Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

?Ich bin das Geld wert?

Von Frank Siering
Mit einem komplizierten Rechnungsmodell und durch den Zustand des ?besonderen Umstands? kommen Anwälte in den USA auf außergewöhnliche Honorarforderungen. Amerika, das Land der unbegrenzten Anwaltshonorare?
LOS ANGELES. Der Anwalt aus dem Städtchen Oakland in Kalifornien hatte es auf die Spitze getrieben. 5,4 Millionen Dollar Gebühren wollte Gary William für seine Dienste von seinem Auftraggeber kassieren. Doppelt so viel Geld wie er im Urteil für seinen Klienten herausgeholt hatte.?Ich bin das Geld wert?, kommentierte William schulterzuckend, als er von seinem Auftraggeber, der University of California, auf die horrende Rechnung angesprochen wurde. Mit einem komplizierten Rechnungsmodell und durch den Zustand des ?besonderen Umstands? kam William auf diese Außergewöhnliche Honorarforderung. Das für die USA typische ?Contingency-Modell? half dem Juristen aus der Bay Area beim schnellen Geldverdienen.

Die besten Jobs von allen

Hätte die University of California den Anwalt auf normaler Stundenhonorar-Basis angeheuert ? also für 350 Dollar je Stunde ? wäre das Honorar wesentlich niedriger ausgefallen.Dieser Prozess allerdings ?bei dem es um die Verschwendung von Steuergeldern eines Universitätsangestellten ging? ? verzögerte sich um mehrere Monate, und das Erfolgshonorar wurde in diesem Fall immer wieder neu veranlagt. ?Wir haben unserem Auftraggeber mehrmals gesagt, dass der Fall komplizierter ist als andere und daher ein anderes Honorarmodell verlangt?, rechtfertigte sich der Jurist.Amerika, das Land der unbegrenzten Anwaltshonorare? ?Schaut man sich die unverhältnismäßigen Schwierigkeiten in diesem Prozess an, ist die Forderung von Mr. William durchaus gerechtfertigt?, urteilt Ethik-Professor Richard Zitrin über die Rechnung des Rechtsexperten.Der Grund für teils unrealistisch wirkende Honorare von Anwälten in den USA basiert auf dem Prinzip der ?Contingency Fees?, der Erfolgshonorare. In Deutschland bislang entrüstet abgelehnt, blühen Contingency-Prozesse in den USA wie nie zuvor.Lesen Sie weiter auf Seite 2:In einem Tabak-Vergleich in Florida bekam der Bundesstaat einen Scheck über 3,4 Milliarden Dollar.In einem Tabak-Vergleich in Florida bekam der Bundesstaat einen Scheck über 3,4 Milliarden Dollar. Der Anwalt verlangt gleichzeitig 3,4 Milliarden Dollar Erfolgshonorar. Florida-Gouverneur Jeb Bush zu der Rechnung: ?Das ist obszön.?Ob nun obszön oder nicht, in den USA gibt es keine Gesetze, die Erfolgshonorare regeln. ?Du kannst als Anwalt zwei Wege gehen, wenn Du einen Fall übernimmst?, erzählt Steven Schuman, Anwalt in Los Angeles. ?Du lässt Dich auf Stundenbasis anheuern, oder Du nimmst den Fall auf Erfolgsgarantie an.? Richtlinien bestimmen zwar, in welchem Rahmen sich die Honorare im Falle eines Sieges vor Gericht bewegen sollten. ?Meist sind es zwischen 20 und 30 Prozent der vom Richter zugesicherten Schadenssumme?, erklärt Schumann. ?Aber es gibt Ausnahmen.??Das Gesetz ist dazu da, den Menschen zu dienen und nicht den Anwälten?, wettert Nancy Udell. General Counsel von ?Common Good?, einer Organisation, die in Washington Lobbyarbeit für die Begrenzung von Anwaltshonoraren macht. Präsident George Bush selbst nutzt immer wieder die Gelegenheit, um seinem Unmut gegenüber ?Anwälten, die unser Bruttosozialprodukt aussaugen?, Luft zu machen. Nach einer Studie der George Washington University verschlangen Prozesskosten im Jahre 2004 rund drei Prozent des Bruttosozialproduktes in den USA. Udell glaubt, dass die Anwälte die ?Grenze der Verhältnismäßigkeit längst missachten.?Nicht zuletzt deshalb schwappen wohl auch immer wieder Prozess-Schlagzeilen über den Atlantik, die von sagenhaften Summen berichten. Drei Millionen Dollar forderte ein Anwalt für eine Frau in New Mexico, die sich im Restaurant an einer heißen Tasse Kaffee den Mund verbrannte. 50 Millionen Dollar klagte ein High-School-Schüler in New York ein, weil ihn sein Coach aus dem Baseball-Team warf. Der Grund: Scouts der Baseball-Profi-Liga könnten ihn jetzt nicht mehr im Spiel beobachten und rekrutieren. Seine potenzielle Karriere sei somit zerstört worden. Oder jener Fall in Minnesota: Ein Mann verklagte einen Freizeitpark auf 20 Millionen Dollar, weil er dort vom Blitz getroffen wurde. Das Parkmanagement hätte ihn warnen sollen.Hier zu Lande entlocken solche teils irrwitzigen Klagen den meisten Juristen nur Kopfschütteln. In den USA rechnen sich eine ganze Armada von Juristen gute Chancen aus und nehmen den Fall auf Erfolgshonorar-Basis gerne an. Sicher, die meisten Klagesummen werden schon vor dem Gerichtstermin stark reduziert. Der verbrannte Mund in New Mexico kostete die Restaurant-Kette 450 000 Dollar Vergleichssumme. Und den Parkbesucher, den der Blitz traf, bügelte der Richter ? ohne einen Cent ? ab mit den Worten: ?Nutzen Sie ihre Zeit lieber für eine anständigen Tätigkeit.?Aber allein die Chance, mit einem obskuren Fall vor Gericht viel Geld zu verdienen, lockt Anwälte wie das Licht die Motten. Die American Bar Association (ABA), die Anwaltskammer, freilich verteidigt ihre Mitglieder: ?Contingency fees entstellen nicht den ethischen Standard unserer Zunft?, solange sie ?angemessen sind?. Auf Druck aus Washington richtete die ABA jedoch eine Task-Force ein. Elf Anwälte sollen herausfinden, ob diese hohen Erfolgshonorare gerechtfertigt sind. Steven Lesser gehört zu dieser Task-Force: Er kam zu dem Schluss, dass ?Erfolgshonorare weiterhin gewährleistet sind, so sie denn der Verhältnismäßigkeit entsprechen.? ?Das war nur heiße Luft?, urteilt Udell von Common Goods: ?Die Lösung wäre ein Limit am Prozentsatz?, so die Lobbyistin. ?Wir würden mehr Fälle ohne Gerichte lösen, und ein höherer Teil der Schadenssumme würde beim Klienten statt beim Anwalt landen.?Steve Schuman kontert: ?Jeder Fall verlangt individuelle Begutachtung. Wenn Du 60 Tage lang jeden Tag zehn Stunden an dem Fall dran bist, dann kommst Du mit zehn Prozent nicht auf Deine Kosten.? Roth: ?Kein Anwalt der Welt würde es dafür mit der Tabak- oder der Pharmaindustrie aufnehmen?.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.04.2006