin Rosely Schweizer über Nacht zu einer der wirtschaftlich einflussreichsten Frauen in Deutschland aufstieg: Nach dem Tod des Firmenpatriarchen Rudolf-August Oetker im Januar dieses Jahres trug der Beirat der Bielefelder Oetker-Gruppe ihr den Vorsitz an. Rosely Schweizer, älteste Tochter des Patriarchen und in der Öffentlichkeit kaum bekannt, nahm das Angebot an.Damit hat die 67-Jährige entscheidenden Einfluss auf das weitverzweigte Firmenimperium, das neben dem traditionsreichen Lebensmittelhersteller auch noch eine Privatbank, die Groß-Reederei Hamburg-Süd sowie Radeberger, die größte deutsche Braugruppe, und zahlreiche Luxushotels umfasst. Rund 22 000 Mitarbeiter erwirtschafteten zuletzt einen Jahresumsatz von 7,1 Mrd. Euro.

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Eine der wichtigsten Aufgaben in ihrer Amtszeit dürfte es sein, einen Nachfolger für Konzernchef August Oetker zu finden, der in rund zwei Jahren die firmeninterne Altersgrenze an seinem 65. Geburtstag erreichen wird. Die Suche wird wohl nicht ganz einfach werden ? viel Fingerspitzengefühl ist gefragt.?Es ist noch alles offen?, sagt Rosely Schweizer. Ihr Bruder August halte sich aber bereit, die neue Führung, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Kreis der Nachkommen aus der dritten Ehe ihres Vaters stammen wird, noch zwei weitere Jahre zu unterstützen. ?Das hat er unserem Vater versprochen?, sagt sie.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Immer als Bindeglied zwischen Wirtschaft und Politik gewirkt? Die Erfahrungen, die Rosely Schweizer in ihrem bisherigen Arbeitsleben gesammelt hat, dürften ihr auch bei ihrer neuen Aufgabe zugute kommen. Die Volkswirtin, die sich ab dem laufenden Jahr eigentlich vorrangig ihren fünf Enkeltöchtern widmen wollte, hat ihrer baden-württembergischen Wahlheimat als einflussreiche Landespolitikerin bis vor kurzem noch ihren Stempel aufgedrückt. ?Dabei hat sie immer als Bindeglied zwischen Wirtschaft und Politik gewirkt, was keine einfache Aufgabe war?, berichtet Bundestagsabgeordneter Michael Hennrich, der bis 2003 Geschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrats im ?Ländle? war.Hennrich lobt vor allem Frau Schweizers diplomatische Fähigkeiten, wenn es um die Zusammenführung unterschiedlicher Standpunkte ging. Erst im letzten Jahr beendete sie ihre Tätigkeit als christdemokratische Gemeinderätin an ihrem schwäbischen Wohnort Murrhardt, wo sie in dem kommunalen Entscheidungsgremium bereits seit 1984 mit Sitz und Stimme vertreten war.Doch der öffentliche Auftritt war nicht immer die Paraderolle der 1940 in Hamburg geborenen Oetker-Tochter. Schon ein Jahr nach ihrer Geburt trennen sich die Eltern Rudolf-August und Marlene Oetker. Während Vater wie Mutter schnell wieder neue Ehepartner finden, führt Rosely das Leben eines Scheidungskindes: Weihnachten wird wechselweise an den verschiedenen Wohnorten der Familien im österreichischen Innsbruck oder dem Oetker-Sitz in Bielefeld gefeiert, auch die Ferien verbringt sie abwechselnd mit den zahlreichen Halbgeschwistern aus dem Hause Max-Josef Halhuber, des neuen Gatten ihrer Mutter, oder den vier Oetker-Kindern aus der zweiten Ehe ihres Vaters.Besondere Zuneigung entwickelt Rosely zu ihrem ältesten Halbbruder August, der, 1944 geboren, später die Konzernleitung übernehmen wird. Nach der zweiten Scheidung des Vaters reicht in dem zeitweise frauenlosen Haushalt in Bielefeld manches Kindermädchen verzweifelt die Kündigung ein, und die älteste Tochter muss auch noch ein gerüttelt Maß an Verantwortung für ihre Halbgeschwister übernehmen.Es