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?Meine Vision ist gescheitert worden?

Von Mark C. Schneider und Martin-W. Buchenau
Still ist es geworden um den einstigen Vorzeigevisionär Edzard Reuter. Publikumswirksam wurde er noch Jahre nach seinem erzwungenen Abtritt vom Daimler-Thron als gescheiterter Stratege vorgeführt. Dabei hat er die Welt von Absatzplan und Aktienkurs längst eingetauscht.
Der ehemalige Daimlcher-Chef Edzard Reuter bleibt sich auch im Ruhestand treu. Foto: dpa
STUTTGART/DÜSSELDORF. Nun bevorzugt der ehemalige Chef von Daimler Salons der Kultur in seiner Heimatstadt Berlin. Außerdem setzt er sich für ein friedliches Zusammenleben von Deutschen und Zuwanderern ein. Seinen 80. Geburtstag am Samstag feiert der Rastlose schlicht. ?Ich lebe gern jetzt und denke nicht zu sehr an die Vergangenheit?, sagt Reuter dem Handelsblatt. ?Das Hätte, Würde und Wäre liegt mir nicht.? Sein Ex-Arbeitgeber hält sich ebenfalls zurück. Der Daimler-Chef der Jahre 1987 bis 1995 ist dem Konzern nur 18 Zeilen wert. Immerhin: Zum 75. gab es nicht ein Wort.Konzernchef Dieter Zetsche versucht, Normalität in das Verhältnis zu bringen. Unter Vorgänger Jürgen Schrempp war dessen langjähriger Förderer Persona non grata. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. ?Am Ende unserer Idee des integrierten Technologiekonzerns stand ein Scheitern?, sagt Reuter und fügt hinzu: ?Es ist gescheitert worden.?

