Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

?Lächele mehr als andere!?

Von Markus Fasse und Joachim Hofer
Sein Rezept ist einfach und erfolgreich. Wer in diesen Tagen bei Saturn oder im Media Markt Fernseher verkauft, sollte auf der Hut sein. Leopold Stiefel, Mitbegründer von Media Markt/Saturn, lehrt die Konkurrenz das Fürchten.
Die Düsseldorfer Filiale des Media Markts. Foto: dpa
INGOLSTADT. In der Masse der spät entschlossenen, WM-versessenen Flachbildschirmbegeisterteten könnte ein leicht gebräunter Mann im Anzug auftauchen. Er wird sich für die neue Technik interessieren. Er wird wissen wollen, warum Gerät A teurer ist als Gerät B und wozu er hochauflösendes Fernsehen braucht. Wie viel der kleine TV-Händler auf der anderen Straßenseite für sein Wunschgerät nimmt, weiß er mit Sicherheit. Er kennt sich in der Branche aus wie kein Zweiter.?Ich habe selbst einmal als kleiner Radiohändler angefangen?, sagt Leopold Stiefel heute. Er ist Mitbegründer, Miteigentümer und Geschäftsführer der Media Saturn Holding, der größten Elektrokette Europas, einer 75-Prozent-Tochter der Düsseldorfer Metro. In nur 25 Jahren hat Stiefel ein Imperium geschaffen aus Media- und Saturn-Märkten, das sich von Polen bis Portugal erstreckt. 40 000 Menschen verkaufen jeden Tag Spülmaschinen, Rasierapparate und Flachbildfernseher. Der Umsatz im vergangenen Jahr: 13 Milliarden Euro. Und während der deutsche Einzelhandel jammert, wollen Media Markt und Saturn dieses Jahr alleine hier zu Lande zwei Dutzend neue Filialen aufmachen. Expansion ist geil.

Die besten Jobs von allen

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte Ende der siebziger Jahre. Die Deutschen hatten die Taschen voll, Popmusik und Hifi-Anlagen waren der Hit. Doch wer so eine moderne Kompaktanlage haben wollte, musste zum biederen Radiohändler. Dort war die Auswahl bescheiden, die Preise hoch und das Ambiente muffig. Musikkassetten oder Schalplatten suchte man vergeblich.Ein Fehler, wie der damalige Verkaufsleiter eines großen Münchener Rundfunkhändlers feststellt. ?Irgendwann haben wir gemerkt, wir brauchen viel mehr Platz?, sagt Leopold Stiefel rückblickend. Das Flüchtlingskind träumt von einem großen Markt.Seine Augen leuchten, wenn er aus den Anfangstagen erzählt, als wolle er seine Geschäftspartner noch einmal zu so einem Husarenstück überreden. Schallplatten, Stereoanlagen und Waschmaschinen verkaufen wie in einem Supermarkt? ?Damals musste man an sich und seine Idee schon sehr stark glauben?, sagt Stiefel heute.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nicht nur das Verkaufsrezept ist neu.Mit dem Ehepaar Helga und Erich Kellerhals und dem Werbeprofi Walter Gunz macht er sich selbstständig. Bankkredite gibt es keine, die Lieferanten sollen die Ware auf Kredit liefern, eine revolutionäre Idee. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 1979 eröffnet im Münchener Euro-Industriepark der erste Media Markt.Nicht nur das Verkaufskonzept ist neu. ?Eine aufmerksamkeitsstarke, freche, witzige Werbung? soll die neuen Elektromärkte bekannt machen. Aus biederen Prospekten machen Gunz und Stiefel ?Extrablätter?, die mit griffigen Slogans in den Münchener Briefkästen landen. Mit der Torwartlegende Sepp Maier veranstaltet Stiefel auf dem Media-Markt-Parkplatz einen ?Videorekorderweitwurf?. Es folgen Filialen in ganz Bayern und Mitte der Achtziger in ganz Deutschland.Doch das Rad, das sie drehen, wird den Gründern zu groß: 1988 übernimmt die Metro-Tochter Kaufhof die Mehrheit, die sich wenig später auch die Kölner Saturn-Märkte einverleibt. Stiefel wird Geschäftsführer beider Gruppen ? und behält weiter die Fäden in der Hand. Sein Motto für die beiden Marken: getrennt marschieren, gemeinsam schlagen.In einem Ingolstädter Gewerbegebiet entsteht die Holding. Stiefel lernt zu delegieren und findet Zeit für Privates. In sein Büro hängt er Kunst der jungen Wilden, privat fährt er Harley Davidson. Im Urlaub bleibt das Telefon aus.Das Konzept ist immer dasselbe: Die Zentrale sucht sich einen lokalen Geschäftsführer. Der steigt mit eigenem Kapital ein, Stiefel liefert die Ware und eine rote Managementfibel. Was zu welchem Preis angeboten wird, entscheidet alleine der Mann vor Ort. So verkauft etwa der Media Markt Fulda gleich ein Dutzend verschiedener Hackfleischhäcksler: Der Hesse macht seine Wurst halt gerne selber.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zähneknirschend muss vor allem die Industrie feststellen, dass der Weg zum Kunden mehr denn je über Ingolstadt führt.?In unserer Branche haben nur wenige von den ganz Großen überlebt?, sagt Stiefel heute. Zähneknirschend muss vor allem die Industrie feststellen, dass der Weg zum Kunden mehr denn je über Ingolstadt führt. ?Die reißerischen Aktionen sehen viele Produzenten skeptisch?, sagt ein Insider. Vor allem wenn die Preise mit Rabattaktionen in den Keller geprügelt werden, bekommt so mancher eine Wut im Bauch. So wie dieser Tage, weil Media Markt eine Null-Prozent-Finanzierung anbietet ? nichts anderes als eine versteckte Preissenkung. Auch das Geschäftsmodell Stiefels wird kritisiert. Denn dass die einzelnen Märkte relativ frei handeln können, macht Absprachen der Produzenten schwierig.Das ficht Stiefel in seiner Ingolstädter Zentrale aber nicht an. In der Audi-Stadt ist er mittlerweile eine feste Größe. Für die CSU sitzt er im Stadtrat, der örtliche Eishockeyclub kennt ihn als großzügigen Förderer. Gespielt wird mittlerweile in der ersten Liga, selbstverständlich in der Saturn-Arena. Und an der Fachhochschule Ingolstadt sponsert er einen Studiengang ?Internationales Handelsmanagement?. Der Nachwuchs soll Grundsätze der Stiefelschen Philosophie lernen.Eine der goldenen Regeln steht gerahmt in seinem Büro: ?Lächele mehr als andere!?
Leopold Stiefel1945: Er wird in Braunau am Inn geboren. 1959 schließt er die Volksschule ab.1959: Er absolviert eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in der Firma Dreyer & Schnetzer, Ingolstadt.1962: Zunächst arbeitet er dort als Verkäufer, dann im Elektrohaus J. Fröschl. Später wird er Geschäftsführer der Firma FEG in Ingolstadt.1979: Zusammen mit Erich und Helga Kellerhals sowie Walter Gunz gründet Stiefel in einem Münchener Industriegebiet den ersten Media Markt. Später übernimmt die Firma die Kette Saturn, und Metro wird Mehrheitsgesellschafter.2006: Der verheiratete Vater von drei Kindern macht sich Gedanken über die Zeit nach seiner aktiven Laufbahn bei der Media Saturn Holding. Bereits heute sitzt er für die CSU im Stadtrat von Ingolstadt und engagiert sich für den ERC Ingolstadt, der in der Deutschen Eishockey-Liga spielt.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.06.2006