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?Ich bin gerade erst dabei, die richtige Balance zu finden.?

Interview: Astrid Dörner. Foto: Constantin Meyer/Euroforum
Wulf von Schimmelmann, bis Juni Vorstandsvorsitzender der Postbank, über seine Studentenjobs, gute Mitarbeiterführung und den Vorsatz, weniger zu arbeiten.
Herr von Schimmelmann, Sie haben im Sommer Ihren Posten als Vorstandsvorsitzender der Postbank an Wolfgang Klein abgegeben. Haben Sie sich schon an Ihre Freizeit gewöhnt?Wenn Sie meine Frau fragen, hat sich zeitlich noch wenig verändert. Wir sind gerade von Bad Homburg nach Brüssel gezogen, von wo aus ich mit einigen Unternehmen zusammenarbeite.

Die besten Jobs von allen

Außerdem sitzen Sie in mehreren Aufsichtsräten.Ja. Ich bin Aufsichtsratschef der österreichischen Bank Bawag und sitze in den Gremien von Accenture, Telekom, Post und Tchibo. Ich bin also gerade erst dabei, die richtige Balance zu finden.Fällt es Ihnen schwer, nicht mehr Chef zu sein?Mir hat ein Kollege beim Ausscheiden gesagt: Weißt du, woran man merkt, dass man nicht mehr im Amt ist? Du steigst hinten rechts ins Auto ein, und keiner fährt los. Mir ist das noch nicht passiert. Seit ich gegangen bin, war ich auch nur ein einziges Mal wieder im Büro, meine Mannschaft ruft noch ab und zu an, wenn sie Fragen hat. Bislang habe ich also überhaupt kein Problem damit.Sie haben die Postbank zuerst an die Börse, dann in den Dax gebracht. 2005 haben Sie den Baufinanzierer BHW übernommen. Wie haben Sie Ihre Vorstandskollegen durch schwierige Situationen geführt?Wichtig war für mich immer, dass wir gemeinsame Ziele hatten. Ziele, die nicht nur von oben kommen, sondern die auch alle leben wollen. Unsere Strategie war glücklicherweise so konsistent, dass meistens von vorneherein klar war, welche Entscheidungen wir treffen würden. Ich glaube, eine berechenbare Geschäftspolitik vermeidet viele Konflikte. Ein Beispiel: Bei uns hießen die wesentlichen Themen Effizienz und Vertrieb. Deswegen wusste jeder: Falls der Vertrieb nicht so erfolgreich sein sollte, müssen eben mehr Kosten gespart werden.Sie haben alle Mitglieder des Vorstands selbst ausgesucht. Der Chief Financial Officer, Marc Hess, ist gerade mal 34 Jahre alt.Marc Hess war vorher Chef des Investor-Relations-Bereichs. Ich kannte ihn daher gut aus vielen Workshops und Roadshows, die wir zusammen gemacht haben. Er ist ebenso analytisch wie kreativ. Sein einziges Handikap war für viele seine Jugend mit damals 33 Jahren. Aber da konnte ich alle beruhigen: Das ist das Einzige, was sich ohne eigenes Zutun jedes Jahr verbessert. Wann haben Sie sich dafür entschieden, in einer Bank Karriere zu machen?Ich habe zwar schon über das Anlageverhalten von Privatpersonen promoviert. Aber das wirkliche Interesse kam erst bei McKinsey. Meine allererste Studie, die ich als Unternehmensberater gemacht habe, war für einen Joghurthersteller. Meine zweite Studie betraf aber bereits eine Bank. Diese Industrie hat mich fasziniert. Ich fand es spannend, dass man auch aus einer Bank analytisch viel mehr rausholen kann, dass man die Zusammenhänge zwischen Kunden, Produkten und Filialen viel klarer aufzeigen kann, als gemeinhin praktiziert, und dass man sie dann auch besser managen kann. Deswegen habe ich mich auch schon während meiner McKinsey-Zeit ganz überwiegend auf Banken konzentriert.Sie haben in Hamburg und Zürich Wirtschaftswissenschaften studiert. Mussten Sie sich Ihr Studium selbst finanzieren?Ja, weitgehend. Ich hatte in Hamburg allerdings keinen festen Job. Immer, wenn es nötig war, habe ich mir etwas gesucht.Zum Beispiel?Oh, alles Mögliche, was das Arbeitsamt für Studenten angeboten hat, auch im Hamburger Hafen. In Zürich hatte ich dann ein Teilstipendium vom Evangelischen Studienwerk und habe mir nebenbei als Tutor was dazuverdient. Damit bin ich gut zurechtgekommen. Wobei mein Ziel immer war, trotz der Nebentätigkeiten die Studiendauer nicht zu verlängern. Das hat auch ganz gut geklappt. Ich habe nach sieben Semestern Examen gemacht und nach zehn Semestern promoviert.Gibt es einen Grundsatz, den Sie während Ihrer 35-jährigen Karriere immer befolgt haben?Im Internat habe ich gelernt, selbst in schwierigsten Situationen mein Gegenüber fair zu behandeln und ihm immer einen gesichtswahrenden Ausweg aufzuzeigen. Gerade wenn es sich um schwere Entscheidungen handelt, will jeder das Licht am Ende des Tunnels sehen. Deshalb war für mich auch immer das Verhältnis zu unseren Arbeitnehmervertretern ausgesprochen wichtig ? gerade weil so viele gravierende Veränderungen in den Mitarbeiterstrukturen notwendig waren.Welche Rituale aus Ihrem Alltag als Vorstandsvorsitzender konnten Sie noch nicht loswerden?Ich stehe weiterhin meist kurz nach sieben auf und gehe abends nicht lange nach elf Uhr ins Bett. Soweit nötig, beantworte ich morgens meine E-Mails und führe einige Telefongespräche. Ich habe auch bis vor ein paar Wochen immer montags um halb sieben Tennis gespielt ? 17 Jahre lang. Jetzt haben aber mein Partner und ich beschlossen, nur noch Golf zu spielen.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.10.2007