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?Ich will nicht Mr. Tiscali sein?

Von Regina Krieger, Handelsblatt
Renato Soru, Präsident und Vorstandsvorsitzender des italienischen Internetdienstleisters Tiscali, hat als Shooting-Star der IT-Branche in den vergangenen Jahren längst alle Rekorde gebrochen. Nun will er in die Politik gehen.
HB MAILAND. Und er hat wie die anderen auch den Einbruch der Branche miterleben müssen. Aber seine Gedanken sind in die Zukunft gerichtet: ?Wir sind vielleicht in einer schwierigen Phase. Wenn es Tiscali allerdings gelingt, unabhängig zu bleiben, können wir in zehn Jahren führend auf dem europäischen Markt sein.?Was der Tiscali-Chef werbend in wohlgesetzten Worten formuliert, ist bisher nicht mehr als ein Wunschtraum. Tiscali, in 16 Ländern aktiv, hält derzeit nirgendwo die Position des Marktführers. Im mengensensiblen Geschäft mit Internetzugängen wird dies von Analysten als Nachteil gegenüber den beiden größeren Konkurrenten T-Online und Wanadoo bewertet.

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Doch der schmale Manager mit der hohen Stirn hält an seiner Vision fest. Nicht zuletzt sind es Aussagen wie diese, die ihn in Italien zu einer Kultfigur der New Economy werden ließen. Fast beschwörend wiederholt er mit seiner leisen, von sardischem Akzent geprägten Stimme sein klar umrissenes Ziel: ?Wir wollen das führende Internetunternehmen in Europa werden.?Mit einem kleinen Unterschied allerdings: Soru, der heute das Unternehmen leitet und eine Beteiligung von 29,5 Prozent besitzt, will, dass es künftig auch ohne ihn geht: ?Wenn man mich Mr. Tiscali nennt, ist das ein Signal, dass ich als Tiscali gesehen werde und nicht als Renato Soru. Ich will nicht Mr. Tiscali sein, sondern Signor Soru.? Präsident im Unternehmen will er vorerst bleiben, aber ein neuer CEO wird bereits gesucht. Sein Rückzug ist langsam, Schritt für Schritt geplant. Bisher sei er die richtige Person gewesen, sagt Soru, jetzt aber vielleicht nicht mehr.Ein Chef, der an seiner eigenen Rolle zweifelt? Immerhin darf es sich der Tiscali-Chef zuschreiben, den Internetdienstleister zum drittgrößten Internet-Service-Provider in Europa geformt zu haben. Italienische Zeitungen griffen seine Geschichte auf, machten aus dem auf den ersten Blick äußerst zurückhaltend wirkenden Manager eine Art Popstar. Schließlich war dem Sohn eines sardischen Lebensmittelhändlers eine Karriere nach amerikanischem Muster gelungen ? vom Tellerwäscher zum Millionär.Lesen Sie auf der folgenden Seite: Glanz vergangener Tage ein wenig verblasst Doch der Glanz aus den Tagen des Internetbooms ist ein wenig verblasst. Inzwischen beurteilen es Analysten wie Kai Kaufmann von Dresdner Kleinwort Wasserstein eher positiv, wenn sich Soru tatsächlich zurückziehen würde. Der Tiscali-Chef stehe für den falschen Ansatz, das Unternehmen paneuropäisch zu positionieren, statt sich auf Einzelmärkte zu konzentrieren, begründet Kaufmann seine Meinung.Soru gibt sich einsichtig, denkt lange nach. Fehler habe er gemacht. Das gilt vor allem für den deutschen Markt, wo das italienische Unternehmen auf Platz vier hinter T-Online, Freenet und AOL liegt. Der Versuch, im vergangenen Jahr den Internetdienstleister Freenet zu übernehmen, scheiterte.Aber so nachdenklich wie der Tiscali-Chef sich noch wenige Minuten zuvor präsentierte, so rapide kommt der Wechsel. Mit einem Mal verwandelt sich der Einsichtige wieder in den Visionär, gibt sich kämpferisch. ?Ich bin optimistisch. Wir haben Tiscali Deutschland umstrukturiert und sind bereit, aggressiv aufzutreten.? Bei so viel Verve wird deutlich, dass es dem Sarden wohl nicht ganz leicht fallen dürfte, Tiscali den Rücken zu kehren. Das verdeutlicht auch seine Wortwahl: Sich von seinem Unternehmen zu trennen sei wie die Loslösung der Eltern von einem Kind ? ?besser einen Tag zu früh als einen Tag zu spät?.Soru hat sich längst neue Ziele gesetzt: Er will in die Politik gehen ? so, wie es der italienische Medienunternehmer und Premier Silvio Berlusconi tat. Mit Berlusconi lässt er sich allerdings nicht gerne vergleichen: ?Der ist 1994 in die Politik gegangen, weil er Angst vor den Kommunisten hatte.? Soru dagegen geht es nicht um nationale Politik. Er will sich für seine Insel engagieren. ?Mich interessiert die Zukunft der Gemeinschaft, in der ich zur Welt gekommen bin, die Zukunft Sardiniens.? 2006 laufen die EU-Zuschüsse für die Insel aus, der Tourismus wird immer mehr als Immobilien-Spekulation gesehen. ?Es besteht die Gefahr, dass es ein Sardinien ohne Identität und ohne Arbeit gibt?, sagt Soru.Mit einer Gruppe von Gleichgesinnten hat er deshalb das ?Projekt für Sardinien? gestartet und will bei den nächsten Regionalwahlen als Präsidentschaftskandidat antreten. ?Wir sind aber keine Partei?, beteuert er.Politik hat er seiner Ansicht nach schon mit der Gründung von Tiscali gemacht. Schließlich sei sein Unternehmen, wie er betont, ohne Unterstützung von Parteien, Politikern, Finanzgruppen oder einflussreichen Familien entstanden. 800 Leute hätten bei ihm Arbeit gefunden und keiner sei dank einer sonst üblichen Empfehlung eingestellt worden. ?Das ist vielleicht in Nordeuropa eine Selbstverständlichkeit?, sagt Soru, ?nicht aber im italienischen Süden.?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.10.2003