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?Ich bin heute vorsichtiger geworden?

Von Insa Lienemann, Handelsblatt
Agentur-Gründer Rainer Wiedmann behauptet sich mit seinen ?Argonauten? nach wie vor auf dem Markt.
An das Internet glaubt Rainer Wiedmann auch weiterhin.
DÜSSELDORF. Die kunstvolle Metallwand aus Rost mit dem eingelassenen Fernseher steht etwas verlassen im Büro der Kreativen herum. Ein modernes Kunststück. Nur der klobige Fernseher darin sieht neben den neuen Apple-Rechnern in der Düsseldorfer Niederlassung der ?Argonauten 360º? ziemlich alt aus.?Das ist unsere allererste Präsentationswand aus dem Jahr 1996?, sagt Agenturchef Rainer Wiedmann. Damals, als noch kaum jemand das Internet kannte, gründeten er und sein Partner Hansjörg Zimmermann als ?Argonauten? eine der ersten deutschen Multimedia-Agenturen. Heute gehören sie zu den wenigen ?Internet-Agenturen?, die sich auf dem Markt behaupten konnten. Allerdings mussten sie ihr Dienstleistungsspektrum erweitern: Inzwischen bezeichnet sich die Agentur als Marketing-Agentur. Daher auch der neue Namenszusatz: 360 Grad.

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Wiedmann entspricht nicht dem typischen Klischee eines Unternehmers der New Economy. Er ist kein Computerfreak, der in Jeans und Turnschuhen zu Kundenterminen kommt. Auch in der Old Economy hätte er seinen Weg gehen können. Schon als angehender Ingenieur entwickelte er Kostenrechnungssysteme für mittelständische Unternehmen und investierte das Geld in ein zusätzliches BWL-Studium in St. Gallen.Dennoch: Die Old Economy reizte ihn nicht. Er ging lieber in den Medienbereich, um das aufstrebende Privatfernsehen von Anfang an mitzuerleben. ?Ich bin von Natur aus ein neugieriger Mensch. Neue Techniken und Innovationen haben mich schon immer fasziniert?, sagt er. Seine Zeit verbringt er gerne mit Kreativen, Architekten, Künstlern oder Bühnenbildnern. So ist es auch kein Wunder, dass ein Stück Unternehmensgeschichte die kunstvoll gestaltete Präsentationswand und kein Pappkarton ist.Bei den Argonauten ging nichts ?ganz plötzlich?, erinnert sich Wiedmann, obwohl die Agentur schnell gewachsen sei. So war zum Beispiel das Jahr 2000 ?ein ganz großes?. Kein Wunder, dass einfach alles möglich zu sein schien. Während eines Agenturfestes, zu dem alle 250 Mitarbeiter aus den elf Büros ins Münchener Literaturhaus eingeladen waren, fragte der Agenturchef seine Mitarbeiter: ?Im Jahr 2003 haben wir 1500 Mitarbeiter. Wo siehst du dich dann in der Firma??Das seien aber keine blumigen und schillernden Visionen gewesen, die gerade in seinem Kopf entstanden seien, rechtfertigt er sich heute. Seine Zukunftspläne hätten auf Zahlen, Wissen und Strategien beruht: ?Ich habe damals fest daran geglaubt, dass das realistisch ist.?Und wieder schleicht sich sein Lieblingswort in die Unterhaltung ein ? ?Learning?. ?Welche Learnings ziehen wir daraus, und was bedeutet das für uns und unsere Kunden?? Sein Lieblingssatz.Jurist Sven Fritsche, sein langjähriger Partner, glaubt daran, dass Wiedmann sein Lieblingswort auch lebt: Statt lange zu lamentieren, ziehe er die notwendigen Konsequenzen, ändere seine Strategie. Dennoch: ?Learning? hin, Unternehmer her ? das Sturmtief traf alle Firmen der New Economy. Nur hatten die Argonauten von Anfang an die Werbeagentur Grey als starken Partner an ihrer Seite und konnten dadurch die 40 Prozent Umsatzeinbußen im Jahr 2001 mit Entlassungen und Büroschließungen überstehen.Im Gegensatz zu früher, wo die Argonauten gerne auf ihre Selbstständigkeit pochten, ist die Bindung zu Grey stärker geworden. Mit der Grey-Tochter für Dialogmarketing, ?Grey Direct?, und einer Hamburger Unternehmensberatung für Customer-Relationship-Management (CRM) bieten die Argonauten seit April dieses Jahres gemeinsame Marketingleistungen an.Wiedmann glaubt, dass es den Argonauten geholfen habe, ?bodenständig? zu bleiben. Bewusst habe man zum Beispiel damals die Entscheidung getroffen, nicht an die Börse zu gehen. Bodenständig, so urteilen seine Freunde und Kollegen, sei der Chef auch selbst immer geblieben. Seine freie Zeit verbringt er mit seiner Frau und den beiden Söhnen besonders gerne auf einer gepachteten Alm.Alexander Felsenberg, Geschäftsführer des Deutschen Multimediaverbandes (DMMV), urteilt: ?Wiedmann malt nichts zu bunt und auch nichts schön. Seine Zielstrebigkeit hat dem Verband gut getan, viele Leute aber auch irritiert.? Zudem müssen Kollegen mit seiner offenen Art umgehen können. Wenn er schon wieder einmal drei Gedanken voraus ist und andere ihm nicht folgen können, wird er ungeduldig. Dann ist Schluss mit seiner Selbstbeherrschung.An das Internet glaubt Wiedmann weiterhin. Und die Zahlen, auf die er sich gerne beruft, geben ihm seiner Ansicht nach auch Recht: Ganz ohne Zweifel gibt es immer mehr Internetnutzer. Eine Dienstleistungsstruktur um das Netz herum werde gebraucht. ?Aber was wir alle unterschätzt haben, ist, dass die Menschen ihre Gewohnheiten nicht innerhalb von fünf Jahren ändern?, analysiert er heute nüchtern. Falsch war die Annahme, dass sich nun alles um das Internet drehen würde. Die Menschen seien nach wie vor 23 Stunden am Tag offline: ?Da waren wir alle miteinander zu unkritisch.? Die vergangenen Jahre sind eben auch an Wiedmann nicht spurlos vorübergezogen. ?Ich bin sehr viel vorsichtiger geworden und würde auch bahnbrechende Entwicklungen heute erst einmal mit einer gewissen Distanz betrachten?, sagt der 40-Jährige.Denkt er heute an die Boomphase der New Economy zurück, dann erinnert er sich beispielsweise an Erich Sixt, der schon nach fünf Minuten den Konferenzraum verließ, weil damals weder Wiedmann noch sein Partner Zimmermann eine Krawatte trugen. Vor allem denkt er dabei aber an Unternehmer wie Paulus Neef und Stephan Schambach oder Manager wie Thomas Middelhoff und Ron Sommer: ?Die Visionäre, die die Gesellschaft verändern wollten und die jedes Land braucht.?Transparente Märkte und Verteilungsgerechtigkeit waren die mit dem Internet verbundenen Hoffnungen, an die sie alle glaubten und doch nicht realisieren konnten. ?Alles, was wir zurzeit machen, hat nicht mehr diesen revolutionären Anspruch wie damals.?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.10.2003