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?Mode ist Krieg?

Die Fragen stellten Tanja Kewes und Christoph Schlautmann
Paradiesvogel und gefeierter Designer: Im Handelsblatt-Interview spricht Modedesigner Wolfgang Joop über seine Modemarke Wunderkind, Investitionen und den brutalen Kampf um die Kundschaft. Er erklärt, wie schwierig die Existenzgründung in Deutschland ist und was das Modegeschäft wirklich ausmacht.
Herr Joop, Sie haben mit Hans-Joachim und Gisa Sander neue Investoren für Ihre Modemarke Wunderkind gewonnen. Bisher waren Sie und Ihr Partner Edwin Lemberg alleinige Gesellschafter. Haben Sie keine Angst, dass Sie wie zuletzt bei Joop! bald nicht mehr Herr im eigenen Hause sind?Joop: Nein, Joachim Sander ist Deutschlands größter Kunsthändler und -sammler, und keiner versteht mehr von Kunstmarketing. Unsere Mode wird aus einem ähnlichen Motiv gekauft wie Kunst. Unsere Kunden kaufen ein Kleid mit einem Anspruch auf Einzigartigkeit. Von daher hätten wir keine besseren Partner als die Sanders finden können.

Die besten Jobs von allen

Die Sanders halten 50 Prozent und sind voll stimmberechtigt ...Wir haben absichtlich diese wirkliche Partnersituation angestrebt, um eine konstruktive Auseinandersetzung eingehen zu können. Wunderkind ist unser gemeinsames Kind. Und im Rückblick auf früher möchte ich nur sagen: Die damaligen Investoren haben einfach nicht dem Potenzial vertraut, das von einer kreativen Natur wie mir ausgeht.Wie viel Geld haben die Sanders investiert?Eine Zahl sage ich Ihnen nicht. Aber wenn man im Modemarkt penetrieren will, dann brauchen sie heute so wahnsinnig viel mehr Geld als früher. Deshalb ist zum Beispiel ein Karl Lagerfeld klug genug gewesen, sein Talent potenten Partnern anzuvertrauen. Auch eine Jil Sander macht es höchstwahrscheinlich selbst nicht noch einmal und ein Helmut Lang auch nicht. Die Modewelt ist keine schöne Welt. Mode ist Krieg.Und wir dachten Kunst.Es geht nur um Verdrängung. Es ist ein Kampf um diese superreiche, langbeinige, schmerzfreie Frau, der die Stilettos nicht wehtun, die Handtasche nicht zu teuer ist, die die Größe 34 hat oder noch besser 32 ? und die es eigentlich gar nicht gibt. Und um da dauerhaft mithalten zu können und es nicht aussehen zu lassen wie die Laune eines exzentrischen, verletzten Künstlers, brauchen sie finanzielle Mittel, die permanent und üppig fließen. Und nicht nur das. Sie brauchen auch emotionale Unterstützung.Inwiefern?Wenn man wie ich der kreative Kopf und der Hauptfinanzier eines Unternehmens ist, hat man eine sehr schizophrene Situation. Ich muss bedenkenlos arbeiten können wie ein Künstler, wie ein Kind, ein Wunderkind eben. Ein Beispiel: Für einen Rock der aktuellen Kollektion brauche ich sechs Meter Stoff. Es sind lange, weite Röcke und dazu noch schräg geschnitten. Und wenn ich dann anfange, darüber nachzudenken, wie viel noch im Portemonnaie ist, dann behindert mich das in meiner Kreativität. Und natürlich will ich auch, dass das Unternehmen berechenbar und rechenbar ist und profitabel, denn sonst sieht es eben aus wie ein exzentrisches Hobby.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Wir haben in der letzten Saison schon eine Nullnummer produziert, die ich dann zurückgezogen und in der Firma verschenkt habe?.Noch aber ist Wunderkind Liebhaberei. Oder verdienen Sie Geld?Wir rudern stromaufwärts.Also was ist Wunderkind? Kunst oder Kommerz?Es ist eine Gratwanderung. Mit der Investition der Sanders wird die Kernmarke stabilisiert. Das heißt, wir bleiben bei der Damenmode und Kosmetik und machen vorerst keine Herrenmode ? auch wenn ich das wirklich zu gerne schon aus privatem Interesse tun würde. Auch Lizenzen für Duft und Schuhe wird es vorerst von Wunderkind nicht geben. Wir haben alle Angebote abgelehnt.Und was ist mit Taschen ? dem margenträchtigsten Accessoire im Luxusmodegeschäft?Wir haben in der letzten Saison