entsteht eine der ersten ?Patchwork-Familien? der Republik, ohne dass dieser Begriff im Wirtschaftswunderland des Nachkriegsdeutschlands schon Usus wäre. ?So kam ich zu insgesamt zwölf Geschwistern?, berichtet Rosely Schweizer mit ungetrübtem Stolz in der Stimme und deutet auf die Bildergalerie in ihrem Wohnzimmer. Selbst eine verbreiterte Fensterbank kann die etwa 80 Porträts, die nur die ?nähere? Verwandtschaft darstellen, kaum fassen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die ersten ernsthaften HerausforderungenHoch im Norden, im schleswig-holsteinischen Rendsburg, lebte seinerzeit ihre Großmutter Käte Ahlmann, eine Unternehmerwitwe, die sich nach dem frühen Tode ihres Mannes in dessen Eisengießerei das Heft nicht aus der Hand nehmen ließ. Unbeirrt und erfolgreich bestimmte sie den Kurs des Unternehmens mit zeitweise rund 2500 Mitarbeitern.In Rendsburg geht Rosely Ende der 50er-Jahre zur Schule und wird zur engsten Vertrauten ihrer Großmutter. Doch neben einer großen Portion Zuneigung erwarten Rosely dort auch die ersten ernsthaften Herausforderungen. So muss das schüchterne, hochaufgeschossene 17-jährige Mädchen häufig bei Tisch mit wohlgesetzten Worten die zahlreich geladenen Geschäftspartner der ?Carlshütte? begrüßen. ?Ich habe das gehasst?, sagt Rosely Schweizer, ?aber es war eine gute Schule.?Während ihres Wirtschaftsstudiums in Innsbruck lernt die Fabrikantentochter den Firmenerben Folkart Schweizer kennen. Da dessen Entschluss bereits feststeht, den elterlichen Betrieb, einen Automobilzulieferer im Rems-Murr-Kreis, fortzuführen, folgt Rosely Schweizer nach der Heirat ihrem Gatten in die schwäbische Provinz.Doch schon während ihre insgesamt drei Kinder noch zur Grundschule gehen, packt die vielseitig interessierte junge Ehefrau der Unternehmungsdrang. Sie gründet in einem Nachbarort eine Reinigung, die sie in Teilzeitarbeit führt. Das veranlasst ihren Vater in dem weit entfernten Bielefeld zu dem entsetzten Ausruf: ?Aber Rosely, wir produzieren doch Back- und kein Waschpulver.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: 2011 will sie sich einer besonderen Aufgabe widmenMit dem verstorbenen Rudolf-August Oetker verband die Tochter, trotz der überlieferten zahlreichen Neckereien des Vaters, ein lebenslang unzertrennliches Band.Eine für den Oetker-Konzern wichtige Aufgabe erhielt die Tochter dann im Beirat der Sektkellerei Henkell & Söhnlein, die sie bis heute gerne ausfüllt. In der Anfangszeit ging sie sogar während der Messezeit mit ?auf Tour? und führte zeitweise das Auftragsbuch. Dies brachte ihr den Respekt und die Beliebtheit bei der Henkell-Belegschaft ein.Doch auch die Mitgliedschaft in dem Beirat der Oetker-Holding, dem der Patriarch bis zu seinem Tode vorstand, traute der Senior seiner Ältesten zu. Erst im Jahr 2011 wird August Oetker das operative Geschäft endgültig verlassen und seine Schwester an der Spitze des Aufsichtsgremiums ablösen. Dann will sie sich gemeinsam mit ihrem Mann einer besonderen Aufgabe widmen: nur noch Großeltern zu sein.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Vita von Rosely OetkerVita von Rosely Oetker 1940 wird sie am 16. Juli als Tochter von Rudolf-August Oetker und Marlene Oetker in Hamburg geboren.1964 beschließt sie ihr Studium als Volkswirtin und heiratet den Firmenerben Folkart Schweizer.1984 wird sie CDU-Gemeinderätin in Murrhardt. Später auch Mitglied des Landtages.1986 wird Rosely Schweizer Beiratsvorsitzende bei Henkell & Söhnlein.2007 wird sie Chefin des Beirats der Oetker-Gruppe.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.09.2007