Die besten Jobs von allen

Den Namen Schrempp vermeidet er ebenso wie den des ehemaligen Daimler-Chefkontrolleurs Hilmar Kopper: ?Mein Nachfolger und der damalige Vorsitzende des Aufsichtsrates haben die Umsetzung mutwillig abgebrochen ? obwohl allen klar war, dass die Strategie vieler Geduld bedurft hätte.?Eigene Fehler lässt der morgen 80-Jährige nur im Bereich der Kommunikation gelten. ?Ich dachte, die Idee ist richtig und wird deshalb auch umgesetzt. Aber ich musste sehen, welch ein Irrtum das ist. Die Mitarbeiter haben das Thema intellektuell begriffen, aber nicht emotional angenommen.? Mit der Autobiografie ?Schein und Wirklichkeit? schrieb Edzard Reuter nach dem Abgang seine gescheiterte Vision schön. Was für die meisten Rezensenten eher peinlich war, empfand Nachfolger Schrempp als pure Provokation.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Schrempps Vision auf dem Müllhaufen der Geschichte landeteIronie der Geschichte: Schrempps Vision vom Weltkonzern mit Chrysler und Mitsubishi entsorgte der von ihm geförderte Zetsche im vergangenen Jahr. ?Die sogenannte Welt AG ist gescheitert?, sagt Reuter, durchaus triumphierend.Ihm war das reine Autobauen zu wenig: ?Ich wollte dem Unternehmen neue Dimensionen eröffnen.? Schrempp hingegen wollte die Welt AG, ihm reichte Mercedes-Benz nicht. Beide Konzepte kosteten die Anleger viel Geld. Geblieben ist nach 20 Jahren strategischem Hin und Her nur eine starke Marke Mercedes-Benz.Ausgangspunkt für die Kratzer am Daimler-Stern ist der 29. Oktober 1983, als der damalige Konzernchef Gerhard Prinz auf dem Hometrainer einem Herzversagen erliegt. Der visionäre Finanzchef Edzard Reuter gilt als Favorit für die Nachfolge. Doch Aufsichtsratschef Wilfried Guth vom Großaktionär Deutsche Bank entscheidet sich für Entwicklungschef Werner Breitschwerdt.Reuter findet sich damit nicht ab. Vier Jahre tobt in Stuttgart-Untertürkheim ein unerbittlicher Machtkampf. Gemeinsam mit dem robusten Mercedes-Produktionschef Werner Niefer setzt der machtbewusste Jurist Reuter den zarter besaiteten Breitschwerdt unter Druck.Reuter ist überzeugt, dass der Markt für Luxuslimousinen seine Grenzen erreicht. Sein Plan: Der Autobauer Daimler-Benz soll ein integrierter Technologiekonzern werden. Der Finanzchef unterbreitet dem Daimler-Vorstand ein Strategiepapier ?zur Verbreiterung der Unternehmensbasis?. Nolens volens lässt Breitschwerdt Reuter und Niefer gewähren. In nur neun Monaten kaufen sie für drei Milliarden Mark die Münchener Maschinen- und Turbinen Union, das Friedrichshafener Luftfahrtunternehmen Dornier und den Hausgerätehersteller AEG.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Aufstieg und Fall DaimlersDaimler wird zu Deutschlands Konzern Nummer eins mit knapp 70 Milliarden Mark Umsatz. Nebenbei entsteht der größte deutsche Rüstungskonzern, der später noch durch den Einkauf des Luft- und Raumfahrtkonzerns MBB ergänzt wird. Im September 1987 ist Reuter am Ziel: Im Alter von 59 Jahren macht ihn Deutsche-Bank-Boss Alfred Herrhausen, der mittlerweile dem Aufsichtsrat vorsteht, zum Daimler-Chef.Noch bevor die Synergien seines Technologiekonzerns spürbar wer-den, tauchen Probleme auf. Die Kritik am Gemischtwarenladen mit Produkten vom Kühlschrank über Eisenbahnen bis zu Lenkwaffen nimmt zu. Besonders, als das Kerngeschäft schwächelt: Die S-Klasse, das Flaggschiff von Mercedes, wird vom 7er des Erzrivalen BMW überholt.Mercedes bekommt Absatzdellen. Reuter lässt Radiospots schalten, um Kunden zur Probefahrt zu bewegen ? befremdlich für eine Händlerorganisation, die ihre Autos eher zuteilte als verkaufte. Anfang der 90er-Jahre schreibt Mercedes rote Zahlen und muss Tausende Jobs streichen. Die Schwäche seines Ziehvaters nutzt Schrempp aus ? und bringt Herrhausen-Nachfolger Kopper auf seine Seite. 1995 muss Reuter gehen.Was macht der Daimler-Pensionär heute? ?Immer noch zu viel?, sagt er dem Handelsblatt. ?Ich bin Verwaltungsratspräsident eines Schweizer Unternehmens, auf das ich außerordentlich stolz bin.? Der Hersteller von Chips für das Navigationssystem GPS heißt U-Blox, beschäftigt rund 70 Mitarbeiter und ist 2007 an die Börse gegangen. ?In einem kleineren Unternehmen ist man viel näher an den Mitarbeitern dran?, schwärmt Reuter. Trotzdem: Demnächst hängt er den Posten an den Nagel.Für sein Amt als Vorsitzender des Berliner Bauhaus-Archives sucht er einen Nachfolger, ?der das Museum erweitert?. Die Vergrößerung erfordere mindestens 20 Millionen Euro. Der Sohn des legendären Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter fühlt sich seiner Heimatstadt verpflichtet. Freudianische Analysen lehnt er ab. ?Ich habe nie morgens beim Rasieren meinen Vater gesehen, der mich fragt, was ich geleistet oder welche Fehler ich gemacht habe.?Mit gewohnter Vehemenz wettert er gegen die Forderung: ?Shareholder-Value im Quartalsabstand?. Vorstände müssten ?ihren Aktionären klarmachen, dass der Wert eines Unternehmens sich langfristig besser entwickelt?. Porsche sei, nach dem Einstieg bei VW, ein gutes Beispiel dafür, sagt der ehemalige Daimler-Chef. Deren Vision gehe jetzt auf.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.02.2008