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?Ich hab's gleich ...?

Wenn im TV eine Improvisationsshow läuft, ist Bernhard Hoëcker bestimmt dabei. Die Witze über seine Körpergröße sind legendär. Doch der Klein-Künstler setzt garantiert noch einen drauf. Ob man Schlagfertigkeit lernen kann fragte ihn karriere-Redakteurin Britta Domke kurz vor der Aufzeichnung einer Folge von ?Genial daneben?.

Hallo Herr Hoëcker, schüchtern große Frauen Sie ein? Ich bin immerhin geschätzte 20 Zentimeter größer als Sie...
Noch nicht. Aber ich weiß ja auch nicht, welche Fragen Sie mir gleich stellen.

In welchen Situationen verschlägt es Ihnen denn dann die Sprache?
Vor allem in denen, die für mich neu sind. Das kann eine Frage sein, über die ich nachdenken muss, oder wenn ich auf einer Party bin, wo ich niemanden kenne. Ich bin ja eher so der stille Typ (senkt die Stimme, um dramatisch zu klingen), der in einer Ecke steht mit der Cola in der Hand und einem Fuß an der Wand

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Aus dem Fernsehen kennt man Sie als jemanden, der auch den blödesten Spruch der Kollegen parieren kann. Wird man zwangsläufig so schlagfertig, wenn man nur 1,59 Meter misst?
Das müsste ja dann heißen, dass mit abnehmender Körpergröße die Schlagfertigkeit zunimmt. Es ist sicher so, dass ich mit Worten versucht habe, etwas auszugleichen, was am Körper fehlt. Aber wenn ich ein sehr Stiller wäre, könnte man das genauso mit meiner Körpergröße begründen. Letzten Endes hängt es wohl eher mit dem Elternhaus zusammen: Wir haben immer sehr viel geredet zu Hause. Sprache und Intellekt spielten bei uns eine größere Rolle, als beim Fußball erfolgreich zu sein

Waren Sie als Kind der Klassenclown?
Daran habe ich wenig Erinnerung. Aber ich weiß noch, wie ich wegen meiner Schlagfertigkeit mal aus dem Unterricht geworfen wurde. Ein Lehrer hatte damals zu uns gesagt, wir wären zu nichts zu gebrauchen, wir seien wie ein Haufen nasses, vollgeschissenes Stroh. Da habe ich mich gemeldet und gesagt: ?Ist doch super. Das düngt, das wärmt, und man kann es verbrennen.? Da hat er mich vor die Tür geschickt

Die Frage aller Fragen: Kann man Schlagfertigkeit lernen?
Ich würde mit der Zweitfrage-aller-Fragen antworten: Was ist denn überhaupt Schlagfertigkeit?

Also: Was ist Schlagfertigkeit?
Da müsste ich mal bei Wikipedia nachgucken, was gerade die gültige Definition ist. Ich würde das jetzt aus dem Kopf folgendermaßen definieren (setzt einen dozierenden Tonfall auf): ?Schlagfertigkeit, ursprünglich aus dem Kampf kommend; schnelle körperliche Reaktionen auf einen Angriff, den Körper betreffend; heute benutzt im Bereich der Kommunikation; bezeichnet die Fähigkeit, auf eine Bemerkung, eine Frage oder einen Vorwurf in möglichst kurzer Zeit, mit einer möglichst für die den Satz, die Frage oder den Vorwurf formulierende Person überraschenden Antwort zu reagieren.? (Schwärmerisch) Ich liebe das korrekte Formulieren. Ich könnte stundenlang wie ein Lexikon reden.

Dann definieren Sie doch bitte noch mal: Wie lernt man Schlagfertigkeit?
Das wird der zweite Absatz des Wikipedia-Artikels: ?Lernmöglichkeit (lacht). Die Lernmöglichkeit von Schlagfertigkeit ist bisher noch nicht erforscht und deshalb auch nicht klar zu definieren.? (Wieder ernst) Ich weiß es nicht. Man kann sie trainieren, aber nicht lernen. Sich etwas anzulesen funktioniert hier nicht. Je mehr positive Erfahrungen man mit Schlagfertigkeit macht, desto besser wird man. ? Ich weiß gar nicht, was ich gerade hier rede. Aber ich find?s sehr spannend!

Sie waren ja mal zwei Jahre beim Improvisationstheater Springmaus. Ist das eine gute Schule für Spontanität?
Ja und nein. Wenn man keine Spontanität mitbringt, ist man beim Impro-Theater aufgeschmissen. Aber man trainiert auch viel, weil man 200 Mal im Jahr auf der Bühne steht und auf Anweisungen reagieren muss, die einem zugerufen werden. Und man lernt ein paar Techniken, die allerdings hauptsächlich das Spiel betreffen. Ob das für den Alltagsgebrauch so hilfreich ist, weiß ich aber nicht.

