Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

?Ich kann Zahlen lesen?

Von Catrin Bialek
Ercan Öztürk, Ingenieur und neuer Chef der Agentur Springer & Jacoby, hat sein Unternehmen aus dem Tal geführt. Jetzt legt er seine erste Erfolgsbilanz vor: Neue Kunden gewonnen, alte gehalten ? und von Alditarifen spricht bei der Kreativagentur niemand mehr.
HAMBURG. Eine kleine silberne Anstecknadel in Form eines Pistolenföhns sagt viel aus über Ercan Öztürk. Erstens, er arbeitet bei Springer & Jacoby, denn nur deren Mitarbeiter erhalten nach der Probezeit diese Anstecknadel. Und zweitens, er steht dazu.Der Pistolenföhn war jahrzehntelang eine Art Statussymbol. Die es trugen, galten als die kreativen Leitwölfe der deutschen Werbelandschaft. Doch dann kam der Niedergang der Kreativagentur Springer & Jacoby: Ebenso abrupte wie unpopuläre Führungswechsel, der vorübergehende Verzicht auf die Teilnahme an Kreativwettbewerben und ein markenschädigender ?Alditarif? für Kunden trieben erst die Top-Kreativen und dann die Kunden in die Flucht. Der Tiefpunkt war im Sommer 2006 erreicht, als der Prestigekunde Mercedes-Benz kündigte.Springer & Jacoby glich nur noch einer Hülle ? der Inhalt hatte sich verflüchtigt. 400 Mitarbeiter hatte die Agentur zu Spitzenzeiten beschäftigt, jetzt waren es nur noch 180. Die Agentur wurde von der Beteiligungsgesellschaft Avantaxx geschluckt. Und der berühmte Pistolenföhn verschwand bei vielen Mitarbeitern klammheimlich in der Jackentasche.