schon eine Nullnummer produziert, die ich dann zurückgezogen und in der Firma verschenkt habe. Die Kollektion sah einfach zu beliebig aus. Das Thema Accessoires bleibt bei Wunderkind aber auf der Agenda.Kurbeln Sie mit dem frischen Kapital nun auch den Vertrieb an?Wichtigster Schritt ist die Eröffnung eigener Läden in London und Mailand. In Berlin haben wir uns gerade am Gendarmenmarkt niedergelassen.Wie viel Geld haben Sie selbst schon investiert?Die Investition, die ich getätigt habe, ist unbeschreiblich gering ? jedenfalls verglichen mit den Budgets anderer Modemarken. Für die nationale und internationale Etablierung von Wunderkind haben wir zudem nicht einmal drei Jahre gebraucht.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Wunderkind ist Wunderkind und nicht Wolfgang Joop und schon gar nicht Joop!. Basta.?Was auch an Ihrem Namen und Ihrer Popularität liegen dürfte.Da muss ich Ihnen massiv widersprechen. Das Einzige, was Wunderkind bis jetzt behindert, ist Joop!. Unser Kunde möchte keine Nähe zu der Marke Joop!, gar keine Nähe. Und deshalb taucht mein Name auch weder im Logo noch im Namen, noch auf Einladungen zu Modeschauen auf. Wunderkind soll von dem Designerdrama verschont bleiben. Was war und was ist das für ein Drama um Helmut Lang und Jil Sander! Kommen sie wieder? Gehen sie endgültig? Wo sind sie? Eine Marke ist eine Marke. Wunderkind ist Wunderkind und nicht Wolfgang Joop und schon gar nicht Joop!. Basta. Und ganz abgesehen davon. Nach Joop! hatte ich überhaupt keine Glaubwürdigkeit mehr als Damenmodedesigner. Die hatte ich durch die Übermacht der Jeans und Parfums bei Joop! verloren.Nervt es Sie nicht, dass Sie mit Ihrem Namen nach wie vor für Joop! werben?Nein, ich habe da keine Berührungsängste. Sehen Sie, meine Schuhe oder auch diese Kaffeetasse (hebt beide hoch) sind von Joop! Oder ein anderes Beispiel: Ich versuche auch, mit meiner Ex-Frau befreundet zu sein. Grundsätzlich halte ich es für eine Unart, sich im Leben umzudrehen und Vergangenes zu ignorieren oder schlecht zu reden.Warum haben Sie Wunderkind gegründet?Nach dem Verkauf von Joop! habe ich vieles gemacht: zwei Bücher geschrieben, zwei Filme gedreht und, und, und. Zur Rettung meines Selbstwertgefühls musste ich aber wieder an die Stelle zurück, wo es wehgetan hat, und das war und ist nun einmal die Mode.Wie weh tut es Ihnen, damit erneut in Deutschland zu starten?Wir kannten den Markt für hochwertigste Damenmode überhaupt nicht, und der Standort Deutschland war mir vollkommen fremd geworden. In New York ist es vom Atelier nach China Town, wo sie Muster nähen, eine Taxifahrt.Und was gibt es denn hier noch? Als ich in den 70er-Jahren meine Karriere begonnen hatte, gab es noch Stoff- und Knopffirmen, die ganze Ortschaften beschäftigten. Es ist ja von unserer wunderschönen Wirtschaftspolitik das Handwerk zerstört, zerschlagen, verkloppt worden. Dafür kriegen wir subventionierte Steinkohle noch weitere zehn Jahre aus dem Ruhrgebiet. Da freuen wir uns doch!Lesen Sie weiter auf Seite 4: ?Präsentationsschauen in New York oder Paris kosten etwa so viel wie ein nicht-subventionierter deutscher Spielfilm, die ihre Geschichte allerdings in weniger als 15 Minuten erzählen müssen.?Die meisten Sammler verkaufen irgendwann ihre Stücke, um noch schönere kaufen zu können. Wie halten Sie es mit Wunderkind?Herr Sander und ich behalten unsere Sachen.Geld dürften Sie ja genug haben. Der Verkauf der Marke Joop! hat Ihnen nach unseren Berechnungen 80 Millionen Euro gebracht.Die Beute wurde unter Partnern aufgeteilt, und was mir blieb, habe ich unter anderem in Firmenimmobilien in Potsdam investiert. Nach aufwendiger Restaurierung habe ich sie mit circa dreißig Mitarbeitern besetzt. Dazu kommen Ausgaben für Entwicklungen, Produktionsvorauszahlungen etc. Präsentationsschauen in New York oder Paris kosten etwa so viel wie ein nicht-subventionierter deutscher