Was lernt man denn da?
Vor allem, keine Angst davor zu haben, einfach loszulegen. Das Hauptproblem bei der Schlagfertigkeit ist ja, dass die Leute Angst haben zu sagen, was sie denken. (Murmelt vor sich hin) Vielleicht ist Schlagfertigkeit auch einfach, zu sagen, was man denkt. Und dann kann man?s nicht trainieren, sondern es kommt einfach darauf an, was man denkt. ? Das ist das komplexeste Interview, das ich je in meinem Leben geführt habe.

Und wir sind noch nicht am Ende.
Warum haben die Menschen denn Angst, zu sagen, was sie denken?

Ein Kollege hat mir mal gesagt: Die größte Angst des Menschen ist die vor Zurückweisung. Das ist die Urtriebfeder, der Grund, warum Leute keine Reden halten wollen: Sie haben Angst, dass andere die Rede doof finden und sie deshalb aus der Gemeinschaft ausschließen. (Verfällt wieder in den Definitions-Tonfall) Vielleicht ist Schlagfertigkeit der Verlust der Angst, in einem Gespräch zu verlieren. Oder einen Gag zu machen, der nicht funktioniert. Dabei ist das gar nicht schlimm: Gerade bei Improvisation wollen die Leute auch sehen, dass man etwas nicht schafft. Dann ist der Wert dessen, was funktioniert hat, umso größer

Hat sich durch die zwei Jahre beim Impro-Theater bei Ihnen etwas geändert?
So eine Erfahrung geht nicht spurlos an einem vorüber. Bestimmte Tricks, etwa in Reimen zu singen oder zu sprechen, sind sehr viel einfacher für mich, weil ich die so oft trainiert habe.

Dazu würde ich gerne mal eine Improvisationsübung mit Ihnen machen.
(Richtet sich auf dem Sofa auf.)
Oh ja, da bin ich sehr gespannt!

Sie haben ja VWL bis zum Vordiplom studiert. Folgende Situation: Sie müssen sich unbedingt für ein Seminar anmelden, aber vor Ihnen stehen Massen von Studis, die auch einen Platz wollen. Drängeln Sie sich vor ? in Reimen. Und bitte...
Das ? hehe ? (überlegt exakt eine Sekunde) ?Oh mein Gott, ich lieg darnieder. Da komm ich besser später wieder.? ? Ich bin einfach nicht der Vordrängler. Selbst wenn ich an der Frittenbude nur eine Gabel haben möchte, würde ich mich dafür in der Schlange anstellen.

Wow, das ging eben aber schnell.
Ja, ich hatte zuerst im Kopf: ?Ich komme später wieder? ? und dann brauchte ich nur noch eine Zeile, die auf -ieder endet.

Wie war das im VWL-Studium? Haben Sie Ihre Vorlesungen aufgemischt?
Nein, gar nicht. Ich bin nicht der Typ, der dauernd rumrennt und für Unterhaltung sorgt. Ich sitze manchmal nur so rum. Das heißt aber nicht, dass es im Studium langweilig war. Obwohl VWL schon viele langweilige Elemente hat. Interessant fand ich Spieltheorie, das hatte so etwas Strategisches. Ich war ja in Bonn, das ist eine sehr mathematische Universität, und wir haben sogar einen Nobelpreisträger. Professor Doktor Selten. (Setzt ein gespielt überhebliches Gesicht auf) Ich persönlich habe bei ihm Außenhandelstheorie gelernt. Nicht, dass ich etwas verstanden hätte. Aber ich habe bei einem Nobelpreisträger studiert, das möchte ich doch bitte erwähnt haben.

Gerne. Kann man sich mit Schlagfertigkeits-Techniken auch auf mündliche Prüfungen vorbereiten?
Mit Sicherheit. Ich erinnere mich an meine mündliche Abi-Prüfung in Erdkunde, in der ich schlagfertig war und eine Eins bekommen habe. Ich sollte auf einer topografischen Karte von Norddeutschland die Wasserlinien erklären und habe super Theorien aufgestellt, was die Schiffe auf diesen Kanälen alles machen und transportieren können. Leider sagte der Lehrer: ?Also, diese Kanäle, auf denen Ihre Schiffe fahren, die sind etwa einen Meter breit.? Das heißt, alles, was ich gesagt hatte, war totaler Unsinn

