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?Jeder Geisteswissenschaftler muss rechnen können.?

Interview: Sara Kammler
Hermann Parzinger, künftiger Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, über die Toleranz seiner Eltern, knappe Jahresetats und Ausgrabungen in Sibirien.
Herr Parzinger, ab dem 1. März sind Sie Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Was ist für Sie Preußen?

Preußen ist Teil der deutschen Geschichte, also auch meiner Geschichte, das kann ich als Bayer durchaus so sagen. Es ist schade, dass der Preußen-Begriff immer mit Militarismus verbunden wird, er bedeutet doch auch Aufklärung und Förderung von Wissenschaft und Kunst. Insofern finde ich es nicht schlecht, dass der Name der Stiftung diese traditionelle Bindung an Preußen zum Ausdruck bringt, und zwar als kulturelles Vermächtnis.

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Für Sie als Bayer sind Preußen keine Feindbilder mehr?

(lacht) Nein, das ist doch etwas, was längst der Vergangenheit angehört. Wir sind ein föderales Land, in dem regionale Unterschiede keine Rolle mehr spielen.

Sie haben an der Universität Ljubljana in Slowenien studiert. War Ihnen Griechenland zu gewöhnlich?

Ich wollte in der Tat an einen ungewöhnlichen Studienort und Osteuropa hat mich schon immer interessiert. Jugoslawien hatte damals den Vorteil, dass ein Aufenthalt leichter zu organisieren war als etwa in der Tschechoslowakei. In Slowenien gab es sehr gute Dozenten, und ich habe das Land, seine Menschen und die Sprache sehr gut kennen gelernt. Der Aufenthalt hat mich sehr geprägt.

Hat er Ihre Offenheit anderen Kulturen gegenüber gefördert?

Solange ich denken kann, hatte ich Interesse an anderen Ländern. Mit 16 Jahren bin ich mit einem Freund nach Italien und Frankreich getrampt. Mit 18 war ich während der Schulferien allein in Ägypten. Ich bin mit dem Schiff in der Deckklasse von Venedig nach Alexandria gefahren und habe dann mit Zug und Bus Ägypten bereist und die wichtigsten Denkmäler gesehen. Ein Jahr später habe ich mit dem Rucksack die Sahara durchquert. Wenn ich zurückdenke, wundere ich mich manchmal über die Toleranz meiner Eltern. Aber mein Wille war schon immer sehr ausgeprägt. Vielleicht haben Sie einfach kapituliert.

Sie waren im Alter von 25 Jahren promoviert und mit 31 Jahren habilitiert. Was war Ihr Antrieb?

Ich hatte sehr gute akademische Lehrer, die mich entsprechend förderten. Die haben wahrscheinlich gemerkt, okay, der kann das auch schneller. Ich selber will die Dinge immer rasch fertig machen, kann mich sehr gut organisieren und bin diszipliniert. Wenn ich das Tagespensum, das ich mir setze, nicht schaffe, arbeite ich nachts länger. Und ich habe mit der Archäologie ein Fach gefunden, das meinen Neigungen und Begabungen ganz gut entspricht, das empfinde ich als großes Glück.

2007 war das erfolgreichste Jahr der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bislang. Wie wollen Sie das toppen?

Wir sind ja kein Wirtschaftsunternehmen, in dem man immer die Zahlen des Vorjahres übertreffen muss?

?aber den Ehrgeiz haben Sie schon.

Ja, natürlich wollen wir weiter erfolgreiche Arbeit machen. Sagen wir mal so: Wir wollen weiter auf diesem Level arbeiten, wobei ich sicher bin, dass wir das auch noch steigern können.

Der Jahresetat der Stiftung lag 2007 bei 240 Millionen Euro. Können Sie als Geisteswissenschaftler mit Zahlen umgehen?

Jeder Geisteswissenschaftler, der Drittmittelprojekte hat, muss rechnen können. Bei der Stiftung gibt es viele Fixkosten für den Betrieb der Häuser. Die Projektmittel und der Etat für Ankäufe und Ausstellungen sind aber viel zu gering. Zum Glück können wir das durch Einnahmen aus Eintrittsgeldern ausgleichen ? aber nur zu einem Teil.

Was sind weitere berufliche Ziele für Sie?

In meinem neuen Amt sind die Aufgaben langfristig zu sehen. Es ist eine so faszinierende Aufgabe, dass ich mir schon vorstellen kann, das bis zum Ende des aktiven Berufslebens zu machen. Doch wer kann schon ausschließen, dass irgendwann nicht doch einmal der Punkt kommt, an dem man eine andere Aufgabe reizvoll findet.

Wo bleibt bei Ihrem Programm die Familie?

Ich bin im Wintersemester sogar alleinerziehender Vater. Meine Tochter wird jetzt 14, meine Frau ist Spanierin und hat eine Professur in Madrid. Von Oktober bis Februar ist sie dort, um ihre Vorlesungen abzuhalten, und kommt nur jedes zweite oder dritte Wochenende nach Berlin. Dann muss ich mich um alles kümmern, einkaufen, abends Essen machen, die Schulaufgaben kontrollieren. Meine Tochter und ich haben dadurch ein sehr enges Verhältnis bekommen.

War ihr Tochter auch mit auf Ihren Ausgrabungen?

Das erste Mal war sie im Alter von vier Wochen mit auf einer Grabung in Spanien, mit zwei Jahren in der Türkei. Und mit vier Jahren habe ich sie mit nach Sibirien genommen ? sie hat das unheimlich genossen.

Sie sind Judoka und haben den schwarzen Gürtel. Kommen Sie beim Sport auf andere Gedanken?

Der Sport hilft mir, abzuschalten, außerdem hält er mich fit. Beim Judo gibt es neben den Wettkämpfen sogenannte Katas, festgelegte Folgen von Techniken. Dabei kommt es nicht nur auf Kraft und Körperbeherrschung an, sondern es ist auch eine intellektuelle Herausforderung. Ein wunderbarer Ausgleich zum Beruf.

Hermann Parzinger, 48, wird am 1. März Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zuvor war er zweiter Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts in Frankfurt am Main. Er ist Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin. 1989 wurde er mit dem Leibniz-Preis, dem höchstdotierten deutschen Förderpreis, ausgezeichnet. Parzinger hat Vor- und Frühgeschichte studiert, ist verheiratet und hat eine Tochter.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.02.2008