Spielfilm, die ihre Geschichte allerdings in weniger als 15 Minuten erzählen müssen. Von dem deutschen Steuer-Mosaik, mit dem jeder Pionier hier zugekachelt wird, will ich jetzt nicht reden.Eine Kollektion für Hennes & Mauritz, wie sie Karl Lagerfeld geliefert hat, wäre für Sie tabu?Ich würde solche Dinge nicht ausschließen. Wenn ich ein Mädchen sehe, das gut aussieht, hat sie immer Zara an oder Mango. Das machen die fabelhaft. Ich glaube nicht, dass ich das besser machen könnte. Wenn ich einen Sinn darin sehen würde, etwas Konsumorientierteres zu machen, dann würde ich aus meinem Fundus die Basics herausziehen.Wie sähe das konkret aus?Ich würde verlangen, dass wir eine permanente Zusammenarbeit vereinbaren, keine saisonale. Diese PR-Maschinerie würde ich nicht bedienen, und es müsste nach meiner Marketing-Direktive laufen.Lesen Sie weiter auf Seite 5: ?Es ist wahr: Wenn ich mir den Hals breche, ist kein Nachfolger da, und unter drei Jahren Zusammenarbeit werde ich ihn wohl nicht bekommen.?Sie hatten also ein Angebot?Ja ich hatte gerade eines. Nicht von H&M, sondern von dem deutschen Traditionshaus Karstadt für eine In-house-Kollektion unter meiner kreativen Leitung. Gleichzeitig bat mich ein europäischer Lizenznehmer einer großen amerikanischen Sportswear-Marke um Image- und Sortimentmitgestaltung. Mein persönliches Zeit-Budget ist allerdings bereits so ausgeschöpft, dass schon Berlin-Besuche kaum noch in den Terminkalender passen.Die Marke Wunderkind ist eng verbunden mit Wolfgang Joop, der in diesem Jahr 63 wird. Denken Sie an einen Nachfolger?Noch mache ich alle Entwürfe selbst. Es ist wahr: Wenn ich mir den Hals breche, ist kein Nachfolger da, und unter drei Jahren Zusammenarbeit werde ich ihn wohl nicht bekommen. Kreativen Nachwuchs habe ich allerdings in der eigenen Familie. Auch bei meiner Enkeltochter mischt sich Bodenständigkeit und Gestaltungswille. Die guten Gene des preußischen Bauerngeschlechts eben ?Sie haben mit ?Im Wolfspelz" einen Roman geschrieben, im Satirefilm ?Suck my Dick" mitgespielt und in Potsdam ein Feinschmeckerrestaurant eröffnet. Was kommt als Nächstes?Die Schauspielerei reizt mich nach wie vor. Aber ich werde immer nur typbesetzt, also als Modedesigner angefragt. Ich würde gerne mal einen Massenmörder spielen. Denn nur negative Charaktere sind interessant. Im Ernst: Mein Buch ?Im Wolfspelz? soll in Los Angeles verfilmt werden. Aber derzeit hat meine Kollektion absolute Priorität.
Paradiesvogel aus PotsdamDer Designer: Wolfgang Joop ist neben Karl Lagerfeld und Jil Sander einer der wichtigsten deutschen Modedesigner der vergangenen drei Jahrzehnte. 1944 in Potsdam geboren, studierte er zunächst Werbepsychologie und Kunsterziehung, bevor er sich der Mode zuwandte. Unter dem Markenzeichen Joop! präsentierte er 1982 seine erste Damenkollektion ? und überzeugte international als ?Prussian (Preußischer) Designer?. Die Marke zeigte schnell Potenzial: 1985 folgte die Herrenkollektion, 1987 Parfüm, dannKosmetik, schließlich Schuhe und Schmuck. Nach einem Streit über die weitere Internationalisierung der Marke stieg Joop 2001 aus. Die Marke Joop! ging an ein Konsortium früherer Lizenznehmer.Die Marke: Mit Gründung der Marke Wunderkind wagte Joop 2003 einen Neuanfang und kehrte zu seinen Wurzeln ? der Damenmode und seiner Geburtsstadt ? zurück. Firmensitz sind zwei Villen in Potsdam. Wunderkind gehört zur absoluten Avantgarde der deutschen Mode. Die Branche, die 2006 rund zwölf Mrd. Euro umsetzte, wird von internationalen Konzernen wie Hugo Boss, Escada, Gerry Weber und Ahlers dominiert. Seine Kollektionen zeigte Joop in den vergangenen Jahren in New York und vor wenigen Wochen das erste Mal auf der Prêt-à-porter in Paris. Neben einem Flagship-Store am Berliner Gendarmenmarkt gibt es weltweit 17 weitere Verkaufspunkte ? von Hamburg bis Seoul.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.03.2007