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?Ich will mein Land zurück?

Von Torsten Riecke, Handelsblatt
Paul Krugman ist kein TV-Star, sondern ein streitbarer Politökonom und Kolumnist der ?New York Times?. Und ? das zieht viele Menschen an ? er ist der schärfste und prominenteste Kritiker von US-Präsident George W. Bush.
NEW YORK. Der Konzertsaal im jüdischen Veranstaltungszentrum ?Y? im Nordosten Manhattans ist ausverkauft. ?Was ist denn heute hier los?? fragt eine Passantin einen älteren Herrn, der sich mit seiner Frau geduldig in die lange Reihe vor dem Eingang gestellt hat. ?Krugman kommt?, sagt der Mann und reicht dem Türsteher seine Eintrittskarte im Wert von 25 Dollar.Der 51-jährige Professor der Elite-Universität Princeton reist seit Wochen durch Amerika. Seine Fans wollen von ihm keine Einführung in die Volkswirtschaftslehre hören, sondern die Wahrheit über die Lage ihrer Nation. ?Er hat früher als alle anderen die Lügen der Bush-Administration beim Namen genannt?, sagt ein James Lewis, während er ungeduldig auf den Auftritt seines Polit-Propheten wartet. Zur Erinnerung: Nur wenige Tage nach dem 11. September 2001 warf Krugman der Bush-Administration vor, die Terroranschläge politisch auszubeuten.

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Als der Polit-Star dann die Bühne betritt, brandet tosender Beifall auf. Fast verlegen verbeugt sich die klei-ne Gestalt in grauem Anzug auf der großen Bühne. Ein gräulich dunkler Bart umhüllt sein rundes Gesicht. Nichts von seiner unauffälligen Erscheinung lässt vermuten, dass hier ein Kreuzritter der Linken in Amerika zu seiner Fangemeinde spricht. Nur die klaren dunklen Augen verraten jene Schärfe, mit der Krugman zweimal pro Woche in der ?Times? Präsident Bush und seine Politik an den Pranger stellt.?Ich habe keine fröhliche Botschaft?, zitiert der Kolumnist aus seinem jüngsten Bestseller ?Der große Ausverkauf?. Es gehe vielmehr ?um wirtschaftliche Enttäuschungen, schlechte Führung und die Lügen der Mächtigen?. Dennoch gebe es keinen Grund zu verzweifeln: ?Es gibt nichts in Amerika, was man nicht wieder geradebiegen kann.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Für die US-Medien hat er nur Verachtung übrigDann startet Krugman seinen verbalen Kreuzzug. Vom Irak-Krieg über das riesige Haushaltsdefizit bis zum Abbau der Bürgerrechte ? der Politökonom legt seinen Finger in die offenen Wunden des Präsidenten. Nicht laut und hasserfüllt, sondern leise und mit viel Humor kommen seine Attacken. Sein messerscharfer Verstand und seine verständliche Sprache sind seine stärksten Waffen. ?Vor drei Jahren wurde ich für meine düsteren Voraussagen gescholten. Heute teilen die meisten meine Meinung?, sagt Krugman mit Genugtuung.Im Wahlkampf vor vier Jahren durfte er in seinen Kolumnen das Wort Lüge nicht benutzen. Heute hat er keinen Maulkorb mehr. Für die amerikanischen Medien, die aus seiner Sicht mehr nach Ausgewogenheit als nach der Wahrheit streben, hat er nur Verachtung übrig. ?Wenn heute jemand behaupten würde, die Erde sei eine Scheibe, würden die Zeitungen berichten: ,Ansichten über Gestalt der Erde gehen auseinander??, spottet er.Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt der auf Long Island aufgewachsene New Yorker, wie er sich vom Wirtschaftsprofessor zum bekanntesten Bush-Kritiker gewandelt hat. Zunächst hätte er für die ?Times? nur über Börsen und internationale Finanzkrisen schreiben sollen. Als Ökonom war er anfangs nur enttäuscht von der Politik des Präsidenten. ?Doch dann entdeckte ich, dass die Regierung nicht nur unehrlich, sondern wirklich Furcht erregend ist?, sagt Krugman. Er nennt die Bush-Revolution eine ?radikale Bewegung? neokonservativer Ideologen. Der ?verhinderte Historiker? (Krugman über Krugman) sieht in ihrer Verachtung für das politische System Parallelen zu den Umstürzlern der Französischen Revolution.Bis Ende der 90er-Jahre war er vor allem durch seine wissenschaftlichen Leistungen aufgefallen. Er studierte an den Elite-Unis Yale und Massachusetts Institute of Technology. Am MIT verbrachte er auch die ersten zwanzig Jahre als Forscher und Lehrer. Seine Beiträge zur modernen Handels- und Geldtheorie sowie zu wirtschaftlichen Ballungsräumen gelten noch heute als wegweisend. Zusammen mit dem späteren Finanzminister und heutigen Harvard-Präsidenten Larry Summers galt er als eines der Wunderkinder unter den US-Ökonomen. Seit Jahren wird er als Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt. Heute lehrt er mit seiner Frau Robin Wells in Princeton.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Einen Posten im Weißen Haus würde er nicht mehr annehmenEine erste Stippvisite in die Politik unternahm er Anfang der 80er-Jahre als Wirtschaftsberater für den damaligen Präsidenten Ronald Reagan. Krugman kann sich die kuriose Episode heute nur mit seinem jugendlichen Enthusiasmus erklären. Ebenso ungern denkt er an seine enttäuschte Hoffnung zurück, einen Spitzenjob in der Regierung von Bill Clinton zu bekommen.Einen Posten im Weißen Haus würde er nicht mehr annehmen, sagt er heute. Selbst der Posten des US-Notenbankchefs könne ihn nicht nach Washington locken. ?Ich habe dafür nicht die richtige Persönlichkeit?, sagt er und spielt damit auf seine rhetorische Schärfe an. Andere sagen ihm eine gehörige Portion Arroganz nach.Seine Kolumnen in der ?Times? haben ihm ebenso viele Feinde wie Freunde eingebracht. Krugman bekommt viele Drohbriefe. Mehrere Internetseiten verfolgen ihn Wort für Wort. ?Zuerst war es etwas nervenaufreibend. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt?, sagt er, ?aber ich kann immer als Professor an die Universität zurückkehren.? Gerade hat er mit seiner Frau ein Lehrbuch für Ökonomiestudenten geschrieben.Seine oft polemischen Kolumnen haben bei einigen Professoren an den Universitäten des Landes Stirnrunzeln ausgelöst. ?Das hat fast die Züge eines Kreuzzugs?, sagt Peter Kenen, Freund und Kollege an der Princeton University in einem Interview. Andere werden deutlicher und werfen Krugman vor, sein wissenschaftliches Renommee aufs Spiel zu setzen.Eine Empfehlung für die US-Präsidentenwahl am 2. November darf Krugman nicht aussprechen. Das verbieten die Regeln der ?Times?. Dennoch lässt er seine Zuhörer im Konzertsaal des jüdischen Veranstaltungszentrums nicht im Unklaren: ?Ich will mein Land zurück?, zitiert er einen Wahlslogan des in den Vorwahlen ausgeschiedenen Demokraten Howard Dean. Seine Fans danken es ihm mit tosendem Beifall.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.10.2004