Die besten Jobs von allen

Ercan Öztürk trägt die Anstecknadel bewusst. Er ist angetreten, der einstigen Vorzeigeagentur neues Leben einzuhauchen. Seit knapp einem Jahr führt der gebürtige Türke dort die Geschäfte. Seit Mai trägt er als Chief Executive Officer (CEO) die alleinige Verantwortung. Jetzt legt er seine erste Erfolgsbilanz vor: Zehn neue Kunden hat er bereits an Land gezogen, und die meisten der Altkunden, zu denen Osram, Ebay und Commerzbank zählen, konnte er halten. Die Talfahrt scheint gestoppt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Erst mal Ruhe reinbringenErcan wer?, fragten sich nach seiner Berufung die meisten in der Branche, wo jeder jeden kennt ? denn Öztürk ist ein Anfänger im Agenturgeschäft. Der 45-Jährige kannte die Werbewelt bis dato nur von der anderen Seite des Schreibtisches: als Marketingleiter bei Reemtsma, wo er die Zigarettenmarke West betreute, und als Kommunikationschef bei Kraft Foods, wo er Jacobs Krönung vermarktete. Eine Karriere bei den großen Kreativschmieden kann er jedoch ? im Gegensatz zu vielen anderen Agenturchefs ? nicht vorweisen.Doch das ist längst nicht das Ende der Unterschiede. In seinem edlen schwarzen Anzug und seinem weißen Hemd würde Öztürk in den Führungsetagen vieler Unternehmen auch nicht weiter auffallen. Allein das längliche, grau melierte Haar lässt auf einen Menschen schließen, der sich nicht übermäßig anpassen will. >?Meine Aufgabe ist es, hier erst mal Ruhe reinzubringen?, sagt er mit sanfter, fast melodischer Stimme. Und so, wie er es sagt, nimmt man es ihm sofort ab. Viele Fehlentscheidungen seiner Vorgänger hat er in den vergangenen Monaten rückgängig gemacht. Zum Beispiel: Es wurden wieder feste Teams für eine permanente Kundenbetreuung eingerichtet, die Agentur sandte dieses Jahr ihre Kreativarbeiten bei Cannes und Co. ein, und den Alditarif gibt es selbstverständlich auch nicht mehr.Besonders stolz ist Öztürk auf die zahlreichen neuen Kunden. ?Dabei hatten wir keine Neugeschäftsoffensive eingeleitet?, merkt er an. Unternehmen wie MAN Roland, Sandoz, Butlers, NH Hotels, Roggenkamp Organics und der Wasseraufbereiter Söll stehen auf seiner Liste. Unruhig blickt er auf das Blatt vor sich, auf dem er alle Namen notiert hat. Einige haben erst heute ihr Einverständnis für eine Veröffentlichung gegeben. Es ist seine erste Erfolgsmeldung.Sicherlich, ein Prestigekunde wie Mercedes-Benz ist nicht darunter. Aber Öztürk geht es zunächst einmal ums Geldverdienen. ?Sie haben nach dem Unterschied zu meinem Vorgänger gefragt, nun ja, ich kann Zahlen lesen?, sagt der studierte Ingenieur. So musste zum Beispiel ein Gründungskunde, der Schuhfilialist Görtz, weichen, der auf seinem historisch gewachsenen Billigtarif bestand.Öztürk macht beides zugleich mit Gewohnheiten brechen und dabei die alte Gründerkultur wahren. Eine Gratwanderung: Bei ihm gibt es kein Ausbeuten junger Talente, keinen Militärton, kein Machogehabe, urteilen Mitarbeiter. Lesen Sie weiter auf Seite 3: 60 Prozent der Mitarbeiter sind Frauen ?Er hat hier Türen geöffnet, von denen man nicht wusste, dass sie da waren?, sagt Artdirector Tobias Gradert-Hinzpeter, der, wenn er über seinen neuen Chef spricht, ins Schwärmen gerät. Ende 2005, als alles zusammenbrach, hatte der Kreative gekündigt. Vor einem halben Jahr heuerte er bei Springer & Jacoby wieder an. ?Ercan verbindet das Menschliche mit wirtschaftlichem Denken?, sagt er. Und: Öztürk setze auf handfestes Praxiswissen, etwa in puncto Vertrieb. ?Meine Mitarbeiter können jedem Key Accounter einen Vertriebsleitfaden schreiben?, stellt der Manager klar. Das gehört normalerweise nicht zum Repertoire eines Werbers.Darüber hinaus erwartet der Neue von ?seinen Leuten?: Identifikation mit dem Kunden. Etwa mit Osram: ?Es ist mir wichtig, dass wir hier von Osramlicht angestrahlt werden?, sagt er. Ein Schlüsselerlebnis habe er während seiner Zeit bei West gehabt, als ein Agenturmanager seine Marlboro-Packung aus der Tasche zog. Das habe ihn sehr gestört.Öztürk hat die einstige Männeragentur rigoros umgekrempelt: 60 Prozent der Mitarbeiter sind inzwischen Frauen schließlich sei es das weibliche Geschlecht, das viele Konsumprodukte kaufe; 20 Prozent der Angestellten stammen aus dem Ausland. Ansonsten hält er sich ganz branchentypisch bei Zahlen bedeckt. ?Zum Umsatz machen wir keine Angaben?, sagt er knapp. ?Dieses Jahr haben wir ein leichtes Wachstum ? ich bin zufrieden.? Für nächstes Jahr peile er ein zweistelliges Plus an.Der leidenschaftliche Porschefahrer Öztürk will die Agentur wieder auf Erfolgskurs bringen ? und erntet bereits Zustimmung. ?Ich sehe, dass sie auf Wettbewerben wieder gewinnen?, sagt etwa Till Wagner, Geschäftsführer der Werbeagentur JWT. ?Am Ende geht es doch um die Marke, und Springer & Jacoby ist nun einmal eine der wenigen echten Marken in der Werbewelt.?
Dieser Artikel ist erschienen am 09.10.2007