Trotzdem haben Sie eine Eins bekommen?
Ich habe spontan eine neue Theorie entwickelt, dass die Wasserlinien Abflusskanäle im Marschland sind. Das hat anscheinend funktioniert. Was ich da gemacht habe, ist im Grunde eine Regel aus der Improvisation: Egal was kommt, ich nehme es an. Wenn also auf der Bühne eine Kollegin zu mir sagt: ?Mein Sohn, komm endlich nach Hause?, dann antworte ich nicht: ?Aber ich bin doch gar nicht dein Sohn?, sondern: ?Ach, Mama!? Und wenn ich etwas erzähle und merke, es ist Unsinn, dann sage ich: ?Ich habe das Gefühl, dass meine Theorie komplett falsch ist. Deshalb würde ich gerne noch mal komplett neu anfangen, wenn ich darf.?

Mark Twain hat mal gesagt: ?Schlagfertigkeit ist das, worauf du erst 24 Stunden später kommst.?
Das kenne ich total gut. Man fährt mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig und wird von einem Opa angepfiffen, der einem mit dem Stock hinterherhaut. Meist sagt man ganz blöd ?Entschuldigung? und fährt weiter. Erst später fällt einem ein, dass man hätte anhalten sollen ? und beispielsweise total nett zu dem Opa sein. Das wäre für ihn wahrscheinlich viel schlimmer gewesen.

Gab es mal eine peinliche Situation, in der Ihre Schlagfertigkeit versagt hat?
Das werde ich oft gefragt, aber ich kann mich nie erinnern ? zumal ich nicht davon überzeugt bin, wirklich so schlagfertig zu sein. Ich habe zu oft das Gefühl: Das hätte ich sagen können, das wär?s gewesen

Ach, Ihnen geht das auch so? Das ist ja beruhigend. Dabei kommen Sie bei ?Genial daneben? ganz oft auf die Lösung der Frage. Wissen Sie einfach mehr als andere, oder denken Sie so schräg, dass dann oft das Schrägste richtig ist?
Ich sage gerne: Ich bin der Einzige, der das Konzept der Sendung nicht verstanden hat. Denn während die anderen an ihren Spaß denken und an die Unterhaltung der Zuschauer, sitze ich manchmal da und denke nur: Verdammt, ich will die Lösung!

Muss man denn gebildet sein, um schlagfertig sein zu können?
Man kann nur da schlagfertig sein, wo man gebildet ist. Wenn ich mich nur mit Autos auskenne, werde ich im Autobereich sicher total schlagfertig sein. Aber sobald das erste Motorrad kommt, hört?s auf.

Glauben Sie, dass schlagfertige Menschen erfolgreicher im Job sind?
Wenn es darum geht, ein Haus zu bauen, dann bringt einem Schlagfertigkeit relativ wenig. Wenn man aber viel mit Menschen zu tun hat, ist Schlagfertigkeit eher... (stockt). Wobei, was mir gerade auffällt: Ich glaube, Intelligenz und Allgemeinbildung sind da wichtiger als Schlagfertigkeit. Die ist ja nur ein ganz kurzer Moment, in dem man reagiert. Das ist nicht zu unterschätzen, aber nichts geht über Bildung. Das ist die Basis. Wow, da habe ich ja jetzt noch eine richtige Message entwickelt. Wahnsinn. Nichts geht über Bildung. Ist das schon die Überschrift vom Interview?

Nö. Vielleicht aber ?Ich hab?s gleich?, wie Ihr aktuelles Soloprogramm. Das klingt nach dem genauen Gegenprogramm zur Schlagfertigkeit...
Ja, genau das ist mein Problem: Meistens genügt es mir nicht, was ich an Schlagfertigkeit mitbringe. Dann sage ich: ?Ha, warte, es gibt doch noch dieses...nee, ich formulier?s mal neu...nee, Moment...also, andersrum.? Das habe ich leider öfter, dieses Stammeln.

Gut gestammelt, Herr Hoëcker! Und jetzt viel Spaß bei ?Genial daneben?.

Eigentlich wollte Bernhard Hoëcker, 37, ja Präsident der Europäischen Zentralbank werden. Doch dann kam ihm irgendwie die Comedy dazwischen. Nach dem Vordiplom brach er sein VWL-Studium ab, um Künstler zu werden. Der TV-Durchbruch kam mit ?Switch?. Seitdem findet kaum ein Impro-Comedy-Programm ohne Hoëcker statt: Bei ?Genial daneben? ist er ebenso Stammgast wie in der ?Schillerstraße?.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.06.2007