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?Mit dem Kopf voran ins Getümmel?

Von Marc Thylmann, Handelsblatt
Allein unter Männern: Katja Kraus ist die einzige Frau im Vorstand eines Fußballbundesligaclubs. Sie soll den HSV zu einer Marke machen.
HAMBURG. Freitag Abend ist es wieder so weit. Die Bayern-Bosse kommen nach Hamburg. Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Karl Hopfner speisen mit ihren Kollegen vom HSV Bernd Hoffmann, Dietmar Beiersdorfer, Christian Reichert, Bernd Wehmeyer und Katja Kraus. So machen sie es immer, wenn die Mannschaften aufeinander treffen. Vielleicht wetten sie ja, ob dem Hamburger SV am Samstag der erste Heimsieg seit dem 11. Februar 1996 gegen den FC Bayern München gelingt.Wie so oft wird Katja Kraus dann die einzige Frau im Herren-Club sein. Nicht nur da. Die 33-Jährige ist als Verantwortliche für Marketing und Kommunikation die einzige Frau im Vorstand eines Vereins der Herren-Fußballbundesliga. Sie steuert einen Bereich mit über 20 Millionen Euro Umsatz, zu dem auch Fanartikel und Sponsoring gehören.

Die besten Jobs von allen

Einen Fußball-Job als Erste zu übernehmen, scheint die Konstante im Berufsleben der ehemaligen Nationaltorhüterin zu sein. Es fällt nicht leicht, sie sich in einem Torwart-Trikot mit dicken gepolsterten Schultern und Ellenbogen vorzustellen. Kraus, die zum Gespräch im dunklen Hosenanzug kommt, scheint eher fragil denn stabil, atypisch für Torhüter.Dennoch: ?Ich habe mich früher immer mit dem Kopf voran ins Getümmel gestürzt?, erinnert sie sich. Herausragendes Talent fürs Tor habe sie nicht gehabt, ?aber immer einen starken Willen?. Mittlerweile tritt sie selten gegen den Ball. Dafür läuft sie rund zehn Kilometer täglich, ihre Marathon-Bestzeit steht bei 4:04 Stunden. Bei Freundschaftsspielen mit Journalisten spielt sie ? meist auf dem Feld ? locker mit. ?Sie hat ein sehr gutes Auge?, lobt ein Redakteur, der früher Oberliga spielte.Die gebürtige Frankfurterin lächelt, als sie auf das Thema ?Allein unter Männern? angesprochen wird: ?Ich dachte schon fast, die Frage kommt nicht mehr.? Ja, sie fühle sich in den Vereins- und Verbandsgremien gut aufgenommen: Schließlich sei sie schon länger in diesem Geschäft tätig und habe eine eigene sportliche Laufbahn. Zudem werde das Thema Kommunikation in anderen Branchen häufig von Frauen besetzt. Und ja, über Männer auf einem vergleichbaren Posten werde weniger berichtet. ?Vielleicht sind die Ausschläge in der Wahrnehmung meiner Arbeit größer, im Positiven wie im Negativen.?Negativ war der vergangene Oktober: Damals sorgte der HSV für einen PR-Gau. Nach dem Fehlstart in die Saison gab Vorstandsmitglied Beiersdorfer dem Trainer Kurt Jara öffentlich eine Job-Garantie. Schon vier Tage später wurde Klaus Toppmöller verpflichtet. Kraus war bewusst, dass dieser Seitenwechsel nicht gut ankommen würde: ?Doch bei manchen Entscheidungsprozessen stehen Kommunikationsaspekte nicht im Vordergrund.?Nicht leicht zu akzeptieren für jemanden, der im PR-Leben oft wie ein Torwart agiert: Der im Zweifel die Abwehr dicht hält und das Toreschießen lieber anderen überlässt. In einer Branche der Dampfplauderer überlegt Kraus lieber einmal zu viel bei ihren kurzen Antworten. Kein idealer Partner für die Hamburger Boulevardblätter auf ihrer Suche nach exklusiven Geschichten.Wie wichtig persönliche Kontakte zu Medien sind, hatte die studierte Politologin und Germanistin als erste hauptamtliche Pressesprecherin beim Skandalverein Eintracht Frankfurt schmerzhaft erfahren. Mit 26 Jahren übernahm sie den damals wohl härtesten Job der Branche. Da wussten die Schreiber schon mal vor ihr, dass der Trainer fliegt, erzählt ein Frankfurter Sportjournalist. ?Doch sie war immer total loyal zu ihrem Verein, hat niemals schlecht über ihren Arbeitgeber geredet?, fügt er hinzu.Kraus ging nicht mit Frankfurt unter. Ihr wurde der Job als Pressesprecherin von Ufa Sports angeboten. Denn die Vermarktungsagentur, später Teil von Sportfive, konnte eine erprobte und charmante Krisen-PR-Frau gut gebrauchen: Der HSV-Vermarkter hatte Schauspieler angeheuert, um auf einer Mitgliederversammlung Stimmung gegen den damaligen Club-Präsidenten Werner Hackmann zu machen. Da waren ihre ?ausgeprägte Sachkenntnis und ihr großes Kommunikationstalent? gefragt, die ihr Robert Müller von Vultejus, Deutschland-Chef der Sportagentur, bescheinigt.Ihre Talente weiß auch HSV-Vorstandschef Hoffmann, früher schon ihr Boss bei Sportfive, zu würdigen, der sich mit ihr gut versteht. ?Zwischen uns passt kein Blatt Papier?, sagte er der Frankfurter Rundschau. Dabei sind beide so verschieden. Einerseits der erfrischend hemdsärmelige Hoffmann, andererseits Kraus, die eine im Geschäftsleben übliche Zurückhaltung pflegt. Sie soll aus dem einstigen Vorzeige-Club eine Marke machen. Nach einer Sportfive-Studie unter Fußball-Interessierten liegt der HSV beim Bekanntheitsgrad nur auf Rang elf der Bundesliga-Clubs, knapp vor Hansa Rostock.Ihr Konzept: Sie will den Club und die Stadt enger miteinander verzahnen. ?Die Verbindung HSV gleich Hamburg ist die große Klammer für alle Aktivitäten?, sagt Kraus. So ließ sie T-Shirts entwerfen mit dem Stadtwappen und dem HSV-Symbol, der Raute. Im Februar eröffnete das HSV-Museum im Stadion, wo jetzt auch die Profis trainieren, die vorher außerhalb der Stadt ihre Übungen absolvierten. Sie gewann Radio Hamburg als Kooperationspartner sowie Schauspieler Marek Erhardt und Künstler Lotto King Karl, beides lokale Größen und HSV-Fans, als Stadionsprecher. Und Trikotsponsor Adig-Investment hat trotz der schlechten vergangenen Saison seinen Vertrag bis 2007 verlängert.Doch Katja Kraus kann wirbeln, wie sie will: Ihr Konzept geht nur auf, wenn der HSV sportlich ebenfalls zulegt. Etwa mit einem Sieg morgen über Bayern München. Auch wenn Rummenigge und Hoeneß dies sauer aufstoßen würde.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.08.2004